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Retrospektive Von Robotern, zerrissenen Stiefeln und Mary Pickford

Die Retrospektive der 62. Berlinale entdeckt eine „rote Traumfabrik“ wieder: Sie ist dem legendären deutsch-russischen Filmstudio Meschrabpom-Film gewidmet.

09.02.2012 16:39
Barbara Wurm
Frühe Science Fiction: „Aelita – Der Flug zum Mars“ vom RegisseurJakow Protasanow, mit Julija Solnzewa, Aleksandra Peregonez (UdSSR 1924). Foto: Deutsche Kinemathek

Was ist und was kann eine „rote Traumfabrik“? Die Vermutung, ja Verheißung liegt nahe: Sie produziert Träume in Rot, fixiert sozialistische Utopien auf Zelluloid, bringt die Revolution ins Kino und damit in die neue, von Ausbeutung befreite Welt. Die Retrospektive der 62. Berlinale entdeckt nun eine „rote Traumfabrik“ wieder: Das legendäre russische Filmstudio Meschrabpom und sein deutscher Zweig Prometheus schrieben in den Jahren 1922 bis 1936 Filmgeschichte.

Dabei ging es keineswegs nur um linke Bildpolitik. Ein genauer Blick auf das einstige Medienimperium Meschrabpom (russisch für Internationale Arbeiter-Hilfe IAH) lässt auch andere Bezüge hervortreten. Der als typisch sowjetisch gefeierte Revolutionsfilm war in der russisch-deutschen Filmfabrik vielleicht sogar unterrepräsentiert, während die klassischen Genres der eigentlichen Traumfabrik Hollywood – insbesondere die Komödie – hier zu einer eigenständigen Form und filigranen Ausdifferenzierung fanden: angesiedelt im neuen Sowjetalltag mit all seinen Facetten der Neuen Ökonomischen Politik, kurz NEP genannt.

Die NEP war Ende der 1920er-Jahre schon wieder vorbei, abgelöst von einer mit brachialer Gewalt über die UdSSR fegenden Euphorie für Industrialisierung und Fortschritt. Der Fünfjahrplan ging auch an dem einzigen teilprivatisierten Studio des zentral organisierten Kinostaats nicht spurlos vorüber. Im Schicksalsjahr 1936 war es dann aus: Für Experimente dieser Art gab es unter Stalin keinen Platz mehr.

Die Meschrabpom war das Ergebnis der strategisch geglückten Vereinigung von individuellem Unternehmergeist auf der russischen Seite und internationaler Kommunismus-Politik auf der deutschen. 1922 taten sich der Filmprofi Moisej Alejnikow und der „rote Medienunternehmer“ Willi Münzenberg zusammen. Einzigartig an dieser Film-AG, die zunächst Meschrabpom-Rus und dann Meschrabpom-Film hieß, war der in allen Produktionen und über jede politische Phase hinweg spürbare Glaube an die Kinematografie als genuine Kraft.

Die Beispiele dafür sind vielgestaltig. So testete der Vorzeige-Regisseur Wsewolod Pudowkin seine neuesten Montage-Theorien an Revolutionssujets („Das Ende von Sankt Petersburg“, 1927; „Sturm über Asien“, 1929), während Sergej Komarow den Hype um das amerikanische Star-Duo Douglas Fairbanks und Mary Pickford auf die Schippe nahm („Moskau glaubt den Tränen nicht“, 1927). Lew Kuleschow überwand westliche Genregrenzen („Horizont“, 1933) oder widmete sich im Kulturfilm, einem der Steckenpferde des Studios, augenzwinkernd, aber mit großer Raffinesse Lenins Diktum der Elektrifizierung des gesamten Landes („Vierzig Herzen“, 1931).

Nikolai Ekk legte schließlich den ersten Tonspielfilm der UdSSR als großes Sozialexperiment an („Der Weg ins Leben“, 1931). Und Aleksandr Andrijewski machte aus Karel ?apeks Stück „R.U.R.“ den vielleicht ersten Roboterfilm der Geschichte („Der Untergang der Sensation“, 1935). Man kann ruhig sagen, dass bei Meschrabpom das Kino in all seinen technischen, handwerklichen, ästhetischen und spektakulären Dimensionen wirklich groß geschrieben wurde.

