Lade Inhalte...

„Symphatisanten“ Die Ambivalenz des Deutschen Herbstes

Felix Moellers Doku „Symphatisanten“ hinterfragt wenig. Die Momente eines Innehaltens gegenüber jener Staatsfeindschaft, die als Haltung kultiviert wurde, sind selten.

„Symphatisanten“
Margarethe von Trotta und Heinrich Böll. Foto: Filmwelt

In „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wird die Protagonistin eines Morgens von einem Einsatzkommando der Polizei heimgesucht, weil sie im Verdacht steht, einem Terroristen Unterschlupf gewährt zu haben. In dem Roman von Heinrich Böll besticht die Szene ebenso durch ihre emotionale Direktheit wie in der Verfilmung von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta, in der die junge Angela Winkler die zerbrechliche Katharina spielt. 

Die Akteure eines aufgerüsteten Polizeistaats und eine rücksichtlose Boulevardpresse drangsalieren wehrlose Bürger. So jedenfalls lautete die linksliberale Lesart der westdeutschen Verhältnisse, die Mitte der 70er Jahre durch den „bewaffneten Kampf“ der RAF-Terroristen heraufbeschworen worden war. 

Noch Jahre später litt Heinrich Böll daran, als sogenannter Sympathisant für die Erzeugung eines geistigen Klimas verantwortlich gemacht zu werden, das den Terrorismus überhaupt erst ermöglicht habe. Böll wusste, worüber er schrieb, Schlöndorff und von Trotta hatten erlebt, was sie filmten. In ihrem Ferienhaus in der Toskana wurde eine Razzia durchgeführt, weil das Paar verdächtigt wurde, Kämpfer der Roten Brigaden versteckt zu halten.

Mit dabei war auch Felix Moeller, der Sohn Margarethe von Trottas, der in seinem Dokumentarfilm „Sympathisanten“ der beklemmenden Atmosphäre der 70er Jahre nachzuspüren versucht. Von Trottas Tagebuch ist dabei eine Art Leitfaden aus Erlebtem und Gefühltem für Felix Moellers Gespräche, etwa mit den verurteilten Ex-RAF-Leuten Karl-Heinz Dellwo und Christoph Wackernagel sowie dem Schriftsteller Peter Schneider und Marius-Müller Westernhagen.

Es scheint sich bei den Befragten schnell wieder das Gefühl einzustellen, Bewohner eines Staates gewesen zu sein, der sie als Andersdenkende diffamierte. Moeller hat hinreichend Material gefunden, das diesen Eindruck belegt: die Tagesschau-Kommentare von Matthias Walden etwa, dem „die Bölls“ gefährlicher erschienen als die Baader/Meinhof-Gruppe. Die alte Empörung kehrt zurück, und Christoph Wackernagel droht rot anzulaufen, als er mit sozialpsychologischen Erklärungen über sein Abtauchen in den Untergrund konfrontiert wird, als habe er es nicht selbst gewollt.

Die Momente eines Innehaltens gegenüber jener Staatsfeindschaft, die als Haltung kultiviert wurde, sind selten, aber es gibt sie. So beschreibt Marius Müller-Westernhagen, der mit dem Jugendlichen Felix Moeller in von Trottas Film „Das zweite Erwachen der Krista Klages“ vor der Kamera stand, dass es auch „schick war zu sympathisieren“. Der verunsicherte Rechtsstaat produzierte Opfer, aber er scheint auch das Bedürfnis forciert zu haben, zum Opfer gemacht zu werden. Der Film trägt viel Material zusammen, aber er schafft es kaum, es intellektuell zu durchdringen. 

Wer die Ambivalenz der Jahre, die in den Deutschen Herbst führten, verstehen will, sollte sich noch einmal den Essay „Erfahrungshunger“ des kürzlich verstorbenen Berliner Schriftstellers Michael Rutschky vornehmen. Er führt weiter als die 101 Minuten im Kinosessel.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen