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„Planet der Affen“ Ganz anders als die Sommer-Blockbuster

Vielleicht vergisst man sogar, dass man im Kino sitzt: Matt Reeves gelingt mit „Planet der Affen“ ein humanistisches Epos.

Planet der Affen: Survival
Woody Harrelson (hinten, Mitte) als Colonel in einer Szene des Films „Planet der Affen: Survival“. Foto: Fox Deutschland/dpa

In den Siebzigerjahren geisterte die originale Filmserie des „Planeten der Affen“ noch lange durch die Vorortkinos. In den Nachmittagsvorstellungen konkurrierte Schimpansin Dr. Zira mit Godzilla und Bud Spencer um das Taschengeld der Kinder – und gab zugleich eine erste Ahnung davon, dass Kino ein Ort sein kann, um über Grundfragen der menschlichen Existenz nachzudenken. 

Weckte nicht die Begegnung mit so vielen Affen, die einen Doktortitel trugen, ernsthafte Zweifel an der Überlegenheit der eigenen Spezies? Und stellte nicht die Umkehr der Machtverhältnisse ganz allgemein die Autorität jeder – wie wir heute sagen würden – Leitkultur infrage? Nie werde ich den Schauer vergessen, den mir als Kind am Ende des ersten Teils die aus dem Sand ragende Freiheitsstatue bereitete.

Eingesogen von einem Strom aus Poesie

Das Schöne an Matt Reeves’ neuerlicher Variation des Affenthemas ist, dass mit diesem Film genau das Gleiche geschehen wird. Zwölfjährige werden einen Actionfilm erwarten, den sie dann ja auch bekommen. Zugleich aber werden sie eingesogen sein von einem Strom aus Poesie, Nachdenklichkeit und tiefer Anteilnahme für die Ausgegrenzten und Vertriebenen. Für das, was Exil bedeutet. Nur dass man auf den Schauer nicht so lange warten muss.

In düsteren Bildern begegnet uns ein verfolgtes Volk, dessen ergrauter Anführer nur noch das Ende eines langen Krieges ersehnt. Es ist der genmanipulierte Schimpanse Caesar (Andy Serkis), der hinter einem Wasserfall mit seinen Artgenossen ein dem Untergang geweihtes Paradies bewohnt. Matt Reeves, der schon den zweiten Teil dieser jüngeren Trilogie inszenierte, verzichtet über weite Strecken auf Dialoge – wenigstens auf die menschlichen. Die hochentwickelten Affen kommunizieren untereinander in einer eigenen, stark auf Gebärden ausgerichteten Sprache. Dies erlaubt Reeves gleichermaßen Stilmittel des ethnographischen Films wie des Stummfilms einzusetzen.

Die Kunst der wortlosen Filmsprache

Durch einen Verrat erfährt Caesars Gegner im andauernden Krieg mit den Menschen von diesem Refugium: Woody Harrelson spielt diesen Colonel sehr bewusst wie eine Taschenbuchausgabe des Marlon Brando aus „Apocalypse Now“. Ein wahnhafter Krieger, der die Todesnähe seiner Profession förmlich zelebriert. Ein Virus, der in dieser Geschichte den Menschen ihre Sprachfähigkeit nimmt, droht auch ihn des deutlichsten Attributs der Überlegenheit gegenüber der Tierwelt zu berauben.

Als der Colonel ein Blutbad unter Caesars Familie anzettelt, sieht sich dieser zur Gegenwehr gezwungen – kümmert sich zugleich aber um ein menschliches Mädchen, das bereits seine Sprache verloren hat. Dies wiederum gibt dem bildmächtigen Regisseur noch mehr Gelegenheit, in der Kunst der wortlosen Filmsprache zu schwelgen.

Selten hat man so viele digitale Effekte auf einmal gesehen – und zugleich so wenig Notiz von ihnen genommen. So wie man vor fast fünfzig Jahren, bei der geradezu primitiven Erstverfilmung, schnell die grobe Gummimaske vergaß, die dem alternden Hollywoodstar Kim Hunter zu ihrem Comeback als Äffin Dr. Zira verholfen hatte. Selbst das 3-D ist alles andere als störend, ja auch das vergisst man förmlich, so wie man vielleicht sogar vergisst, dass man im Kino sitzt.

Erstklassige Filmmusik

„Planet der Affen: Survival“ streift noch andere Kinogenres. Es gibt verschneite Gefangenenlager wie in „Doktor Schiwago“, in denen versklavte Affen geschunden werden. Und immer wieder gibt es Anklänge an die späten Western, in denen sich Hollywood bei den Ureinwohnern entschuldigte, John Fords „Cheyenne“ und Sydney Pollacks „Jeremiah Johnson“.

Und ganz anders als die Sommer-Blockbuster um ihn herum verwendet Matt Reeves die großzügige Laufzeit von zwei Stunden und zwanzig Minuten. Anstatt so viel wie möglich in sie hineinzustopfen, bevorzugt er lange, weite Einstellungen. Man kann sich in ihnen umsehen, sie erwandern wie die beklemmende Fremde, in die er seine menschlichen Affen führt. 

Selbst dem vielgelobten „Dunkirk“, dem anderen großen Antikriegsfilm der Saison, hat er noch etwas voraus – nämlich eine erstklassige Filmmusik: Michael Giacchino klingt manchmal ein wenig nach Carl Orff, manchmal nach dem klassizistischen Strawinsky, wenn er archaische Rhythmen durch das Orchester schickt. 

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