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„Take This Waltz“ Wenn die Musik endet

Sarah Polleys Tragikomödie „Take This Waltz“ wahrt die Perspektiven ihrer Darsteller und nimmt niemandem die Chance auf Sympathie.

07.03.2013 15:42
Philipp Bühler
Daniel (Luke Kirby) bezaubert Margot (Michelle Williams). Foto: Koolfilm

Die Liebe ist ein Karussell, ein toller Ritt, aber auch eine Kinderei für Erwachsene. Mit dem neuen Partner fahren wir eine Weile im Kreis. Doch irgendwann steht alles still, die Musik ist aus. Manche bleiben nun sitzen, wenn es sein muss ein Leben lang. Sie hoffen, dass alles noch einmal beginnt, und in „Take This Waltz“ geschieht das auch. Diese Karussellfahrt auf irgendeinem Rummel gehört zu den vielen Kreiselbewegungen des Films, der sich um subtile Bilder wenig schert. Natürlich ist das Kitsch, eine Illusion mit Wiederholungszwang. Aber dieser eine Moment auf Michelle Williams’ Gesicht, da sie der Illusion gewahr wird und die Musik auf einmal noch dringender braucht als die Luft zum Atmen – dieser Blick gehört zu den filmischen Sternstunden der jüngeren Zeit.

Sternstunden des Kinos

Es kommen noch ein paar dazu. Denn Daniel (Luke Kirby), der Mann an ihrer Seite, ist nicht am Ziel. Der Grund dafür sitzt zu Hause, im buntesten Häuschen einer selbst schon illusionären Vorortidylle bei Toronto, und hält den neuen Nachbarn für einen netten Kerl. Lou (Seth Rogen) ist ja selbst einer, und würde er seine Ehefrau Margot (Williams) beschreiben, gälte das auch für sie. Genau hier liegt das Problem. In ihrer trauten Zweisamkeit ist Unterhaltung garantiert, ihren infantilen Neckereien geht nie die Luft aus – ein tolles Paar! Aber es dreht sich nichts mehr, etwas fehlt. Es ist nicht die Liebe, sonst wäre alles schrecklich einfach. Mit allzu tiefen Gefühlen hat Margots atemloses Kreiseln im Liebesdreieck nicht viel zu tun. Und das macht die zweite Regiearbeit der kanadischen Charakterschauspielerin Sarah Polley mitunter so rasend schmerzhaft.

In Polleys brillantem Alzheimer-Drama „An ihrer Seite“ war es fast rührend komisch, wie Julie Christie die Dinge vergisst, selbst die Liebe zu ihrem Mann. In „Take This Waltz“ hingegen gerät die Wiederentdeckung einer vergessenen Lust mal höchst amüsant, mal abgrundtief unheimlich. „Was würdest du mit mir tun?“, will Margot von Daniel wissen, als Sex noch nicht mehr ist als ein Gedanke. Die Antwort würde Lou nicht hören wollen. Die roten Ohren trägt man noch aus dem Kino.

Dilemma weiblichen Begehrens

Polley wahrt alle drei Perspektiven gleichermaßen, nimmt niemandem die Chance auf Sympathie. Keine Frau sollte einem wie Daniel vertrauen, sagt der Verstand. Doch Verstand ist keine sexuelle Kategorie. Viele Zuschauer werden zu Lou halten, den der Komiker Seth Rogen so vielschichtig spielt wie noch keine andere Rolle. Die Sorge um den Einzelnen entspringt einer tiefen Identifikation mit der Hauptperson, die wie Polley filmisch denkt, die mögliche Katastrophe immer vor Augen hat und die verkitschten Gefühle ebenso fürchtet wie sucht. Mit einer neuerlichen Glanzleistung verkörpert Michelle Williams diese Zerrissenheit grandios.

Weniger romantisch betrachtet, handelt „Take This Waltz“ vom ganz normalen Dilemma weiblichen Begehrens in unserer Zeit. Margots Welt besteht aus nichts als Freiheit und der Verantwortung, die daraus erwächst. Wie die Liebe selbst verläuft auch die Geschichte der Liebe in Kreisen. Sarah Polley findet einprägsame Bilder für diesen ewigen Taumel, zuletzt in einer Karussellfahrt der Kamera durch ein verschwitztes Loft, die man so schnell nicht vergisst. Margot muss sich entscheiden, ob sie diesen Walzer nimmt – bei vollem Bewusstsein, dass auch diese Musik einmal endet.

Take This Waltz Kanada 2011. Buch & Regie: Sarah Polley; 116 Min., FSK 12.

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