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Oscar-Anwärterin Lisy Christl Die Kunst des Bekleidens

Von Kinderfilm bis Shakespeare-Thriller: Die Kostümbildnerin Lisy Christl hat die Garderobe für Filme wie „Das Sams“ und „Anonymous“ entworfen. Bei der diesjährigen Verleihung darf sie auf den Oscar hoffen.

25.02.2012 17:54
Frank Junghänel
Drollig: Christine Urspruch als „Das Sams“ in dem gleichnamigen Kinderfilm von Ben Verbong. Foto: dpa/Sony Pictures

Anfang dieses Monats ist Lisy Christl für ein Wochenende nach Los Angeles geflogen, um sich letzten Endes ein Video mit Tom Hanks anzuschauen. Darin erklärt der Schauspieler, wie man sich im Falle eines Oscar-Gewinns benehmen soll. Nicht zu lange reden, nicht den Tanten und Onkeln danken, weil das sowieso keinen interessiert. Man kennt solche kleinen Servicefilme von Flugzeugmonitoren, wo einem freundliche Stewardessen sagen, was man im unwahrscheinlichen Falle eines plötzlich auftretenden Druckverlustes zu tun und zu lassen hat. So ähnlich verhält es sich mit dem Oscar. Er ist so lange unwahrscheinlich, bis es passiert.

Lisy Christl kandidiert bei der diesjährigen Verleihung im Kodak-Theatre von Los Angeles in der Kategorie bestes Kostümdesign. Nominiert wurde sie für das Shakespeare-Drama „Anonymous“ in der Regie von Roland Emmerich. Ein paar Tage vor diesem Abend, der entscheidend für ihr Leben sein kann, zieht sie die Rollläden ihres Ateliers im Berliner Bötzowviertel hoch, hält kurz inne und sagt: „Auch wenn es mir keiner glaubt: Ich erwarte mir nichts.“ Sie trägt einen blauen Pulli, hochgekrempelte Jeans und eine braune Strickmütze, die sie auch später beim Italiener um die Ecke nicht abnimmt. Vielleicht muss bis zur Zeremonie am Sonntag noch was mit der Frisur gemacht werden.

Wie bei Marlene Dietrich

Die Favoriten dieses Jahres sind der in Schwarz-Weiß gedrehte Stummfilm „The Artist“ mit insgesamt zehn Nominierungen und der computeranimierte 3D-Film „Hugo Cabret“, der in elf Kategorien Chancen hat. Dagegen nimmt sich nur eine Nennung für „Anonymous“ bescheiden aus. Doch passt sie sehr gut in die heutige Zeit, in der sich die Technologie des Filmemachens so dramatisch verändert. Hier die Erinnerung an das Kino von gestern, dort das Kino von morgen, in dem das Stoffliche eine immer geringere Rolle spielen wird. Und inmitten dieses Weltenwandels die Kostümbildnerin Lisy Christl, die ihre Kleider mit Nadel und Faden arbeiten lässt. „Der Beruf, wie ich ihn noch ausüben darf“, sagt sie, „unterscheidet sich nicht wesentlich davon, wie er 1925 bei Marlene Dietrich aussah.“

Wenn sie erzählt, wie sie sich auf die Oscars vorbereitet, im Grunde nämlich gar nicht, klingt Verwunderung an und auch ein leichtes Erschrecken darüber, auf einmal auf die Bühne gerufen zu werden. „Was ich tue, ist so weit von Glamour entfernt, wie es nur entfernt sein kann“, sagt sie. „Bei Filmpremieren, zu denen ich ab und zu befreundete Schauspieler begleite, werde ich von den Fotografen normalerweise aus dem Bild geschubst.“ Das Wort Glamour spricht sie nicht englisch aus, sondern schön altmodisch, ein bisschen wienerisch sogar, was gut zu ihrer weichen Stimme passt.

In Wien hat Lisy Christl oft gearbeitet, seit ihr dort der österreichischen Regisseur Michael Haneke Mitte der Neunzigerjahre zum ersten Mal einen eigenen Film anvertraute: „Man lernt von ihm, den größeren Kontext zu verstehen. Wieso sieht dieser Mensch jetzt so aus.“

Geboren wurde sie 1964 in München, wo sie Schneiderin lernte, an den Kammerspielen ihre Gesellenzeit absolvierte, den Meister machte und als Garderobiere beim Film debütierte. Seit 1999 lebt Lisy Christl in Berlin, immer in dem selben Haus.

Am 24. Januar, als die Oscar-Nominierungen bekanntgegeben wurden, war ihr Handy stumm geschaltet, weil sie sich in einem Gespräch mit einer Bewerberin für eine Assistenz bei ihr befand. Als sie danach ihr Telefon überprüfte, fand sie jede Menge Anrufe in Abwesenheit und die SMS eines Produzenten, mit den Worten: „Das ist ja wohl der Hammer.“ Sie habe dann zurückgerufen und gefragt, was der Hammer sei.

Ein paar Tage später saß sie bereits im Flugzeug zum sogenannten Nominees-Lunch im Beverly Hilton Hotel von Los Angeles, bei dem sich alle Oscar-Anwärter treffen. Fünfzig, sechzig Leute. Lisy Christl bekam einen Tisch am Rande. Das war ihr ganz recht. Sie ist eine Frau, die lieber andere beobachtet, als selbst beobachtet zu werden. „Und ich musste mich nicht mit Leuten unterhalten, was mich in diesem Moment auch sehr überfordert hätte.“

Wie bei einer Abifeier

Ihr Bericht über die Nominierungsprozedur hört sich an wie die Beschreibung einer Abiturfeier: „Man wird hingesetzt, fängt an zu essen, wird gleich wieder aufgescheucht fürs Klassenfoto, immer dem Alphabet nach. And now all nominees from A to D, zack, zack, zack. Da wird nicht Herr Clooney oder Herr Pitt extra aufgerufen. Danach muss man noch einmal kurz auf die Bühne, um sich eine Urkunde abzuholen und ein Sweatshirt.“ Dann kommt das Benimm-Video mit Tom Hanks und ab nach Hause.

Lisy Christls Arbeit an einem Film wird vom Zuschauer oft übersehen, obwohl sie unübersehbar ist. Das liegt im Wesen ihres Berufes. Ein Kostüm gilt als gelungen, wenn es nicht als solches wahrgenommen wird, nicht wie eine Kostümierung wirkt, sondern der Natur der Filmfigur entspricht. Egal, ob es sich wie bei „Boxhagener Platz“ um die Kittelschürze von Frau Henschel handelt oder wie bei „Anonymous“ um die Robe der Königin von England. Und wenn sich Corinna Harfouch in dem Film „Was bleibt“, mit dem Lisy Christl bei der Berlinale vertreten war, in ihrer Villa ein hinreißendes Verlegergattinnenseidenkleid überstreift, dann hat ihr das Lisy Christl nicht nur in den Schrank gehängt, sondern auch selbst entworfen. „Ich wollte, dass diese Frau mit ihren Depressionen nicht bemitleidenswert wirkt“, sagt sie, „sondern durchaus schick, weich.“ So zeichnet sie auf ihre Weise einen Teil des Charakters.

Gemeinsam mit der Schneiderin, die das Filmkleid genäht hat, einer Freundin aus Prenzlauer Berg, hat sich Lisy Christl nun auch ihr Kleid für die Oscar-Nacht ausgedacht. Es musste alles sehr schnell gehen.

Gewöhnlich genießt sie die Zeit, sich mit einem Sujet, einer Epoche oder auch nur einer Figur vertraut zu machen. Am Anfang umgibt sie sich mit Bildern und Fotos. In ihrem kleinen Atelier in einer Ladenwohnung, die ein paar Schritte von ihrer Wohnung entfernt liegt, hängen an allen vier Wänden weiße Tafeln. Dort fixiert sie mit Stecknadeln, was sie bei ihren Recherchen findet. Ausrisse, Buchseiten, Kopien aus dem Internet. Nicht nur Garderobe, sondern auch Landschaften, Stadtansichten, Dekors. „Ich muss das alles vor mir haben, um begreifen zu können, was die Menschen in dem Film tragen könnten. Da sitze ich dann, sehe sie mir an und versuche, mich mit ihnen anzufreunden.“

Zurzeit ist ihr Atelier leer. An den Wänden kein Foto, der Arbeitstisch, groß wie eine Tischtennisplatte, abgeräumt. Ein paar Pullover, die an der Garderobenstange zurückblieben, stauben traurig vor sich hin. Sobald die Arbeit an einem Film beendet sei, räume sie alles raus, was damit zu tun hatte, sagt Lisy Christl. Irgendwann beginnt alles von vorn.

