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Oscars 2013 Rezension „Zero Dark Thirty“

Am 2. Mai 2011 verkündete US-Präsident Barack Obama: Osama bin Laden, der meistgesuchte Terrorist der Welt, ist tot. Die Jagd auf den Al-Kaida-Führer erscheint als meisterhafter Film: „Zero Dark Thirty“ von Kathryn Bigelow.

29.01.2013 16:32
Anke Westphal
Maya (Jessica Chastain) unterwegs zu einer Lagebesprechung. Foto: Universal

Zuerst wird der Gefangene verbal eingeschüchtert: „Wenn du nicht redest, werde ich dich bestrafen. Wenn du nicht genug redest, werde ich dich bestrafen. Wenn du mir Lügen erzählst, werde ich dich bestrafen.“ Doch der Gefangene redet nicht. Also legt man ihm ein Tuch aufs Gesicht und tränkt es mit Wasser, was dem Gefangenen das Gefühl gibt zu ertrinken. Verzweifelt windet er sich unter den harten Griffen der CIA-Agenten und japst nach Luft.

Der Gefangene soll lernen, wie hilflos er ist, erklärt einer der Männer seiner Kollegin Maya. Maya ist zum ersten Mal bei einer solchen Vernehmung dabei, die als Water Boarding, Wasserfolter unrühmliche Bekanntheit erlangte. Zuvor hatte man der jungen Frau angeboten, das Verhör via Monitor im Nebenraum zu verfolgen, aber Maya hatte abgelehnt. Sie wollte dabei sein; sie zuckt noch zusammen, gibt aber keinen Laut von sich. Einmal hält sie sich die Nase zu, der Gefangene hat sich vor Angst in die Hose gemacht. „Helfen Sie mir“, bittet er. „Sie können sich selbst helfen, indem Sie ehrlich sind“, antwortet Maya ungerührt – ganz so als ob sie das tatsächlich glaubt.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 sind zwei Jahre her, wenn „Zero Dark Thirty“ einsetzt. In Kathryn Bigelows neuem Spielfilm ist im Jahr 2003 die Suche nach den Drahtziehern von Al-Kaida zur alltäglichen, mühseligen Arbeit geworden, die ohne jedes Pathos im Hintergrund verrichtet wird.

Die Folterszenen spalten die USA indes seit dem Kinostart des Films. Prominente US-Politiker, darunter Senatoren, haben eingewandt, dass Osama bin Laden eben nicht durch unter Folter erzwungene Aussagen gefunden wurde. Ausgerechnet der linke Dokumentarist Michael Moore sprang der Regisseurin bei, indem er die gerade in den Folterszenen sich manifestierende Aufrichtigkeit ihres Films verteidigte.

Unglamourös, Antiheroisch

Bigelows Film basiert auf Tatsachenberichten, macht diese aber nicht zum Fetisch. Ganz im Gegenteil leistet die Regisseurin etwas Erstaunliches mit ihrer Erzählung von der Jagd auf Osama bin Laden: Sie inszeniert nämlich so etwas wie das im Geheimdienst-Milieu angesiedelte Gegenstück zu den unglamourösen, antiheroischen Mafia-Filmen etwa des Italieners Matteo Garrone.

Bigelows CIA-Agenten, allen voran Jessica Chastain als Maya, sind unscheinbare, abgekämpfte, aber zähe Arbeiter im Dienste des Staates. Schmucklos bis zur Verbissenheit verrichten sie ihre Arbeit, fast wie Leistungssportler ohne Werbevertrag, wobei ihnen die hehren Motive durchaus verwehrt werden im Film. Mayas etwa bleiben völlig im Dunkeln: Sie dürfe darüber nicht sprechen, erklärt sie tatsächlich dem Direktor der CIA, also ihrem höchsten Vorgesetzten.

Ja, es ist schrecklich und traurig, dass an jenem Septembertag im Jahr 2001 mehr als 3000 Unschuldige starben. Aber das wird nicht mehr anhaltend beklagt in diesem Film. Die Terroranschläge von 9/11 sind vielmehr der Ausgangspunkt für eine Operation, die mit durchaus verabscheuungswürdigen Mitteln durchgezogenen wird. Und das leugnet Bigelow nie.

