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Spielberg-Film "Gefährten" Zwischen den Fronten

Wie von John Ford: Steven Spielbergs zeitlose Verfilmung von Michael Morpurgos Jugendbuch „Gefährten“ verklärt nichts. Tiere sind im Krieg auch nur Kanonenfutter.

Szene aus dem Film "Gefährten". Foto: dpa

Die Sterne stehen endlich wieder günstig für die Filmgeschichte. Mit dem Kinoerfolg „The Artist“ ist gerade der Stummfilm zurückgekehrt; Hollywood poliert bereits die Oscar-Statuetten für den Franzosen Michel Hazanavicius und sein chancenreiches Team. Das heißt, falls sie nicht an Martin Scorseses „Hugo Cabret“ gehen – die Fantasy-Geschichte, die den Namen des Filmpioniers Georges Méliès wieder in aller Munde brachte. Doch wenn man ehrlich ist, vertrauen beide Filme nicht wirklich der vergangenen Filmkunst, die sie feiern.

So sympathisch sie sind – verglichen mit den Werken ihrer Vorbilder wirken sie mit den koketten Übertreibungen wie jene Nostalgie-Radios, die heute so beliebt sind, obwohl in ihnen keine Röhren glühen. Einen Filmemacher aber gibt es, der sich noch messen kann an den Meistern des alten Hollywood. Nicht aus Nostalgie, sondern weil ihm ihre Kunst ins Blut übergangenen ist. Sein Name: Steven Spielberg.

Man stelle sich einen betagten Filmfan vor, der seine letzte Eintrittskarte etwa 1956 kaufte für John Fords Westernklassiker „The Searchers“. Löste er nun wieder eine für Spielbergs „Gefährten“, würde er glauben, Ford sei nie gestorben. Obwohl diese Geschichte eines Pferdes an schreckliche Orte führt, die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, ist sie ein Epos von schwelgerischer Sinnlichkeit. Nicht, weil es dabei etwas zu beschönigen gäbe, sondern weil jede Szene erwärmt ist von der Menschlichkeit einer Darstellerführung, die auch der kleinsten Nebenfigur mit derselben, liebevollen Aufmerksamkeit begegnet und so die größten Wunder weckt. Ins Bild gesetzt wurde „Gefährten“ von Janusz Kaminski, dessen Kamera-Auge die Palette von Technicolor so gut beherrscht wie das Schwarz-Weiß von „Schindlers Liste“. Es ist ein Kino der Bilder und Töne: John Williams hat seine schönste Filmmusik seit Langem geschrieben, aus guten dramatischen Motiven – sein Held, ein Pferd, kann nicht sprechen.

Erfolgreiche Theaterproduktion

Das war anders in der literarischen Vorlage von Michael Morpurgo, die als innerer Pferdemonolg verfasst wurde. Nun haben wir durch Robert Redford gelernt, dass Pferde ein gutes Ohr haben für das, was man ihnen zuflüstert. Und aufgrund der Größe ihrer Köpfe empfehlen manche Lehrer Schülern noch heute, sogar das Denken den Pferden zu überlassen.Dennoch konnte Spielberg auf das Pferde-Englisch getrost verzichten und die Geschichte trotzdem aus der Perspektive des Hengstes Joey erzählen: Wie er von einem jungen Bauernsohn daran gewöhnt wird, einen schweren Pflug zu ziehen – und so das Rüstzeug erwirbt für den mörderischen Fronteinsatz. Denn gleich auf welcher Seite der treue Hengst auch Dienst tun muss, stets hat er schwere Artillerie durchs raue Land zu bewegen. „War Horse“ (wie Buch und Film prosaischer im Original heißen) verklärt in dieser Hinsicht nichts: In diesem Krieg, und auch in jedem anderen, sind Tier und Mensch Kanonenfutter.

Im Londoner Westend und an New Yorks Broadway hat eine erfolgreiche Theaterproduktion die Pferdeoper bereits in ein Puppenspiel mit menschlichen Nebendarstellern übersetzt. Wenn das sympathische, aber stilistisch nicht wirklich überzeugende Buch jetzt an Steven Spielberg geriet, ist das eine ähnlich glückliche Fügung wie jene Wendungen zum Guten, die auch Joey immer wieder auf seiner Odyssee erfährt. Spielberg, der mit 29 Jahren bekannt wurde, weil er einen Gummi-Hai zum modernen Moby Dick erhob, gab einmal darüber Auskunft, welche Filme er sich privat ansehe. Keiner davon war jünger als siebzig Jahre. „Gefährten“ zeigt, dass das nicht nostalgisch gemeint war. Es ist vielleicht sein bester Film.

Gefährten (War Horse) USA 2011. Regie: Steven Spielberg, Drehbuch: Lee Hall, Richard Curtis, Kamera: Janusz Kaminski, Darsteller: Jeremy Irvine, Emily Watson, David Thewlis u.?a.; 146 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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