Auf einer Ecke des Tisches liegt eine Mappe, die sie übersehen haben muss. Das Titelblatt zeigt Bilder von Henry V., die Materialsammlung ist ein Überbleibsel aus jenen Tagen, als in diesem Zimmer Shakespeare gastierte. „Shakespeare war für mich die am weitesten entfernte Epoche, die fremdeste und auch die schönste“, sagt sie. Ein halbes Jahr habe sie an „Anonymous“ gearbeitet, so viel Zeit hatte sie zuvor nie. Allerdings musste sie zuvor auch nie eine Ära einkleiden. Schließlich kamen 1300 Kostüme zusammen.

Je tiefer man in eine Epoche eintauche, desto mehr entwickle man einen eigenen Geschmack für diese Zeit. Letztlich komme es darauf an, den Mut zu finden, sich so frei wie möglich in einer definierten Welt zu bewegen. So liefert Lisy Christl mit ihren Kostümen keine Kopie der Renaissance, sondern interpretiert sie neu.

Zunächst habe sie alles gelesen, was sie über Shakespeare und das elisabethanische Jahrhundert in die Hände bekam, dann habe sie Galerien in Berlin und London besucht, um sich ein Bild von den Akteuren des Films zu machen. Roland Emmerich spielt in seinem Intrigenstück mit der Idee, William Shakespeares Zeilen stammten in Wirklichkeit aus der Feder eines gekränkten Adelsmannes. Es geht um gefährliche Liebschaften, verlorene Söhne und um die immer aktuelle Frage nach der Macht des Wortes.

Wie ein Gemälde von Vermeer

Es gibt Szenen in diesem Film, die in ihrer Pracht an Gemälde von Vermeer erinnern. Es gibt Pelzmäntel, die nur zehn Sekunden im Bild sind. Und es gibt einen Auftritt von Polonius, der im „Hamlet“ ziemlich gut erklärt, worauf es beim Kostümbild ankommt: „Die Kleidung kostbar, wie’s dein Beutel kann; doch nicht ins Grillenhafte: reich, nicht bunt; denn es verkündigt oft die Tracht den Mann.“

Letztlich entscheidet der Beutel des Produzenten darüber, ob in einem Film Garderobe von der Stange getragen wird oder wahre Schneiderei. Lieber Geld für einen Spezialeffekt drauflegen oder ein Kostüm?

Lisy Christl ist es wichtig, dass bei ihr immer etwas Eigenes dabei ist, so klein das Budget auch sein mag. Sich nur aus dem Fundus zu bedienen, das wäre nichts für sie.

Sind die Silhouetten skizziert, die Muster gewählt, beginnt die praktische Phase. Das heißt, Stoffe suchen, weltweit. Bei einem historischen Film wie „Anonymous“ ist das besonders schwierig. Es gibt nur noch wenige Hersteller, die auf traditionelle Art weben. Mitunter muss eine alte Sofadecke herhalten.Oft hilft Improvisation. Es gibt kein Lehrbuch, in dem steht, wie man ein Spitzenmuster fabriziert, ohne Spitze zu verwenden. Lisy Christl probierte es mit dem Lötkolben, es hat geklappt. Für die eigentliche Anfertigung der Kostüme stellt sie sich ein Team zusammen, das ihre Vorstellungen umsetzt. Es gibt nicht mehr viele Schneiderinnen, die dieses Handwerk als wirkliche Handarbeit beherrschen. Dann wird genäht, wie in einer Manufaktur oder einem Sweatshop. Wenn die Zeit knapp wird – und sie wird immer knapp – , setzt sich die Chefin dazu, näht Knöpfe an, säumt Röcke, wenn’s sein muss, die ganze Nacht.

Gabriele Leuter hat das in Babelsberg erlebt, wo „Anonymous“ gedreht wurde. Die zierliche Frau mit dem Turnerinnendutt leitet seit knapp fünf Jahren die Kostümabteilung des Studios. Die meisten der Kleider für den Film seien in London gefertigt worden, weil dort die Hauptdarsteller leben und bequem zu den Anproben kommen konnten. In Babelsberg wurde vor allem für die Komparserie gearbeitet. Dutzende Schneiderinnen nähten in einer eigens eingerichteten Werkstatt Kostüme für Hofdamen, Huren, Soldaten. Jedes einzelne Stück musste schließlich noch patiniert werden, damit es abgetragen aussieht. Diesen Effekt erreicht man durch das Einbügeln von Wachs. Manchmal werden die Kostüme auch in einem Betonmischer steingewaschen.

