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„Only Lovers Left Alive“ In der Gruft

„Only Lovers Left Alive“ von Jim Jarmusch erzählt von einer stillen Seelenverwandtschaft: Ein kultivierter Vampirfilm über eine erwachsene Liebe.

Alt, aber schön und cool: Tilda Swinton und Tom Hiddleston als Vampirpaar.

„Only Lovers Left Alive“ von Jim Jarmusch erzählt von einer stillen Seelenverwandtschaft: Ein kultivierter Vampirfilm über eine erwachsene Liebe.

Was, aus Köln kommen Sie? Ist das nicht die Stadt mit dem Supermarkt im Flughafen, der 24 Sunden geöffnet ist?“ Kein Wunder, dass Jim Jarmusch mit Vampiren sympathisiert. Wer ihn trifft, kann schon das Gefühl bekommen, dass der Schöpfer der nächtlichen Odysseen von „Down by Law“ und „Night on Earth“ auch selber nur nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs ist. Dabei hat er unweit der Rheinmetropole die meisten Innenaufnahmen von „Only Lovers Left Alive“ gedreht. Aber nachts sind eben alle Katzen grau, und Filmstudios sind es sowieso.

Grund dafür, dass Köln in diesem Vampirfilm einmal ein bisschen Detroit spielen darf – irgendwie ganz passend für eine der vielen zweitschönsten Städte auf dem Planeten –, ist ohnehin die Blutbank der Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen. Man scheint sich jedenfalls recht wohl gefühlt zu haben. Warmherzigere Blutsauger hat es bisher kaum auf der Leinwand gegeben. Was ihrer Coolness freilich nicht im Wege steht.

Schon das Domizil des ewigen Dandys Adam in einem Detroiter Altbau verströmt die spezielle Gemütlichkeit distinguierten Messietums. Oder besser gesagt, jener höheren Ordnung, die für Außenstehende vielleicht chaotisch anmutet – und dennoch eine perfekte Systematik offenbart: Wenn ihre Hüter etwa binnen weniger Sekunden jede gewünschte Vinylplatte unter Tausenden aus ihren Regalen zaubern können.

Es passiert nicht viel im Leben des Musikliebhabers Adam (Tom Hiddleston), das allein die Besuche seines treuen Helfers, einer Art Roadie für alles, etwas auflockern. Der schafft ihm einzigartige Vintage-Gitarren und spezielle Verstärker herbei, und nun auch noch eine Pistolenkugel aus dem schwersten Holz der Welt. Denn Adam ist nicht nur ein Melancholiker sondern, wie es Jarmusch im Gespräch ausdrückt, auch eine „drama queen“. Immerhin schafft Adam der nicht wirklich ernst zu nehmende Flirt mit dem endgültigen Ende des Untotendaseins seine geliebte Frau herbei. Seit hunderten von Jahren ist das Eve, gespielt von der ätherischen Tilda Swinton. Die wohnt seit einiger Zeit in Tanger. Vielleicht schon seit den späten fünfziger Jahren, als späte Beatniks und frühe Hippies von Marokko träumten?

Kulturverliebter Vampirismus

„Was sind schon ein paar Jahre im Leben von Vampiren, die vielleicht tausend Jahre alt sind“, erklärt Jarmusch, „das ist für die doch nur ein Wochenende.“ In Tanger gibt es aber auch noch etwas zu tun. Eves bester Freund ist Christopher Marlowe, der als Vampir leben kann wie sein eigener Faust. Und noch ein paar Anekdoten aus der Zeit parat hat, als er unter dem Namen William Shakespeare publizierte…

Ja, Jarmuschs kulturverliebter Vampirismus kommt nicht aus ohne viele große Namen. Aber er servierte sie nicht ganz so auf dem Silbertablett wie Woody Allens auf seine Art nicht weniger charmante Bohème-Komödie „Midnight in Paris“. Wer die Kunst liebt, der stellt nun einmal Beziehungsgeflechte her, die Idole aus verschiedenen Epochen miteinander in Verbindung bringen. Erwähnt werden hier unter anderem: Lord Byron, Mark Twain und Buster Keaton. Und was für eine schöne Vorstellung, dass jemand lange genug gelebt haben könnte, um Teufelsgeiger Paganini und Rock’n‘Roll-Röhre Wanda Jackson gleichermaßen über die Schulter zu schauen und vielleicht sogar zu inspirieren, deren Werke den Soundtrack schmücken.

Adam, Jarmuschs stoischster Held seit Johnny Depps „Dead Man“, trägt unverkennbar Züge eines Selbstporträts. Welche Drama-Queen im Filmemacher selber steckt, konnte man jetzt am Rande der Kölner Premiere erleben, bevor er dann schließlich selbst zur Gitarre greifen sollte und sein Punk-Rock-Set mit Hank Williams’ „So Lonesome I Could Cry“ beginnen. Da brach er das einzige Interview, das er einer Fernsehjournalistin gewährt hatte, gleich nach der ersten Frage ab. Nach seinem „Zombie-Film“ hatte sie ihn gefragt. So ein Blödsinn, wenn es doch um Vampire geht.

Als „Zombies“ werden von diesen in dieser Geschichte hingegen die Lebenden bezeichnet, auf deren Blut man leider nicht mehr setzen kann – zu verseucht ist es geworden. Das macht die Vampire zu einer bedrohten Art – auch wenn es noch ein paar verlässliche Dealer gibt wie einen gewissen „Dr. Watson“.

Etwas Aufregung kommt in den handlungsarmen Film durch den unliebsamen Besuch von Eves hemmungsloser Schwester, die einen ganz anderen Lebensrhythmus pflegt. Anstatt auf lupenreine Blutkonserven zu warten, nimmt sie es lieber in ekstatischer Geste von den Lebendigen. Gespielt von der in ihrem Ausdrucksspektrum im besten Sinne unberechenbaren Mia Wasikowska, macht sie das abgeklärte Idyll in kurzer Zeit zunichte und verscheucht das Paar in Richtung Tanger. Aber was einem Dichter-Komponisten wie Paul Bowles recht war, kann auch Adam nicht wirklich schaden.

„Only Lovers Left Alive“: Schon der Titel ist ein Gedicht. Es ist also eine recht erwachsene Liebe, von der Jarmusch erzählt, alle Leidenschaft genügt sich in lässigem Einvernehmen. Genau darin liegt der Charme – erzählen Liebesfilme doch meist vom Erobern und Verlieren, aber selten von stiller Seelenverwandtschaft.

Die Liebe zur Kunst ist dabei die Metapher für den Teil unserer Selbstverortung, der sich dem Flüchtigen widersetzt. Und nach Dingen sucht, von denen Fans vollmundig schwärmen als etwa dem „Album für die Ewigkeit“. Oder dem „Film für die Insel“.

Zum ersten Mal hat Jarmusch auf Video gedreht, was man durchaus bedauern kann, hier aber auch als Aussage verstehen kann. Warnten nicht Cineasten wie Wim Wenders in den achtziger Jahren vor der „vampirischen Natur“ des Magnetbands, auf dem das bloße Auge keine Bilder mehr erkennen konnte? Aber Video hat uns das Kino auch ins Haus geholt, es hat es sammelbar gemacht, wie Bücher oder Schallplatten. Es erlaubt uns, wie jetzt wieder zu Weihnachten, Filme als Liebesgaben zu verschenken. Oder vielleicht, in diesem Fall, doch lieber eine Eintrittskarte? Welch schöneren Liebesbeweis könnte es geben, als eine Einladung in Jarmuschs schöne Gruft.

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