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Retrospektive Das Pathos vermeiden

Eine Berliner Veranstaltung zu Ehren des Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase.

Meister des Understatements: Wolfgang Kohlhaase. Foto: imago

Das Berliner Kino Babylon schloss seine Retrospektive des filmischen Werks von Wolfgang Kohlhaase am Mittwoch mit „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ von 1974 ab. Der letzte Film des 1931 in Berlin geborenen Kohlhaase kam 2017 in die Kinos, „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, nach dem Roman von Eugen Ruge und unter der Regie von Matti Geschonneck. Seit 1953 hat Kohlhaase Drehbücher zu fast vierzig Filmen geschrieben. Zuerst war er einer der wichtigsten Drehbuchautoren der DDR. Inzwischen ist er einer der bedeutendsten Deutschlands.

Die Retrospektive war ein Ereignis. Das kam auch im sich an die Filmvorführung anschließenden Gespräch mit der Journalistin und Freundin Regine Sylvester zum Ausdruck. Sie stellte kluge Fragen, auf die Kohlhaase ausweichend antwortete. Wenn sie zum Beispiel nach der Einsamkeit des Autors fragte, erzählte er vom Bildhauer Werner Stötzer, Vorbild für den Bildhauer Kemmel im Film und in der kleinen Rolle des Bürgermeisters auch zu sehen. Stötzer habe ihm erzählt, dass ihm seine aus Ton gefertigten Porträtköpfe – man schaut ihm im Film bei einer solchen Arbeit zu – aus den Händen gerissen wurden. Er sei froh darüber gewesen. Zumal sie ihm leicht gefallen seien. Aber genau das sei ihm auch verdächtig gewesen, also habe er sich dem Stein zugewandt. Dessen Widerstand sei viel größer, ein falscher Schlag und alles sei zerstört.

Im Film zeigt Kemmel auf ein Männerknie einer alten Statue, das er umarbeite zu einem Frauenrücken. Nichts anderes macht ja ein Drehbuchautor, wenn er aus einem Roman ein Drehbuch baut. Wer aber auch weiß, dass Kohlhaase großartige Erzählungen geschrieben hat, mit denen er nicht den Erfolg hatte wie als Drehbuchautor, der ahnt, dass Kohlhaase mit seiner Stötzer-Erzählung etwas von sich preisgibt. Nie würde er es offen tun.

Kohlhaase ist der Mister Germany des Understatements. Das beginnt beim Aussehen: Niemand sieht ihm an, dass er am 13. März 87 Jahre alt sein wird. Wenn eine Frage ihn zu einer großartigen Antwort treiben möchte, dann versteht er sie so lange nicht, bis ihm eine Anekdote einfällt, in deren Schutz er sich davonstehlen kann. Seine Filme leben alle von der Pathosvermeidung. Die wird so präzise betrieben, dass sich gerade durch sie das unverkennbare Kohlhaase-Pathos einstellt. Kemmel, der versucht, inmitten der DDR-Diskussionen um die Bedeutung der Kunst seinem Handwerk nachzugehen, als Arbeiter, der sich versteht auf das, was er macht, der keine Lust hat, sich an den Debatten zu beteiligen, Position in ihnen oder nun gar gegen sie zu beziehen – das ist auch, so will es dem von ihm weit entfernten Beobachter erscheinen – Wolfgang Kohlhaase.

Kohlhaases amüsabler und amüsierender Blick auf die Welt belohnt ihn und uns. „Man braucht die größte Fantasie, um die Welt so zu erkennen, wie sie ist.“ Das sei einer der vielen weisen Sätze, die sie von Kohlhaase gelernt habe, erzählt Regine Sylvester am Ende. Auf die Frage nach der Resonanz des Films beim damaligen Publikum erzählt Kohlhaase, dass, als der Film im DDR-Fernsehen gezeigt wurde, seine Nachbarn ihm gesagt hätten, na ja, ein Krimi war es ja nicht gerade. Aber dazu könne er ja nichts. Als dann ein wenig später der Film im Westfernsehen lief, seien die Nachbarn ganz begeistert zu ihm gekommen und hätten erklärt: „Ja, genau so ist es!“

Das war ihr höchstes Lob: dass die Kunst das Leben wiedergebe. Kohlhaases Anekdote zeigt uns aber, dass auch in der realsozialistischen DDR Oscar Wildes Diktum „Life imitates art“ galt. Und wie groß der Künstlerstolz ist, der sich im Understatement versteckt – und zeigt.

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