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Streitkultur

Kommunist steht gegen Faschist - und sie haben sich einiges zu sagen. Daniele Luchettis "Mein Bruder ist ein Einzelkind"

15.05.2008 00:05
GERHARD MIDDING

Ehrfürchtig betreten die Pilger den in feierliches Halbdunkel getauchten Wallfahrtsort. Vor dem Sarkophag entrichten sie ihren traditionellen Gruß. Eigentlich müsste auch Accio vor dem Duce seinen Arm ausstrecken, aber stattdessen bekreuzigt er sich. Es ist eine rätselhafte, anstößige Geste. Für einen Moment glaubt man, sie sei ihm aus Verlegenheit unterlaufen. Aber dann begreift man, was sie wirklich ist: ein instinktiver, menschlicher Impuls.

Accio (Elio Germano) hat sich der faschistischen Partei angeschlossen, um seine Eltern zu provozieren, von denen er sich weniger geliebt fühlt als seine Geschwister. Nicht von ungefähr nennt man ihn in der Familie die "Giftkröte". Widerstand und Rebellion sind sein Lebenselement. Schon im Priesterseminar beharrt er darauf, ein Sünder zu bleiben. In der Partei erweist er sich als unberechenbarer Störenfried. Nichts zeichnet seinen Lebensweg stärker vor, als die Rivalität zu seinem Bruder Manrico (Riccardo Scamarcio), dem Frauenschwarm und überzeugten Kommunisten.

Es ist ein merkwürdiger Held, den uns Daniele Luchetti in seinem neuen Film zumutet. Sandro Petraglia und Stefano Rulli, die interessantesten Drehbuchautoren im italienischen Gegenwartskino, haben für Luchetti den autobiographisch geprägten Roman "Il Fasciocomunista" von Antonio Penacchi adaptiert, dessen Titel den Wandel des Protagonisten vorhersagt.

Schon mit der Familiensaga "Die besten Jahre" hat das Autorenduo einen zweifach präzisen Blick bewiesen: für die übergeordneten historischen Ereignisse und für die Reaktion der Individuen, die sich ihren Weg bahnen durch Ideologien und Zeitläufte. Auch hier statten sie ihre Figuren mit einer besonderen Gabe zu teilnehmender Zeitgenossenschaft aus. Wie in den Filmen von Ettore Scola ist bei ihnen politisches Engagement eingebettet in ein sehr italienisches, umfassendes System von Kultur und Gemeinschaft, von der Suche nach einem Zuhause. Es ist ein Medium der Kommunikation: Beim Streiten lernen Accio und Francesca (Diane Fleri), die Freundin seines Bruders, sich kennen und schätzen; ihre Blicke sagen ohnehin etwas anderes als die Worte.

Die Autoren sind integere Chronisten, weil sie elegant auf dem schmalen Grat zwischen ironischer Revision und gefälliger Nostalgie wandeln. Sie wahren eine respektvolle Distanz zu den eigenen Überzeugungen. Luchettis Inszenierung baut eine zusätzliche Spannung auf; ohne Reibungsverlust. Ihr Gestus zielt ganz auf Gegenwärtigkeit, nimmt das Zeitkolorit stark zurück (es ist keine geringe Leistung, einen Film über die Epoche zwischen den frühen 60er Jahren und dem Beginn der bleiernen Zeit Anfang der 70er zu drehen, in dem keine einzige Vespa vorkommt). Agil folgt Claudio Collepiccolos Kamera jeder Geste der Darsteller. Man hat den Eindruck, der Film sei eine einzige Nahaufnahme in Bewegung, eine Wette mit der eigenen, visuellen Phantasie: Wie viel lässt sich in der Konzentration auf die Gesichter und das Körperspiel über die Zeitläufte und den Wandel der Figuren erzählen?

Mein Bruder ist ein Einzelkind,

Regie: Daniele Luchetti, Italien / Frankreich 2007, 100 Minuten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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