In einer Schlüsselszene ihres Films sieht man drei der CIA-Agenten irgendwo in der Welt vor einem Fernseher sitzen, in dem Obama gerade erklärt, dass sein Land nicht foltere. Die Agenten stutzen kurz, dann geht ihre Arbeit weiter. Den Gegner lokalisieren, einkreisen, ihm auflauern, ihn wieder verlieren. Dann doch verhaften, foltern. Die Agenten werden von diesem Film nicht ins Recht gesetzt – sie werden beobachtet. Aber auch ihre Opfer, die Frauen und Kinder der Dschihad-Krieger, werden in den Blick genommen, nicht als Kollateralschäden, wie es so schön heißt, sondern als Menschen, die ihr Leben verlieren.

Mit „Lincoln“ von Steven Spielberg und mit „Zero Dark Thirty“ sorgen gleich zwei US-amerikanische Filme, die jeweils das schadhafte Fundament westlicher Demokratie thematisieren, für Debatten. In beiden Filmen suchen die Protagonisten mit zweifelhaften, ja verwerflichen Mitteln das Richtige zu tun. „Lincoln“ reflektiert die Geburt einer Nation auch aus dem Geist der Käuflichkeit und „Zero Dark Thirty“ den Versuch der Bewahrung dieser Nation durch Gewalt bis hin zum Mord.

Das Dilemma der US-Nation

Es ist ein enormes Niveau an Kritik, das der Hollywood-Film hier mit den Mitteln des Erzählkinos erreicht. Und nicht allein das: Beide Filme spiegeln auch das Dilemma der US-Nation, ihre bereits in den Wurzeln implantierte Janusköpfigkeit ästhetisch, etwa wenn in „Lincoln“ immer wieder auf die geschlossenen Räume der Debatten und politischen Kuhhandel verwiesen wird und in „Zero Dark Thirty“ nahezu hysterisch die Schauplätze gewechselt werden. Auch hier sind es meist geschlossene Räume, in Hotels oder den Geheimgefängnissen der CIA in Amman, Islamabad oder auch Danzig.

Von 2003 bis 2011 reicht der Handlungszeitraum dieses Films, dauert hier die Jagd auf Osama bin Laden, die sich als Puzzle aus Datenanalysen, Gesprächen, Verhören darstellt – und eben als schier endloser, aufreibender Marathon. Fast ein Jahrzehnt ihres Lebens widmet Maya dieser Jagd. Nie sieht man sie anders, privat. Warum sie das macht? Um Gründe geht es hier nicht, sondern um die Persistenz an sich, die Nationen für sich reklamieren. Und darum wird der Film auch erst während der letzten dreißig Minuten zu dem, was die Kinowerbung verspricht: zum Thriller. Das Versteck von bin Laden ist gefunden; daran hat Maya keinen Zweifel.

Doch mehr als drei Monate muss sie ihre Vorgesetzten bearbeiten und letztlich in die Enge treiben, bis die den Befehl zum Einsatz erteilen. Dann aber hält man den Atem an – Action-Szenen kann Bigelow fast besser als irgendein männlicher Regisseur, und das Interessante daran ist, wie wenig machohaft diese Sequenzen wirken. Sie zeigen uns einfach nur Männer, Soldaten einer Elite-Einheit, die in einem schmutzigen Konflikt ihre schmutzige Arbeit verrichten: präzise, überlegt, ohne Aufheben. Ohne Pathos.

Für um die 40 Millionen Dollar hat Kathryn Bigelow diesen Film entwickelt, gemeinsam mit dem Drehbuchautor Mark Boal, mit dem sie schon bei „The Hurt Locker“ über ein Bombenräumkommando im Irak erfolgreich war. Längst hat „Zero Dark Thirty“ in den USA die Kosten wieder eingespielt. Kathryn Bigelow war die erste Frau überhaupt, die – für „The Hurt Locker“ – einen Oscar für die beste Regie entgegen nehmen durfte. Jetzt hätte sie einen weiteren Oscar verdient.

Zero Dark Thirty, USA 2012. Regie: Kathryn Bigelow, Drehbuch: Mark Boal, Kamera: Greig Fraser, Darsteller: Jessica Chastain, Jason Clarke, Joel Edgerton u. a.; 157 Minuten, Farbe. FSK ohne Angabe. Ab 30.1. im Kino.

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