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Philippe Liorets "Welcome" Die Belagerten von Calais

In Philippe Liorets bewegendem Drama "Welcome" gleicht Calais einem Ort im Belagerungszustand. Hunderte Flüchtlinge sammeln sich nachts am Hafen, und ihre Misere liegt wie ein Schatten über der Stadt. Von Michael Köhler ( mit Video)

Vincent Lindon und Firat Ayverdi in "Welcome". Foto: Arsenal Film

Sehnsuchtsvoll steht Bilal, ein 17-jähriger Kurde aus dem Irak, am Strand von Calais und schaut in Richtung England. Er ist seiner nach London gezogenen großen Liebe gefolgt, der längste Teil des Weges liegt hinter ihm, doch der schwerste steht ihm noch bevor. Jeden Tag und jede Nacht versuchen in Frankreich gestrandete Flüchtlinge den Ärmelkanal zu überqueren, meistens auf der Laderampe eines Lastwagens, die wenigsten schaffen es auf die wie Gefängnisse bewachten Fähren.

Auch Bilal wird festgenommen, ist aber noch zu jung, um deportiert zu werden. In Freiheit beschließt der naive, aber von seiner fixen Idee beseelte Teenager, übers Meer an die zum Greifen nah erscheinende Küste Englands zu schwimmen. Er nimmt Unterricht bei einem einheimischen Bademeister, der Bilal zwar hilft, ihn aber vor allem von seinem selbstmörderischen Vorhaben abzubringen versucht und dabei in die Mühlen der französischen Einwanderungsbehörden gerät.

In Philippe Liorets bewegendem Drama "Welcome" gleicht Calais einem Ort im Belagerungszustand. Hunderte Flüchtlinge sammeln sich nachts am Hafen, und ihre Misere liegt wie ein Schatten über der ganzen Stadt. Wer "Illegale" im Auto mitnimmt, macht sich unweigerlich des Menschenschmuggels verdächtig, und wer ihnen, wie der von Vincent Lindon gespielte Simon, gar Unterschlupf gewährt, wird von den Nachbarn schnell als Sittenstrolch denunziert. Tatsächlich sind Simons Motive nicht frei von Hintergedanken: Er wird gerade von seiner Frau geschieden, einer engagierten Sozialarbeiterin, die ihm stets seine Gleichgültigkeit vorgeworfen hatte.

"Welcome", Trailer. Frankfreich 2009

Simons Unterstützung für Bilal ist deshalb auch eine Form tätiger Reue, seine Art, das Ende seiner Ehe zu betrauern. Für die Stadtoberen sieht das natürlich anders aus. Für sie bedeutet Mitgefühl mit einem "illegalen" Immigranten der Anfang vom Ende unserer Wohlstandsgesellschaft. Bei Philippe Lioret bekommt diese angenommene Gefahr ein menschliches Gesicht, was es nicht nur für seinen traurigen Helfer schwierig macht, einfach weiter wegzusehen.

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