„Bei Lisy herrscht immer gute Stimmung im Departement“, sagt Gabriele Leuter. Das sei selten, da werde sonst viel gezetert. „Sie weiß genau, was sie will und sie erreicht es auf ihre Art.“ Und was ist ihre Art? Sie überlegt. „Mit harter Hand, die zärtlich streichelt, so könnte man es vielleicht formulieren.“ Lisy Christls große Gabe sei es, mit Menschen umgehen zu können, die nicht ganz einfach sind. „Was, wenn Vanessa Redgrave bei der Anprobe vor ihnen steht und sagt: I don’t like this?“ Redgrave, eine Ikone des britischen Kinos, spielt in „Anonymous“ die Rolle der Queen Elisabeth.

Für die Kostümbildnerin ist die Begegnung mit den Schauspielern immer ein heikler Moment. Wenn Lisy Christl sagt, „da fällt die letzte Hülle“, meint sie das buchstäblich. Es ist ja tatsächlich wie beim Arzt. Da begibt sich ein Mensch schutzlos in die Hände eines anderen, den er nie zuvor gesehen hat, und vertraut ihm sein Leben an. In der Kunst geht es immer um das ganze Leben. „Ich möchte, dass sich die Schauspieler darauf verlassen können, dass ich gut mit ihnen umgehe.“

Bis die Hände blau anlaufen

Aber wenn es nun eines Tages gar keine Schauspieler mehr gibt, die in Anproben an sich herumzupfen lassen und stillstehen, bis die Hände blau anlaufen? Bei den Dreharbeiten zu „Avatar“, dem erfolgreichsten Film aller Zeiten, trugen die Schauspieler eine Art Taucheranzug, der mit Sensoren bestückt war. Physiognomie und Kostüme wurden ihnen am Computer verliehen. „Ich habe keine Angst davor, solange ich in Ansätzen verstehe, wie die Dinge laufen“, sagt Lisy Christl.

Sie hat sich das Arbeitsbuch zu „Avatar“ besorgt. Die Kostüme hätten ja trotzdem entworfen werden müssen, nur eben am Bildschirm. Und doch könnte es sein, dass ihr Beruf, so wie sie ihn versteht, ausstirbt. „Ich mag mir jetzt nicht vorstellen, dass es keine realen Schauspieler mehr gibt, die in reale Jacken schlüpfen.“ Man konnte sich ja auch nicht vorstellen, dass der Stummfilm irgendwann vom Tonfilm abgelöst wird.

Bei den Oscars wird Lisy Christl ihre britische Kollegin Sandy Powell treffen. Sie ist die Meryl Streep unter den Kostümbildnerinnen. Zehnmal wurde sie für den Oscar nominiert, dreimal hat sie ihn gewonnen. Am Sonntag ist die 51-jährige Londonerin mit „Hugo Cabret“ im Rennen. „Wenn du antrittst, willst du gewinnen“, sagt sie. Es ist ein Nachmittag bei der Berlinale, Sandy Powell hat sich eine halbe Stunde Zeit genommen, die sie mit ihrem rasenden Tempo optimal nutzt.

Freundliche, warme Farben

Ihren ersten Oscar bekam sie für „Shakespeare in Love“, jetzt konkurriert sie gegen einen völlig anderen Shakespeare-Film: „,Anonymous’ ist viel dunkler, ernsthafter als unserer. Das war ja eine Komödie.“ Für ihren Film habe sie freundliche, warme Farben ausgewählt. Die lustige Renaissance ist von der traurigen sehr verschieden. Bei den Komparsen habe sie allerdings ein paar Kostüme wieder erkannt. „So viel elisabethanisches Zeug gibt es ja nicht auf der Welt.“

Beim Lunch der Nominierten hat Sandy Powell ihrer Konkurrentin versprochen, sie in der Oscar-Nacht unter ihre Fittiche zu nehmen. Die Kostümbildner säßen immer gemeinsam an einem Tisch. „Sie ist die Neue. Ich hab’ gesagt, wir passen auf dich auf.“

Für Lisy Christl ist der Ausflug nach Hollywood eine Reise ins Ungewisse. Wie auch immer das Ganze ausgeht, nach der Feier will sie sich ein Auto mieten und ein paar Tage die Küste rauffahren, in Richtung San Francisco. „Ich weiß nicht, was jetzt kommt. Am Ende kann ich nur anderen Leuten Kleider anziehen.“

Aber was für welche.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Oscars

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