Dies zeigt sich nirgends so deutlich wie im Werk zweier absoluter Regie-Größen des Studios: Jakow Protasanow und Boris Barnet pflegten lebenslang die Filmkunst, besonders die Komödie. Ihre Filme stehen aber bis heute im Schatten der großen Sowjetklassiker. Auch die Berlinale kann natürlich nicht vorbei am deutschen Kult um Sergej Eisenstein, der gar nicht bei Meschrabpom tätig war. Das Festival führt mit „Potemkin“ und „Oktober“ gleich beide seiner frühen Stummfilmhits auf: nicht zuletzt, um die Bedeutung des deutschen Produktions- und Verleihpartners Prometheus sowie die filmhistorischen Rekonstruktionsarbeiten rund um Edmund Meisels Originalmusik zu „Oktober“ zu würdigen.

Rund 600 Filme entstanden insgesamt bei Meschrabpom. Die Filmwissenschaftlerin Oksana Bulgakowa resümiert, dass die Produktionen durch einen meisterlichen „Spagat zwischen Kasse und Ideologie, Tradition und Experiment, Künstlertheater und Konstruktivismus, Revolutionsfilm und Unterhaltung, dem alten Russlandbild und dem proletarischen Internationalismus“ gekennzeichnet sind.

Dies wird in Jakow Protasanows kultigem Science-Fiction-Abenteuer auf dem roten Planeten „Aelita“ (1924) und in seiner Kritik pseudoreligiösen Hypokratentums in „Das Fest des heiligen Jürgen“ (1930) ebenso augenscheinlich wie im mal sentimentalen, mal enthusiastischen, mal radikal klassenkämpferischen Werk von Boris Barnet. Der ist gleich mit fünf Filmen in der Retrospektive vertreten, wobei der weitgehend unbekannte Anti-Kulakenfilm „Eisgang“ (1931) als eine der echten Entdeckungen dieser Retrospektive gelten darf. Besondere Aufmerksamkeit verdient darüber hinaus eine sozial wie filmisch ausgesprochen feinfühlige Regiearbeit von Margarita Barskaja: „Zerrissene Stiefelchen“ (1933) ist ausgewählten deutschen Spielfilmen wie Slatan Dudows „Kuhle Wampe“ (1932) oder Leo Mittlers „Jenseits der Straße“ (1929) durchaus ebenbürtig.

„Die rote Traumfabrik“ wurde von Alexander Schwartz und Günter Agde kuratiert. Den größten Ertrag, was jenen filmhistorischen Pioniergeist betrifft, der einst auch Berlinale-Retrospektiven auszeichnete, hat diese Studio-Schau gewiss in jenen Programmen zu bieten, die den Blick auf die kleinen animierten Meisterwerke etwa eines Iwan Iwanow-Wano oder Nikolaij Chodatajew lenken. Darüber hinaus wird in immerhin sechs Programmen dem umfangreichen dokumentarischen Schaffen bei Meschrabpom nachgespürt, das vom Expeditionsfilm über den Kulturfilm und vom Produktionsfilm bis zur Sozialstudie reichte. Vergessene Namen wie jener Wladimir Schnejderows tauchen hier neben besser bekannten auf, deren Werk man aber viel zu wenig wirklich kennt. Das gilt von Joris Ivens bis Dsiga Wertow.

Meschrabpom produzierte Publikumserfolge am Fließband und schaffte es gleichzeitig, das Weltkino intellektuell wie ästhetisch herauszufordern.

Wie gelungen dieses an Experimenten reiche deutsch-russische Joint-Venture war, kann nun jeder selbst sehen.

Filme der Retrospektive: Cinemaxx 8 (Potsdamer Platz) sowie ZeughauskinoKatalog erschienen im Verlag Bertz + Fischer, 264 S. gebunden; 29,90 Euro.

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