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Oscars 2013 Rezension Animationsfilm "Merida"

Keine Märchen, keine reinen Kinderfilme, keine Liebesgeschichten: Der Animationsfilm „Merida“ plündert zwar bei Mitproduzent Disney, bleibt aber mit den Figuren der Pixar-Philosophie treu.

Die schottische Königstochter Merida in dem gleichnamigen Kinofilm. Foto: dpa

Als John Lasseter und seine Pixar-Regisseure vor drei Jahren beim Filmfestival Venedig mit Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk geehrt wurden, bedankten sie sich nicht einfach mit einer Anekdote. Die Pioniere der Computeranimation hielten vielmehr einen Workshop über ihre Arbeit ab – es war die beste Ein-Tages-Filmschule, die man sich vorstellen kann. Als Absolvent der Pixar-Akademie kann man zwar nicht alle ihrer Erfolge erklären. Aber allein in der Studio-internen Verbotsliste stecken ein paar Hinweise: keine Märchen, keine reinen Kinderfilme, keine Liebesgeschichten. Und keine Heldenfiguren, die zum Filmanfang das „Ich-möchte-Lied“ singen. So grenzten sich Pixar-Filme von Anfang an radikal von den Klassikern des Mitproduzenten Disney ab. Die Pixar-Formel ist die Absage an alles Formelhafte der Familienunterhaltung. Aber ein Dogma ist nicht wirklich ein Dogma, bevor man es selbst gebrochen hat.

Kaum eine Viertelstunde ist vergangen im neuen Pixar-Film „Merida“ – inzwischen ist die rothaarige schottische Prinzessin vom Kleinkind mit Flitzebogen zum Teenager und zur veritablen Bogenschützin gereift –, da singt sie auch schon das „Ich-möchte-Lied“: ein in schmissiger Musical-Manier vorgetragenes Freiheitsverlangen vom dominanten Elternhaus. Es ist aber nicht gerade eine Unabhängigkeitserklärung vom Disney-Stil. Wie es scheint, hat Pixar in den 3D-animierten Wäldern des schottischen Hochlands seine wahren Wurzeln entdeckt. Sie führen zurück zu Disneys „Schneewittchen“, das 1937 an seinem Brunnen das erste „Ich-möchte-Lied“ sang: „I’m wishing“. Nach ihr kamen, um nur einige zu nennen, Cinderella, Alice, Dornröschen und Belle, die Schöne mit dem Biest.

Merida: Prinzessin mit moderner Gesinnung

Wie ihre Ahninnen ist also auch Prinzessin Merida nicht wunschlos glücklich. Was sie ihnen hingegen voraus hat, ist eine für das Mittelalter erstaunlich moderne Gesinnung. Es gibt keinen Prinzen in ihrem Leben, und das soll wohl auch so bleiben. Dabei soll Merida von ihren königlichen Eltern gerade zwangsverheiratet werden! Andere Märchenhelden hatten zwar ähnliche Sorgen – man erinnere sich nur an den heiratsunwilligen Cinderella-Prinzen –, doch dann trafen sie Amors Pfeile trotzdem. Nicht Merida. Denn eine Pixar-Regel zu brechen, heißt nicht, sie alle aufzugeben.

Dieser Film ist und wird keine Liebesgeschichte.Die Konsequenz, mit der sich „Merida – Legende der Highlands“ aller Liebesromantik verweigert, aber dafür umso tiefer in familiäre Konflikte eintaucht, ist schon imponierend. Denn die Auseinandersetzung mit ihrer dominanten Mutter bleibt Merida nicht erspart, so ernsthaft sie es auch versucht. Als ihr Vater ein Turnier um die Hand der Prinzessin auslobt, besteht die auf der Sportart Bogenschießen, ihrer Spezialität. Da gewinnt sie doch einfach ihre eigene Hand! Nun wird es erst spannend: Um ihrer Mutter, der heimlichen Regentin, nachhaltig den Zahn mit der Ehe zu ziehen, lässt sich Merida von ein paar Waldgeistern zu einer keltischen Schamanen-Hexe führen. Die Geister, freundlich tanzende Flämmchen, könnten ebenso wie die Hexe dem Reich des Japaners Hayao Miyazaki entstammen; die Verehrung der Pixar-Bosse für den Anime-Meister ist bekannt. Leider tut die Hexe dann aber des Guten zu viel und macht die Mutter auf recht drastische Art unschädlich: Verwandelt in eine Bärin, kann sie niemanden mehr unter die Haube bringen. Bedauerlicherweise ist ihr nichtsahnender Mann nun aber ein leidenschaftlicher Bärenjäger.

Das alles hat Merida natürlich nicht gewollt, und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Verantwortung zu übernehmen. Merida muss ihre Mutter schützen, die nun nicht mehr sprechen kann, sondern nur noch brummen – und verfällt dabei manchmal in die gleiche Herablassung, mit der mir mein neunjähriger Sohn den Computer erklärt.

„Brave“ heißt dieser Film im Original, was darauf hinweist, dass Pixar den Bogen etwas weiter spannen möchte, als nur die Geschichte eines zornigen Teenagers zu erzählen. Die besondere Tapferkeit des Mädchens zeigt sich am Ende daran, wie sie sich selbst und auch ihren Eltern treu bleibt.

Auch das Regieteam besteht aus einem Debütanten und einer Veteranin: Mark Andrews drehte bislang nur einen Kurzfilm für Pixar; Brenda Chapman war mit „Der Prinz von Ägypten“ die erste Frau, die in Hollywood einen großen Animationsfilm inszenieren durfte. Die deutsche Stimme der Prinzessin wird von Nora Tschirner gesprochen.

Was man an „Merida“ besonders bewundert, ist die Liebe zum Detail, die Aufmerksamkeit für kleine Nebenfiguren und die Tiefe der Wälder, die selbst durch 3D-Brillen noch eine nuancierte Farbkraft behalten. Dass sich Pixar weit ins Disney-Terrain vorwagt und dort immer stärker wildert, ist nicht einmal verboten: Längst gehört das Studio ja der Firma mit der Maus.

Merida – Legende der Highlands (Brave) USA 2012. Regie: Mark Andrews, Brenda Chapman, Steve Purcell (Ko-Regie), Drehbuch: Brenda Chapman, Mark Andrews, Irene Mecchi, Kamera: Robert Anderson, Musik: Patrick Doyle. 94 Minuten, Farbe. FSK ab 6. Ab Donnerstag im Kino.

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