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Sexszenen „Das Instrument des Schauspielers“

Distanz, Ehrlichkeit und Bademäntel: Eine Diskussion über Sexszenen im Film

Mónica Lairana
Mónica Lairana. Foto: Gianni Mestichelli

Seit #MeToo sieht man Sexszenen in Filmen anders. Das konnte einem besonders angesichts von „Human, Space, Time and Human“, dem Berlinale-Beitrag des koreanischen Regisseurs Kim Ki-duk bewusst werden. Er zeigt Sex mit Prostituierten, Massenvergewaltigungen und Liebesszenen, manchmal auf eine Weise gegeneinander geschnitten, dass man das Gefühl haben kann, hier sollen Grenzen fallen. Eine koreanische Schauspielerin wirft Kim Ki-duk vor, er habe sie in der Sexszene für einen anderen Film damit überrascht, dass sie es nicht wie versprochen mit einer Penisprothese, sondern einem echten Penis zu tun hatte.

Um Sex im Film ging es bei einer Talents-Diskussion, und die vier Regisseure dort halten von einem derartigen Überraschungseffekt gar nichts. „Wir sind brutal ehrlich zu unseren Schauspielern“, sagte der Brasilianer Marcio Reolon, der zusammen mit seinem Kollegen Filipe Matzembacher mit „Tinta Bruta“ im Panorama vertreten ist.

In dem Film performt ein schwules Paar live vor einer Webcam für schwule Chatrooms. Die Darsteller müssten wissen, was von ihnen erwartet würde, sie sollten sich damit wohlfühlen, und dann würden diese Szenen geprobt so wie alle anderen Szenen auch.

Kein schnelles Bedecken

Bis 1960 wurde Sex im Film höchstens indirekt gezeigt, abgeschafft wurde der sogenannte Hays-Code, der solche Szenen in den USA verbot, sogar erst 1967. Vor diesem Hintergrund klingt die argentinische Regisseurin Mónica Lairana fast extrem: „Es gibt keinen Unterschied zwischen einer Sexszene und anderen Szenen“, sagte sie. Deshalb lägen an ihrem Set etwa auch keine Bademäntel bereit, mit denen die Schauspieler sich schnell bedecken können, hieße es auch nicht: Jetzt alle raus, wir drehen eine Sexszene: „Das Instrument eines Schauspielers ist sein Körper.“

Ihr Film „La Cama“ beginnt mit einer herzzereißenden Szene zwischen einem Ehepaar Ende fünfzig, beide nackt. Die beiden versuchen alles Mögliche, um miteinander zu schlafen – vergeblich. Hier geht es nicht um Erotik, sondern um die Repräsentation einer altgewordenen, kaputten Beziehung mit den Mitteln einer Sexszene. Wann kann man im Kino so etwas sehen!
Darum, dass die Filmbranche wohl besonders anfällig ist für die unheilvolle Verbindung von Sex und Macht, ging es nur indirekt. Der Portugiese Jõao Pedro Rodrigues („O Fantasma“) sprach vom Vertrauen zwischen Schauspielern und Regisseur, und der Notwendigkeit, Distanz zu wahren. „Ich hatte nie was mit einem von ihnen.“

Einen anderen Aspekt erwähnte der aus dem homophoben Brasilien stammende Marcio Reolon. Die Darstellung von schwulem Sex sei auch politisch. „Ich empfinde das als Ermächtigung.“ Man hat es fast vergessen: Sex und seine Repräsentationen können auch Ausdruck einer Emanzipation sein.

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