Lade Inhalte...

Ruth Bader Ginsburg Pop-Ikone des amerikanischen Feminismus

Ruth Bader Ginsburg ist 85 Jahre alt, und sie gehört immer noch dem Supreme Court an, dem Obersten Gerichtshof der USA. Ein Kinofilm würdigt ihre Arbeit und ihr Leben.

Ruth Bader Ginsburg
„Notorious R.B.G.“, hier mit dem damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, der sie 1980 zur Richterin am Court of Appeals ernennt. Foto: Koch Films

Montpelier, die Hauptstadt des US-Bundesstaats Vermont, hat ein Problem mit dem Gemeinen Efeu. Vor allem der Radweg entlang des Winooski River war vollkommen überwuchert, aber die Stadt entschied sich, nicht mit chemischen Mitteln gegen das Unkraut vorzugehen. Stattdessen setzte sie im August drei Ziegen ein. Mit Erfolg, aber darum geht es hier natürlich nicht. Interessant sind die Namen, die die Tiere tragen: Ruth, Bader und Ginsburg. 

Ruth Bader Ginsburg gehört dem Supreme Court an, dem Obersten Gerichtshof der USA, sie ist 85 Jahre alt und eine feministische Pop-Ikone. Notorious R.B.G. wird sie von ihren Fans genannt, ihr Gesicht hinter den riesigen Brillengläsern ist auf T-Shirts abgebildet, auf Tassen und Taschen, in der Late-Night-Serie „Saturday Night Live“ wurde ihr vor kurzem ein Sketch gewidmet, im Oktober erschien eine Biografie, an Weihnachten kommt ein Biobic über sie in die Kinos, und auch der Dokumentarfilm, um den es hier geht, ist Teil des ungewöhnlichen Hypes um die Richterin. „Ich bin 84, und alle wollen sich mit mir fotografieren lassen“, sagt sie darin einmal.

Man merkt, dass sie die Aufmerksamkeit von vor allem jungen Menschen genießt.

Dabei sind Supreme-Court-Richter sonst in der Öffentlichkeit so unbekannt wie die des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. Und das ist sinnvoll. Wer sich der Öffentlichkeit aussetzt, macht sich womöglich beeinflussbar. Aber was, wenn das Private politisch ist, wie diese Huldigung in Form einer Dokumentarfilms so eindrucksvoll wie humorvoll zeigt?

Einstige Schulkameradinnen kommen darin zu Wort, Ginsburgs Kinder und Enkel, Kollegen, Freunde und immer wieder sie selbst. Die Filmemacherinnen dürfen sie ins Fitnessstudio begleiten, wo sie trainiert, seit sie zwei Krebserkrankungen überstanden hat. Und diese Szenen befriedigen keinen Voyeurismus, sondern sind nur ein weiterer Beweis für den Willen dieser zerbrechlich wirkenden Frau. Sogar ihr persönlicher Trainer ist beeindruckt: „Sie ist eine Maschine.“

Ruth Bader Ginsburg wurde 1933 in einem Brooklyner Arbeiterviertel geboren, ihr Vater war Jude aus Odessa, ihre Mutter hatte österreichische Vorfahren. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der für Frauen die Position der Hausfrau vorgesehen war, nahm aber nach der Hochzeit mit Martin Ginsburg und 14 Monate nach der Geburt ihrer Tochter ein Jura-Studium in Harvard auf – als eine von neun jungen Frauen unter 500 Männern. Sie war eine Schönheit, das zeigen Fotos aus dieser Zeit. Es sind die 50er Jahre. Der Dekan, der die neun Studentinnen zum Dinner lädt, tut dies nicht, um sie willkommen zu heißen, sondern um sie zu fragen, ob ihnen bewusst sei, dass jede von ihnen einem Mann den Platz wegnehme.

Sie geht den Weg des Rechts, äußert sich nicht politisch

Ginsburg schließt ihr Studium als Klassenbeste ab und findet trotzdem keine Arbeit, weil die Kanzleien nur Männer nehmen. Schließlich darf sie als erste Frau an der Rutgers Universität unterrichten, verdient aber weniger als ein Mann, mit der Begründung, dass sie ja verheiratet sei. In vielen der Fälle, die sie später als Anwältin übernimmt, kämpft sie gegen Ungerechtigkeiten, die ihr selbst widerfahren sind.

Die Darstellung dieser Verfahren, visuell umgesetzt mit Fotos, Zeitungsartikeln und auch Interviews mit den Frauen, für die Ginsburg sich einsetzte, sind der stärkste Teil des Films, gegen den die unkritische Darstellung ihrer Trivialisierung etwa in Form von Fanartikeln etc. deutlich abfällt. 

Es beginnt 1973 mit dem Fall Frontiero gegen Richardson. Sharron Frontiero, Leutnant bei der Luftwaffe, zog vor den Supreme Court, um ihr Recht auf Wohngeld und Krankenversicherung für ihren Mann einzuklagen, Leistungen, die ihren männlichen Kollegen automatisch gewährt wurden. Ginsburg gewann den Prozess.

Bill Clinton nominierte Ginsburg 1993 als Richterin am Supreme Court. Im Interview erzählt er, wie ihm schon nach 15 Minuten im Gespräch mit ihr klar gewesen sei, dass seine Wahl auf sie fallen würde. Auch in dieser Position setzt sich Ginsburg für die Gleichbehandlung der Geschlechter ein. Bekannt etwa ihr Dissens im Fall Lily Ledbetter, die gegen ihren Arbeitgeber Goodyear Tire klagte, der sie jahrelang schlechter bezahlt hatte als ihren Kollegen. Das Gericht entschied, der Fall sei verjährt, doch Ginsburg setzte sich mit ihrem abweichenden Votum mit Hilfe der Politik durch. 2009 setzte der Kongress den Lily Ledbetter Fair Play Act in Kraft.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen