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Rainer Werner Fassbinder Ein Haus für RWF

Das „Fassbinder-Center“, das im Frühjahr in Frankfurt eröffnet wird, soll den bedeutenden Nachlass des Filmregisseurs zugänglich machen.

Fassbinder und Schygulla
Fassbinder und Hanna Schygulla 1970 bei Dreharbeiten. Foto: Filminstitut/RWFF

Ein abgegriffenes hellblaues Ringheft im DIN-A5-Format kann auch ein Schatz sein. Wenn es Aufzeichnungen und Anmerkungen eines Genies birgt. Wenn es den Arbeits-Prozess des wohl wichtigsten deutschen Filmkünstlers der Nachkriegszeit dokumentiert. Und das Deutsche Filminstitut & Filmmuseum besitzt jetzt solch einen Schatz – der freilich nicht nur aus Notizheften besteht: den Nachlass von Rainer Werner Fassbinder. Juliane Maria Lorenz-Wehling, über viele Jahre Fassbinders Wegbegleiterin, hat den schriftlichen Nachlass des Regisseurs an das DIF & Filmmuseum verkauft und dem Institut zudem Exponate, Fotos und Produktionsunterlagen als Dauerleihgabe überlassen.

Und weil das umfangreiche Konvolut nicht irgendwo in den Regalen des Archivs in Rödelheim aufbewahrt werden kann, bekommt dieses bedeutende Filmerbe nun ein eigenes Haus: Ellen Harrington, Direktorin von DIF und Filmmuseum, stellte gestern das „Fassbinder-Center“ vor, das im Frühjahr 2019 eröffnet werden soll. Auf zwei Etagen eines durch seine Erker markanten Gebäudes an der Ecke Eschersheimer Landstraße/Holzhausenstraße kann man künftig Fassbinder studieren, denn der Standort ist nicht zufällig gewählt, die Nähe zur Universität ist gewünscht.

Damit ist Ellen Harrington und ihrem Team, allen voran Sammlungsleiter Hans-Peter Reichmann, ein Coup gelungen. Wehling, die zusammen mit Fassbinders Mutter Lieselotte Eder die Rainer Werner Fassbinder Foundation (RWFF) 1986 in Berlin ins Leben gerufen hatte, ließ sich überzeugen, das Erbe des 1982 gerade 37-jährig gestorbenen Filmemachers an den Main (und nicht nach Berlin oder München) zu geben. Am Schaumainkai lagerten schon die Fotonegative, und die Verhandlungen hätten zu großem gegenseitigen Vertrauen geführt: „Ich fühlte mich wohl und sicher“, sagte sie am Donnerstag.

Zudem verfügt das DIF & Filmmuseum bereits über umfangreiche Sammlungen wie etwa das Archiv des Studiocanal-Verleihs, der die Rechte am Filmverlag der Autoren besitzt und damit am Neuen Deutschen Film der sechziger und siebziger Jahre, über Vorlässe von Regisseuren wie Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta, Rudolf Thome oder Reinhard Hauff; Produzent Artur Brauner, eben 100 geworden, hat sein gesamtes Material übereignet, Arbeitsarchive von Kostümbildnerinnen wie Barbara Baum und Dokumente von gut 120 Filmschaffenden, darunter Peter Lorre, Curd Jürgens, Maria und Maximilian Schell sind in der Obhut von DIF & Filmmuseum und künftig im Fassbinder-Center zugänglich – kein Wunder, dass Ulrich Adolphs vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst formulierte: „Wo, wenn nicht hier, ist der natürliche Ort für das Fassbinder-Zentrum.“

Und wie, wenn nicht mit Unterstützung von Stadt, Land und Bund, könnte so eine Forschungsstelle entstehen. Rund 750 000 Euro habe der Ankauf gekostet, verriet Ellen Harrington, und mit einer halben Million schlägt das Center für die nächsten zwei Jahre zu Buche. Investor Carlo Giersch, einer größeren Öffentlichkeit durch das von ihm gegründete Museum am Schaumainkai bekanntgeworden, vermietet die Immobilie für zunächst zehn Jahre und gibt das Mobiliar noch dazu.

Eva Claudia Scholz von der Hessischen Kulturstiftung berichtete, die „Wirkungsmacht“ Fassbinders habe die Entscheidung, den Ankauf mitzufinanzieren, beflügelt; ähnlich formulierte Frank Druffner von der Kulturstiftung der Länder, man habe „null Probleme“ gehabt, schließlich gehörten die Bestände zum kulturellen Erbe Deutschlands. Er verwies auf die Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art, nach der Fassbinder als „the genius of the new German cinema“ gepriesen worden sei.

Dass der Umgang mit dem Genie im eigenen Lande nicht frei von Reibungen war, daran erinnerte Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig, indem sie ihren Vorgänger Hilmar Hoffmann zitierte. Der hatte Fassbinder ans Theater am Turm geholt, wo der Regisseur als Intendant ein kurzes und „von so heftigen wie schmerzhaften Debatten“ geprägtes Gastspiel gab. Damit spielte Hartwig auf die heftigen Diskussionen um Fassbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ an, in dem die Jüdische Gemeinde Frankfurts antisemitische Tendenzen zu erkennen glaubte.

Die Kulturdezernentin, die Fassbinders Literaturverfilmungen „Fontane Effi Briest“, „Berlin Alexanderplatz“ und „Querelle“ hervorhob, erhofft sich von der Gründung des Fassbinder-Centers eine Stärkung Frankfurts als Ort des Wissens, der Debatten und der Kultur insgesamt. Dafür eignet sich jedenfalls das so vielfältige wie umfangreiche Werk Fassbinders, der, wie Juliane Maria Lorenz-Wehling formulierte, zwar zeitlebens als „wilder Mann“ gegolten habe, aber „seriös und fleißig“ gewesen sei. Fassbinder, so sagte sie, habe seine Arbeit geliebt: „Film war sein Zuhause.“ Und nun hat sein Werk ein Haus.

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