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Ridley Scott „Ich weiß nicht, was und ob ich glauben soll“

US-Regisseur Ridley Scott über die Fortsetzung seiner „Alien“-Saga, die Gefahren der Roboter-Technologie und warum man Pferden in die Nüstern blasen sollte.

Ridley Scott
Ridley Scott auf der Weltpremiere des neuen „Alien“-Films in London. Foto: rtr

In den vergangenen 40 Jahren haben Sie viele unterschiedliche Filme gedreht. Und doch ist die „Alien“-Thematik anscheinend ein Herzstück Ihres Schaffens.
Nicht wirklich. Ich drehe gerade „All the Money in the World“, einen Film über die Getty-Entführung. Danach „The Cartel“, die Verfilmung eines Don Winslow-Thrillers. Darin geht es um den Drogenkrieg in Mexiko. Wie Sie schon sagten, habe ich im Laufe meiner Karriere sehr verschiedene Filme gemacht, mich in diversen Genres ausprobiert und mich immer von meinem eklektischen Geschmack leiten lassen. Ich wollte mich schließlich nicht langweilen.

Trotzdem haben Sie vor fünf Jahren mit „Prometheus – Dunkle Zeichen“ den Faden der „Alien“-Saga wieder aufgenommen und nun mit „Alien: Covenant“ weiterge-sponnen ...
... weil ich nach der sehr guten Erfahrung beim „Prometheus“-Dreh wieder großen Spaß am Science-Fiction-Genre bekommen habe. Und mit meinem neuen „Alien“-Film wollte ich vor allem das Franchise reparieren. Von den „Alien“-Filmen, die auf meinen folgten, fand ich den von James Cameron gut, die beiden anderen okay, aber die „Alien versus Predator“-Filme schlicht schrecklich. Dieser Alien ist eine ganz besondere Kreatur. Und ich wollte ihn in seinem ursprünglichen Glanz wieder auferstehen lassen. Außerdem wollte ich auf ein paar essentielle Fragen endlich die richtigen, logischen Antworten geben. Es hat mich schon immer gewundert, dass sie in all den vorangegangenen Filmen nie gestellt oder gar beantwortet wurden.

Zu Beginn von „Covenant“ will der Androide David von seinem menschlichen Schöpfer wissen, warum Menschen sterben und Androiden nicht ...
... eine sehr zentrale Frage, die ich eminent wichtig finde. Sie zeigt uns ja auch, dass Androiden sich – trotz ihrer menschlichen Gestalt – vollkommen vom Menschen unterscheiden. Und im Prolog wird während der Tee-Zeremonie bereits auf Davids evolutionäre Beschaffenheit hingewiesen, die schon das Böse in sich angelegt hat.

Im Film gibt es ja zwei Androiden – Walter und David -, beide hervorragend von Michael Fassbender gespielt. Und man weiß lange nicht, welcher der Gute und welche der Böse ist.
Diese Dichotomie ist natürlich gewollt und auch sehr interessant. Zum Beispiel als David auf den weißen Alien trifft. Da ist der Alien überhaupt nicht aggressiv. Der Grund dafür ist, dass sich ja nur deshalb sicher fühlt, weil David nicht menschlich ist und so für ihn keine Bedrohung darstellt. David will dem Alien in die Nasenlöcher hinein atmen, weil der Alien ihm dann für immer ergeben ist. Das ist für mich eine Schlüsselszene.

Könnten Sie das bitte vertiefen?
Als ich sehr jung war, bin ich viel geritten und wollte eigentlich Jockey werden. Ich habe sogar im schottischen Lockerbie ein paarmal an Pferderennen teilgenommen. Und da haben mir ältere Jockeys gesagt, dass Pferde es sehr gerne mögen, wenn man in ihre Nüstern bläst. Und dass man so sehr gut mit Pferden kommunizieren kann. Daran habe ich mich bei den Dreharbeiten erinnert. So schließen sich die Kreise.

Sie erzählten mir einmal, dass Sie ein eingefleischter Agnostiker sind.
Das ist richtig. Gott kann man nicht rational erfassen. Oder anders ausgedrückt: Ich weiß nicht, was und ob ich glauben soll.

Und doch scheint es, dass Sie gerade Ihre „Alien“-Filme als Vehikel dafür benutzen, nach Gott zu suchen. Im „Covenant“-Prolog heißt es: „Es muss doch mehr geben!“
Auch ein sehr wichtiger Satz. Natürlich suche auch ich immer noch nach Antworten auf die großen Fragen: Woher kommen wir? Warum leben wir? Wohin gehen wir? Und für die Beschäftigung mit diesen Sinnfragen sind meine „Alien“-Filme ganz gut geeignet. Dieses „über-uns-hinaus-denken“ ist doch eigentlich eine logische Konsequenz unseres Daseins. Erst kürzlich meinte ein Wissenschaftler, der auch für die NASA arbeitet, dass es höchst wahrscheinlich ist, dass es in unserer Galaxie noch weiteres Leben gibt. Die Frage ist nur, auf welchem Stand der Evolution sich diese anderen Lebensformen befinden.

