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„Styx“ Wie Flüchtlinge im Stich gelassen werden

Gleichermaßen ein kunstvolles Seestück wie eine politische Anklage: Wolfgang Fischers Drama „Styx“ ist der Film der Stunde.

Der Film "Styx" kommt in die Kinos
Sie möchte nach Ascension, sie findet schiffbrüchige Flüchtlinge: Susanne Wolff als Ärztin und Seglerin. Foto: epd

Es wäre schön, diesen Film über einen einsamen Segeltörn zu erleben, ohne zu wissen, wohin seine Reise tatsächlich geht. Dann könnte man sich vielleicht noch mehr dem hypnotischen Fluss seiner Montagekunst hingeben, sich in seine offenen und doch präzisen, sich nie erschöpfenden Bilder versenken. Mit dem Namen des mythologischen Totenflusses „Styx“ beziehungsweise der gleichnamigen Göttin hat Regisseur Wolfgang Fischer den Titel vieldeutig genug gehalten. Schon der Premiere im Panaroma der vergangenen Berlinale ging freilich das Etikett „Flüchtlingsdrama“ voraus. So weiß nun wohl jeder, dass dies der Film ist, in dem Susanne Wolff eine Ärztin und Hobbyseglerin spielt, der auf dem Atlantik ein havariertes Flüchtlingsboot begegnet.

Der Hilferuf, den sie absetzt, wird sofort von der Küstenwache verstanden und beantwortet, doch dies auf eine Weise, von der wir erst jetzt wissen, dass sie offenbar vielfach Methode hat: Bloß wegbleiben, lautet die knappe Anweisung, fahren Sie weiter, wir kümmern uns schon.

„Styx“ beweist seine Qualität in jeder Sekunde

Die Frau tut es nicht und beobachtet eine tödliche Untätigkeit. Sie zieht einen halbtoten Jungen (Gedion Oduor Wekesa) aus dem Wasser, der sich ihrem Boot genähert hat, eher getrieben als geschwommen. Als er versteht, was nicht geschieht, dass weder die Küstenwache noch ein nahes Containerschiff Anstalten machen zu helfen, wird seine Verzweiflung für beide lebensgefährlich.

Haben wir jetzt doch zu viel verraten? Kaum. Dies ist ein Film, der seine Qualitäten jede Sekunde lang aufs Neue beweist, so wie ein großartiges Stück Musik oder ein Werk des Avantgardefilms. Seine humanistische Aussage, die durch die Aktualität eine beklemmende Steigerung erfahren hat, verhält sich zu seiner meisterlichen Form wie Lyrik zu Musik.

Schwer zu sagen, was nun zuerst da war: die Form oder ihr Inhalt. Die wenigen Dialoge, die auf eine Schreibmaschinenseite passen, Susanne Wolffs physisches Spiel, der semidokumentarische Stil erinnern an eine der spannendsten Zeiten der Filmgeschichte: Jene Periode zwischen der Stumm- und Tonfilmzeit, als das Kino alles konnte, aber dem Credo der Moderne folgend des Guten nicht zuviel tun wollte. Dieser großartige Film gehört in eine Reihe mit den Pionieren Robert Flaherty, Joris Ivens oder Paul Fejos, Filmemachern, die sich zwischen Dokument und Drama nicht entscheiden mussten.

„Styx“ ist ein Stück Zivilisationskritik

Am Anfang stehen magische Bilder aus der Wirklichkeit: Auf Gibraltar, dem späteren Ausgangspunkt der Reise, turnen Affen lässig über der Stadt. Benedict Neuenfels’ Kamera fügt sie in streng komponierte Bilder, ebenso wie die kurze Exposition, in der uns die Hauptfigur begegnet. Aus der Vogelperspektive sieht man eine Kölner Kreuzung, auf der ein Raser in das Auto eines Unbeteiligten donnert. Susanne Wolffs Notärztin versorgt das Opfer mit aller professionellen Ruhe, die sie auch in späteren Szenen beweisen wird: Etwa wenn ihr Boot in einen Sturm gerät, ein hier herrlich heruntergespieltes Drama.

Dies ist eben nicht „All Is Lost“ wollen uns diese Bilder zu diesem Zeitpunkt sagen, auch wenn J. C. Chandors Seedrama mit Robert Redford vielleicht auch Wolfgang Fischer ermutigt haben mag, dass so ein Film überhaupt zu machen ist. Tatsächlich ist bei Fischer „Alles“ aber dann doch etwas weiter gefasst als das Leben eines einzelnen Abenteurers.

„Styx“ ist nicht weniger als ein Stück Zivilisationskritik. Auf den Spuren Darwins steuert die Medizinerin eine Insel an, die dieser 1836 besuchte, das noch immer britische Ascension. Kurzzeitig besiedelt wurde die Insel 1701 von Schiffbrüchigen; 1725 starb dort ein wegen Sodomie verurteilter Seefahrer einen einsamen Hungertod und hinterließ ein Tagebuch. Charles Darwin aber hatte Gutes mit dem kargen Eiland vor. Gemeinsam mit dem Biologen und Botaniker Joseph Dalton Hooker entwickelte er einen Plan, der das Land durch Aufforstung zu einem Garten Eden machen sollte.

Das Projekt wurde einst von den Briten umgesetzt und gilt als erstes erfolgreiches Beispiel für sogenanntes „Terraforming“. Auch wenn Ascension im Film ein unerreichter Wunschort bleibt, ist er doch präsent. Die Seglerin blättert in einem Bildband und spricht kurz darüber, als sie die Besatzung des Containerschiffs anfunkt. Diesem seltenen Beispiel für eine geglückte Weltverbesserungsmaßnahme aus kolonialistischer Zeit stehen Abgründe entgegen: die enthemmte Kölner Raser-Fahrt, schließlich der Unwillen, Schiffbrüchige zu bergen, solange sie noch am Leben sind.

Unfassbar erschien das noch vielen Zuschauern auf der vergangenen Berlinale. Leider allzu wahr erscheint es heute.

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