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"Sweeney Todd" Köpfe werden rollen

Tim Burton verfilmt Sondheims schaurige Geschichte um einen blutdürstenden Barbier. Ein Splatter-Musical zwischen Oper, Brecht-Weill-Theater und Kino. Mit Trailer

Teufel im Leib, Splatter-Schalk im Nacken: Johnny Depp und Helena Bonham Carter. Foto: Verleih

Der Regen tropft bleischwer aus wattigen Wolken, wie sie immer über dem Vorspann eines Dreamworks-Films einschweben. So dicke Tropfen gibt es nur im Trickfilm, was uns ein wenig milde stimmt, selbst als sie sich in sattes Blut verwandeln: Solange Tim Burton die schaurige Geschichte vom Londoner Barbier, der seine Opfer etwas zu glatt rasierte und dann zu Fleischpasteten verarbeitete, im Disneystil erzählen möchte, soll uns das recht sein.

So schlimm wird es dann wohl nicht werden. Die Kamera folgt dem wandernden Tropfen weiter zum Fleischwolf, dessen Stahlwellen einiges zu zermalmen haben. Dann wandert die Aufnahme zum Ofen und den appetitlichen Küchlein. Ihr warmer Dampf vermischt sich mit dem obligatorischen Londoner Nebel.

Nicht nur Musicals, auch Filme hatten einmal Ouvertüren. Wer das Kino liebt, schwärmt von den Vorspännen, die der legendäre Saul Bass für Hitchcock, Preminger und Wilder drehte. Und wer Musicals liebt, der liebt sie schon vom ersten Takt der Ouvertüre an.

Wenn der Komponist Steven Sondheim seine Themen zum ersten Mal vorsichtig auspackt, zeigt Burton schon mal den Sack, in dem die Katze steckt. Auch wenn es nur der finstere Schauplatz des versunkenen Dickens'schen London ist, ein Fleischwolf und ein dickes Tröpfchen Blut.

Steven Sondheims mit dem Terminus Musical nur unzureichend beschriebenes Musiktheaterwerk "Sweeney Todd" spannt einen denkbar weiten Radius zwischen Oper, Brecht-Weill-Theater und Kino. Dabei fasst der Komponist eine ganze Kulturgeschichte der Faszination mörderischen Wirkens in musikalische Formen: Wenn der Barbier sein tödliches Messer zieht, spielen die Streicher harte, dissonante Akkorde, die unwillkürlich Bernard Herrmans legendäre Filmmusik zu "Psycho" evozieren. Tim Burton hat nun wieder Kino aus dieser cinephilen Musik gemacht.

Zu den schrecklichen Höhepunkten synchronisiert er Bild und Musik so eng, wie man es nur aus Disneys Trickfilmen kennt. Zugleich aber zeigt er alles, was eine aufwändige Broadway-Produktion nur suggerieren kann in einer Deutlichkeit, die auch das schaurige Grand-Guignol-Theater hinter sich lassen dürfte. "Köpfe werden rollen", hieß einmal der Slogan seines Films "Sleepy Hollow".

Nun fallen sie in Serie, das Blut spritzt wie im Splatterkino. "Sweeney Todd" ist das erste Splatter-Musical. Auch wenn Filmemacher wie Peter Jackson, Quentin Tarantino oder Eli Roth längst das Mainstream-Publikum Blut lecken ließen an ihrem Lieblingsgenre. Es ist schon etwas anderes, diesen Effekt an einem Produkt der Hochkultur exerziert zu sehen.

Johnny Depp singt die Hauptpartie mit zartem, jungenhaftem Tenor. Seine von Natur aus eher schwache Stimme macht die Rolle noch menschlicher und auch bedrohlicher. Wie bei Kurt Weill kann auch bei Sondheim eine zu gute Stimme den Effekt leicht ruinieren. Die gesangserfahrene Helena Bonham Carter spielt Mrs. Lovett, die Pastetenbäckerin eine Etage unter Sweeney Todds Barbier-Salon, als Idealbesetzung. Sweeney Todd hat eine Rechnung zu begleichen.

Der Richter, der ihn unschuldig in die Verbannung schickte, trägt auch die Schuld am Tod seiner Frau. Nun hat er es auf dessen Tochter abgesehen. Todds Rachefeldzug gegen die korrupte Londoner Gesellschaft kennt bald kein Halten mehr.

Es ist das ideale Sujet für Tim Burton, diesen größten Stilisten im phantastischen Kino der Gegenwart. Doch sie scheint ihn zugleich zu lähmen. Kannte in seinen leichteren Filmen wie "Edward mit den Scherenhänden" - der Titel scheint jetzt fast als Vorgriff auf "Sweeney Todd" - sein Einfallsreichtum keine Grenzen, wirkt er hier streckenweise vor Respekt gelähmt.

So virtuos wie sein Film beginnt, ist er bald darauf nicht mehr annähernd. Die Innenaufnahmen in den Kulissen des Fellini-Veteranen Dante Ferretti bleiben gutes Theater, bis die immer weiter enthemmten Morde Burton zu einem Hyperrealismus treiben, der ihm auch nicht wirklich liegt. Was dabei verloren geht, ist das Imaginative, wie es gerade der Filmvorspann in seinen Auslassungen so meisterhaft erzeugte.

Nicht, dass man sich scheute, all das Blut spritzen zu sehen, diese Szenen sind grandios. Eher kann einen die Sehnsucht nach jenen eher banalen Seiten des Theaters befallen, die digital aufbereitete Bilder selten überliefern: Ein plötzlicher Lichtwechsel zum Beispiel, etwas Staub in der Luft oder ein richtig gesetzter Moment völliger Dunkelheit. Hier aber liegt ein sonderbarer Firnis über den Bildern, ein etwas verordneter Stilwillen. Alles sieht aus wie immer bei Tim Burton, zugleich aber kommt der imaginative Fluss seiner Phantasie zwischendurch zum Stillstand.

Dies aber geschah ganz gewiss nur aus Respekt und aus Bewunderung vor der Bühnenvorlage. Ihr gegenüber macht Burton alles richtig: Er betont den Realismus im Dekor und auch den unpathetischen Ton der narrativen Songs. Er nimmt sie so ernst wie kaum eines seiner Filmthemen zuvor. Obwohl auch das Makabere ja seine leichten Seiten hat. Gut möglich, dass die Kuchen des Sweeney Todd leichter herunter gingen als sein filmisches Denkmal.

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