Und Sie teilen diese Meinung?
Aber sicher. Da muss ich doch nur in den Sternenhimmel schauen. Dabei dann zu denken, wir wären in diesem gigantischen Kosmos die Einzigen – das wäre doch höchst lächerlich.

Sind wir Menschen dann die „Krone der Schöpfung“ oder eher am unteren Ende der Evolutions-Skala?
(Lacht) Das ist die Gretchenfrage! Wenn wir oben stehen würden, dann wäre ja alles in Ordnung. Denn dann würde in den nächsten 100 Jahren – Dank unserer technischen Überlegenheit – nicht viel passieren. Wenn wir uns allerdings im Vergleich zu den Aliens auf Affen-Niveau bewegen, dann wäre es durchaus denkbar, dass die Aliens uns weit überlegen sind und Waffen haben, mit denen sie uns jederzeit vernichten könnten. In diesem Fall stimme ich dem Astrophysiker Stephen Hawking zu, der sagte: „Hoffentlich finden sie uns nicht.“

Im Raumschiff Covenant ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz und Robotertechnik schon lange Alltag. Was halten Sie denn im wirklichen Leben von Robotern? Diese Technologie ist ja gerade wieder sehr en vogue. Ist das ein Segen oder ein Fluch?
Künstliche Intelligenz begleitet uns im Alltag ja schon länger. Wir haben sogar beim Drehen dieses Films einen Computer-Chip benutz, der künstliche Intelligenz besitzt. Dadurch konnten wir sehr viel Zeit sparen. Und im Bereich Medizin zum Beispiel kann ich diese neuen Technologien nur sehr begrüßen. Gerade bei der Forschung. Eine komplexe Datenerhebung, die sonst vielleicht Jahre dauern würde, kann der Computer jetzt in vier Tagen leisten. So können Probleme viel schneller und effizienter gelöst werden. Das finde ich fantastisch. Andererseits würde ich es für einen großen Fehler halten, wenn man Roboter erfinden würde, die total selbständig denken könnten – ohne jegliche Kontrolle. Das wäre sehr gefährlich.

Sie meinen, Roboter könnten dann in unsere Köpfe schauen?
Daran wird doch schon gearbeitet. Der nächste Schritt ist, dass man sich Zugriff zu unseren Gedanken verschafft. Und was dann? Über die allgegenwärtige Videoüberwachung regt sich schon lange keiner mehr auf.

Lassen Sie Ihren Laptop auch mal offen stehen?
Ha, ich habe überhaupt keinen Laptop! Ich mache alles mit dem Smartphone. Und wenn ich meinen Laptop offen stehen lassen würde, was könnte man dann schon sehen? Wie ich Sex mit meiner Frau habe? Oder dass ich fluche? Ich könnte also sagen: Was soll’s? Aber so einfach ist das eben nicht. Das hat Oliver Stones Film „Snowden“ sehr gut gezeigt. Wir werden mittlerweile ja fast immer und überall ausspioniert. Und das ist nichts anderes als Hausfriedensbruch. Schon schlimm genug, aber damit hört es ja nicht auf. Dieses „Big Brother Is Watching You“ hat schon längst eine brisante politische Dimension.

Inwiefern?
Ich frage mich schon: Wie haben Putin und Trump bei der Wahl zum amerikanischen Präsidenten eingegriffen? Was genau wurde da manipuliert? Was wir darüber wissen, ist sicher erst die Spitze des Eisbergs. Heutzutage muss man doch nur behaupten, Hillary Clinton hat Alzheimer! Ganz egal, ob es stimmt oder nicht. Natürlich stimmt es nicht! Aber der Schaden da ist schon angerichtet. Denn einen Präsidenten, der Alzheimer hat, wählt doch keiner! Solche fake news sind fucking dangerous!

Wenn wir schon von Albträumen sprechen: Haben Sie schon jemals geträumt, dass Ihre Brust aufkracht und ein Alien herausspringt?
(Lacht) Nein, das nicht. Aber ich habe eine Art von Klaustrophobie. Ich könnte nie ein Höhlenforscher sein. Wenn ich mir vorstelle, wie ich in einem dunkeln Höhlengang entlang robbe und dann vielleicht sogar darin stecken bleibe – das ist mein Horror-Albtraum schlechthin. Und wenn man richtig Panik bekommt, schwillt der ganze Körper an – und dann bleibt man erst recht stecken. Da kann man nur noch hoffen, von einer Regenflut wieder herausgespült zu werden ... Dagegen ist das Filmen auf einem „Alien“-Set ein Spaziergang.

Würden Sie selbst gern mal in den Orbit fliegen? Ab nächstem Jahr soll das für zahlungskräftige Kunden möglich werden.
Machen Sie Witze? Nie im Leben!

Stellen Sie sich vor, Sie fallen in einen so tiefen Schlaf wie die Astronauten im Film und werden erst nach vielen Jahren wieder reanimiert. Wer sollte Sie aufwecken?
Meine Frau. Ich habe Anfang des Jahres endlich geheiratet (zeigt stolz seinen Ehering). Aber wir sind schon seit 23 Jahren zusammen. Ich habe also lange und gut für diese Ehe geübt (lacht). Aus dem Tiefschaf soll mich bitte nur meine Frau aufwecken.

Interview Ulrich Lössl

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