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Shirin Neshat Was stört sie an Oum Kulthum?

Shirin Neshats etwas unentschlossener, sprunghafter Film über eine berühmte ägyptische Sängerin.

Kinostart - "Auf der Suche nach Oum Kulthum"
Nachdenken und zweifeln: Mitra (Neda Rahmanian, l) mit Oum Kulthum (Najia Skalli). Foto: dpa

Die iranische Filmemacherin Shirin Neshat beschäftigte sich bereits mit der Rolle der Frau in der muslimischen Welt, als sie noch Fotografin war. „Women of Allah“ betitelte sie eine Bilderserie von Mitte der 90er Jahre, in der sich bereits Stilmittel der späteren Filme wie „Women Without Men“ finden: Die harschen, fast blendenden Kontraste, oft zwischen Schwarz und Weiß, die an der Kalligraphie orientierte Ornamentik, die Überraschungsmomente, wenn vollständig verhüllte Frauen plötzlich weiße Haut zeigen oder mit Waffen hantieren. In „Women Without Men“, ihrem in Venedig mit dem Regiepreis ausgezeichneten ersten Spielfilm nach zahlreichen Videoinstallationen, sterben die Frauen buchstäblich angesichts männlicher Übermacht. Diese kritische, feministische Haltung brachte Shirin Neshat fast zwangsläufig in Konflikt mit der iranischen Zensur, so dass sie schon lange im Exil, vor allem in den USA, lebt.

„Auf der Suche nach Oum Kulthum“ hat sie nun ihren neuen Spielfilm benannt, wobei dieser Titel wohl in erster Linie auf ihre eigene ästhetische und intellektuelle Auseinandersetzung mit der ägyptischen Sängerin anspielt. Lange wollte Shirin Neshat ein Biopic über die Musikerin drehen, welche erst den König und später Nasser verzückte. Sie scheiterte, und zwar nicht zuletzt an den Vorbehalten gegenüber einer persischen Regisseurin, die sich an einen Film über eine Ikone der arabischen Kultursphäre wagt.

Der nicht sehr glückliche Ausweg, den Neshat aus diesem Dilemma fand, ist nun zu besichtigen: Ihre Suche nach Oum Kulthum ist eine Geschichte mit doppeltem Boden, ein Film im Film mit zwei Hauptfiguren. Die eine ist Oum Kulthum, die andere die iranische Filmregisseurin Mitra, die einen Film über die Sängerin drehen will. Und daran scheitert.

Beide Erzählungen verschränkt Shirin Neshat durchaus elegant ineinander: Die Rückblenden in Oum Kulthums Jugend, ihr Aufstieg zu einer Sängerin, deren Ruhm in der westlichen Welt mit der Callas vergleichbar wäre, ihre Durchsetzungskraft, mit der sie die Karriereplanung in der eigenen Hand behält – all das ist im historisierten Gewand und oft in Schwarz-Weiß gedreht. Fast nahtlos gehen diese Szenen aus den plüschigen Konzertsälen der 40er und 50er Jahre über in das Making-of des Films, mit einer zunehmend verzweifelten Mitra, der das Machotum männlicher Darsteller ebenso zusetzt wie im Privatleben das irritierende Verschwinden des Sohnes. Vor allem aber verschiebt sich im Laufe der Dreharbeiten ihre eigene Perspektive auf die Hauptfigur.

Unbefriedigend daran ist, dass diese Sequenzen bis zum Selbstmitleid vergrübelt, gleichzeitig aber ungeheuer abgehoben wirken. Was ist bloß mit dem Sohn los? Warum wirft Mitra einen aufsässigen Schauspieler im hohen Bogen hinaus, nur damit er ein paar Szenen weiter noch immer mitspielt? Und worin genau besteht ihr Problem mit Oum Kulthum, der sie einerseits bewundernd Autonomie attestiert, die sie andererseits aber kühl und berechnend findet? Warum soll denn ausgerechnet eine solche Spannung ein Widerspruch sein, der ihr Filmprojekt zum Scheitern bringt, und nicht eine fruchtbare Vieldeutigkeit, aus der sich erst recht schöpfen ließe? All diese Fragen lässt Neshat unbeantwortet; und nicht zuletzt deshalb wirken ihre Skrupel herbeigeholt.

Vor allem aber überwölben diese selbstreflexiven Exkurse die Geschichte der Sängerin, die Shirin Neshat angeblich nicht erzählen kann, die sie dann aber doch irgendwie erzählt. Denn die Illusion funktioniert: Immer wieder befinden wir uns in einem historischen Film über Oum Kulthum, der zeigt, wie sie die erste Radiostation in Ägypten im Studio Kairo eröffnet. Oder wie sie zunächst vor Faruk, und dann vor ihrem Freund Nasser singt, im selben Konzertsaal obendrein, allerdings unter radikal veränderten politischen Vorzeichen. 

Diese aber kommen viel zu kurz, weil Neshat einen herausreißt aus einer facettenreichen Geschichte, nur um ihre Regisseurin Mitra, gespielt von der seltsam unbewegten Neda Rahmanian, wieder beim Nachdenken und Zweifeln zu beobachten. Shirin Neshat wollte beides haben, einen Film über Oum Kulthum, und einen darüber, warum es so schwer ist, diese Figur zu greifen. Im Ergebnis ist beides zu wenig, vielleicht deshalb, weil Neshat selbst sich nicht genügend darüber im Klaren ist, warum sie mit ihrem ursprünglichen Projekt an Grenzen gestoßen ist.

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