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„Schätze des deutschen Films“ Eine Heimat für Dr. Mabuse und Manitu

Die Potsdamer Gesellschaft „Schätze des deutschen Films“ will Erbe und aktuelles Kino im Internet für alle zugänglich machen. Der Anspruch ist hoch, sehr hoch – und vielleicht nie zu erfüllen.

26.02.2013 15:34
Ralf Schenk
Auch „Der Schuh des Manitu“ wird in der „digitalen deutschen Nationalvideothek“ abrufbar sein. Foto: dpa

Die Potsdamer „Schätze des deutschen Films GmbH“ will bis zu 12.000 abendfüllende Spiel- und Dokumentarfilme im Internet zugänglich machen. Damit soll das deutsche Filmerbe von seinen Anfängen bis zur Gegenwart problemlos erreichbar werden. Ein Ziel, für das sich die drei Firmengründer – der Berliner Produzent Joachim von Vietinghoff, der Babelsberger Medienunternehmer Andreas Vogel und der Münchner Regisseur und Lindenstraßen-Erfinder Hans W. Geissendörfer – mit nicht nachlassender Zuversicht engagieren.

Dieser Idealismus ist auch dringend notwendig. Die Gesellschaft muss die Inhaber der Filmrechte finden und von der Mitarbeit überzeugen. Das ist im Falle der Friedrich-Wilhelm-Murnau- und der Defa-Stiftung, die das deutsche Filmerbe aus der Zeit vor 1945 und der DDR verwalten, noch relativ einfach: Deren Rechteverwerter Transit und Progress haben bereits nichtexklusive Lizenzen an „Schätze des deutschen Films“ vergeben. Komplizierter sieht es mit so genannten verwaisten Werken aus, aber auch mit Filmen, die in der Bundesrepublik entstanden: Hunderte weit verstreute Produzenten, Regisseure, Rechtehändler und TV-Anstalten müssen ins Boot geholt werden, um dem Anspruch einer gewissen Vollständigkeit zu genügen. Reichtümer werden sie mit dem Abrufangebot übers Internet nicht erwerben.

Auch die technische Umsetzung bedarf eines langen Atems. Im Unterschied zu benachbarten Ländern, etwa Frankreich, den Niederlanden und Schweden, hat Deutschland sein Filmerbe zum großen Teil noch nicht digitalisiert. Digitale Formate sind aber Voraussetzung dafür, die Filme ins Netz einzuspeisen. Der Kostenfaktor ist immens, und je höher auflösend ein Film digitalisiert wird, umso teurer ist das Verfahren: Mehr als 12.000 Euro pro Titel sind für ein HD-Format durchaus üblich. Murnau- und Defa-Stiftung oder die Stiftung Deutsche Kinemathek brauchen deshalb dringend Fördergelder des Bundes und der Länder, und auch „Schätze des deutschen Films“ wird ohne Sponsoren nicht überleben können.

Klassiker des deutschen Films

Im vollen Bewusstsein aller Unwägbarkeiten wurde vor einigen Tagen der Startschuss für die von den Unternehmensgründern so genannte „digitale deutsche Nationalvideothek“ gegeben: Die Webseite www.alleskino.de ging mit zunächst 190 Filmen ins Netz. Neue sollen peu á peu hinzukommen. Jeder Film kann für die Dauer von 48 Stunden per Mausklick ausgeliehen werden, dafür sind Preise zwischen 0,99 und 4,99 Euro fällig. Zu den ersten Titeln, die auf der Seite zu finden sind, gehören Literaturadaptionen wie „Homo Faber“, Stummfilmklassiker wie „Dr. Mabuse, der Spieler“, Komödien wie „Der Schuh des Manitu“, Berlin-Filme wie „Die Mörder sind unter uns“ sowie Kinderfilme wie „Der Räuber Hotzenplotz“. Der Regisseur Philip Gröning („Die Terroristen“) ist mit gleich mehreren Arbeiten vertreten, auch Winfried und Barbara Junges komplette Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“. Um Nutzer an die Webseite zu binden, wurden Gratisfilme eingestellt, etwa „Der Unhold“. Über die Filme hinaus soll es Hintergrundinformationen über Entstehungsgeschichten, filmhistorisches Umfeld und die daran beteiligten Künstler geben – das setzt allerdings eine ständig arbeitende Redaktion voraus, die auch finanziert werden muss.

„Ob Arthouse oder Blockbuster, unsere Plattform will Heimat für alle Produktionen der deutschen Filmindustrie werden“, betonte Joachim von Vietinghoff zum Start der Webseite. Die Netzgemeinde zeigt sich angesichts solcher Versprechen jedenfalls verhalten optimistisch und hofft sogar, dass dadurch eine „tadellose Aufarbeitung unserer kreativen Hochphasen“ geschehen könnte, „gerade um sie der derzeitigen Mainstream-Tiefphase lachend entgegen zu stellen“.

www.alleskino.de

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