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Robby Müller Das Licht und die Menschen

Zum Tod des einzigartigen Kameramanns Robby Müller.

Robby Müller
Robby Müller. Foto: dpa

In einer Szene des Films „Paris, Texas“ von Wim Wenders trifft der vorübergehend aus der Welt gefallene Travis (Harry Dean Stanton) auf seinen Bruder, der ihm erklärt, dass er seinen Lebensunterhalt mit der Herstellung der großen Werbetafeln verdient, die an den amerikanischen Highways in übergroßen Darstellungen die Konsumbedürfnisse der Passanten anregen sollen. „Ach, von dir sind die“, gibt Travis lakonisch zurück.

Die Wiederaneignung der eigenen Biografie (die Annäherung an den Sohn, die Wiederbegegnung mit der Ehefrau, gespielt von Nastassja Kinski) verläuft für Travis über eine zwanghafte Bindung ans authentische Erleben und das überaus spannungsgeladene Verhältnis von Original und Kopie. In einer Welt, die auf inflationäre Weise Bilder erzeugt und in Umlauf bringt, erweist sich Travis als geradezu abhängig von ursprünglicher Erfahrung.

Bildermacher für Wenders oder Jarmusch

Seine filmhistorische Bedeutung bezieht der Film „Paris, Texas“, der bei seinem Erscheinen im Jahr 1984 durchaus kontrovers im Kontext einer Debatte über Ästhetisierung und Postmoderne diskutiert wurde, nicht zuletzt aus der eindringlichen Bildgestaltung des Kameramanns Robby Müller. Es sind Bilder von großer Intensität, in denen Müller selbst profanen Straßenkreuzungen einer amerikanischen Kleinstadt eine lyrische Dichte verleiht, die einerseits an die Gemälde Edward Hoppers erinnern und in ihrer Lichtdramaturgie auf Jan Vermeer verweisen, den großen holländischen Maler des 16. Jahrhunderts.

Zugleich aber trägt jedes einzelne Bild doch die Signatur des niederländischen Kameramanns Robby Müller, der 1940 in Willemstad, Curaçao geboren wurde und durch die langjährige Zusammenarbeit mit Wim Wenders, aber auch mit den Regisseuren Jim Jarmusch und Lars von Trier sowie solitären Arbeiten, etwa für Andrzej Wajda und Michael Winterbottom, als einer der bedeutendsten Kameraleute im Kino des späten 20. Jahrhunderts gilt.

„Master of Light“ lautete im vergangenen Jahr der Titel einer Ausstellung in der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz in Berlin, die Robby Müller insbesondere auch in wechselnden Kollaborationen mit verschiedenen Regisseuren als ungemein eigenständigen Bildermacher präsentierte.

Nach zwei frühen Filmen, die Müller 1968 und 1969 mit dem späteren „Lindenstraßen“-Regisseur Hans W. Geißendörfer gemacht hatte, kam es 1970 zur ersten Kooperation mit Wim Wenders bei dessen Film „Summer in the City“. Der Film verblüfft und fasziniert heute durch eine aufreizende Langsamkeit, in der sich Regisseur und Kameramann über lange Einzeleinstellungen und Kamerafahrten, zum Beispiel vorbei am Berliner Flughafen Tempelhof, regelrecht aufeinander einzustimmen schienen.

Was Robby Müller und Wim Wenders vom ersten Film an miteinander verband, war ein beinahe religiöser Glaube an die Bedeutung jeder einzelnen Filmeinstellung, der sich in „Alice in den Städten“ (1974) und „Im Lauf der Zeit“ (1976) mit Wenders’ sprödem Witz und dessen Lust an kinematographischen Exkursen kongenial mit Robby Müllers Empathie für das dargestellte Personal verband.

Vom filmischen Selbstverständnis eines Wim Wenders war der Weg nicht weit zur Entdeckung der amerikanischen Lebenswelt aus der Perspektive eines Jim Jarmusch, mit dem Müller bald nach dessen Debüt „Permanent Vacation“ 1986 zu dessen „Down by Law“ aufeinandertraf.

Es ist gewiss nur eine Randnotiz, dass Jarmusch seine beiden Hauptrollen Jack und Zack an die Musiker John Lurie und Tom Waits vergeben hatte. Es verweist aber zugleich auf die große Musikalität, die in beinahe allen Filmen Robby Müllers zum Vorschein kommt, am deutlichsten natürlich in Wenders’ legendärem „Buena Vista Social Club“. Musikalisch ist dabei nicht die Fähigkeit zu nennen, die Musiker bei ihrem Tun abzufilmen. Wie kaum ein anderer hat es Robby Müller in seinen Filmbildern vielmehr verstanden, den Blick auf Menschen, und was zwischen ihnen entsteht, in Schwingungen zu versetzen.

Robby Müller ist nun, wie seine Familie am Mittwochabend mitteilte, im Alter von 78 Jahren an seinem Wohnort Amsterdam nach langer Krankheit gestorben.

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