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"Old Joy" Jenseits vom Brokeback Mountain

"Old Joy", die meisterlich verkürzte Männergeschichte der Regisseurin Kelly Reichardt wird mit dem Film über eine schwule Liebesgeschichte verglichen. Von Daniel Kothenschulte

Zurück in die Zeit der alten Freundschaft: Will Oldham und Daniel London im Filmszene "Old Joy". Foto: peripher

Ein amerikanisches Branchenblatt, das es gut meinte, verglich "Old Joy" mit dem Film "Brokeback Mountain" - nur ohne die schwule Liebesgeschichte. Als wollte irgendjemand Ang Lees Film sehen ohne das Liebesdrama - was bliebe wohl übrig? Zwei Freunde, die in die Berge fahren und sich einiges zu erzählen haben? Oder - da nicht verliebt - vielleicht nicht allzu viel zu sagen?

Tatsächlich handelt der zweite Spielfilm der amerikanischen Independent-Filmemacherin Kelly Richardt vom Ausflug zweier Männer in ihren späten Dreißigern in eine wenig besungene amerikanische Natur, die Berge von Portland, Oregon. Über ihre Beziehung zu einander ist anfangs sehr wenig bekannt ist.

Sie mögen ihre Jugend zusammen verbracht haben, aber das ist lange her. Dass diese Lebensphase tatsächlich hinter ihnen liegt, mögen sie in unterschiedlichen Lebensmomenten und mit der gebotenen Verspätung realisiert haben. Sich aber doch noch einmal zu treffen, bevor einer von ihnen Vater wird und das nicht mehr könnte und gleich ein ganzes Camping-Wochenende daraus zu machen: Das ist in Augenblicken heraufdämmernden Alters eine ebenso verbreitete wie oft auch dumme Idee.

Wer sich als Zuschauer selbst im Alter der beiden Männer befindet, kennt vielleicht einen der beiden. Will Oldham, im Film ein verzauster Vollbartträger, ist ein begabter Singer-Songwriter der Neo-Folk-Bewegung. Einen noch direkteren Weg in den zwischenzeitlich weltbekannten musikalischen Underground der frühen 90er Jahre weist der Soundtrack: Ihn komponierte die Band Yo La Tengo aus New Jersey. Oldham spielt einen Mann, der so moralisch ist, dass er keinem Bettler einen Vierteldollar verwehren kann ohne sich gleich darauf dafür zu schämen.

Und der zugleich so schüchtern ist, dass er nur sehr verschämt wieder zurück gehen wird, um ihm das Geld hinterher zu tragen. Sein vom gut aussehenden Daniel London gespielter Jugendfreund investiert seine Wohltätigkeit lieber ganz ordentlich - in ein Ehrenamt in der Gemeinde. Die Art aber, wie er die Anerkennung, die ihm sein Kumpel dafür ausspricht, bescheiden abwehren möchte, macht deutlich, wie wenig sich die beiden tatsächlich verstehen. Der andere möchte seine Menschenliebe lieber direkt und herzlich beweisen, wäre er nicht nach außen so ein verklemmter und schüchterner Typ. Irgendwann fängt er an, seinem Freund ungebeten den Rücken zu massieren. Geduldig lässt der es über sich ergehen. Der Brokeback-Mountain ist weit weg.

"Old Joy": Mit den altmodischen Freuden ist es schwierig geworden. So wenig, wie man seinem besten Freund eine gute alte Massage aufdrücken kann, funktioniert so eine Exkursion: Man kann nicht so einfach, wie in so vielen amerikanischen Filmen beschworen, seine Jugend mit einem Road Trip beenden. Was hingegen noch lebendig ist, das ist die Erzähltradition.

Wie "Brokeback Mountain" basiert "Old Joy" auf einer typischen amerikanischen Kurzgeschichte. Ihr Autor Jonathan Raymond, der auch das Drehbuch schrieb, fasste damit ein menschliches Phänomen, das jeder kennt, in eine denkbar knappe aber keineswegs verkürzte Form. Auf diese Weise hat sich auch der amerikanische Song immer den zwischenmenschlichen Realitäten genähert. Es ist kein Zufall, dass der US-Independent-Film zur selben Zeit ein Welterfolg wurde wie Bands wie Jo La Tengo. Heute scheint das alles lange her. Wie die Jugend, die diese Kunst einmal begleitet hat.

Der auf Festivals glänzend besprochene Film "Old Joy" brauchte zwei Jahre, um einen deutschen Verleih zu finden. Der Independentfilm ist keine Marke mehr, und Männergeschichten die nicht zugleich von kalifornischen Wein-Exkursionen oder sonstigen Coming Outs erzählen, haben es schwer. Kelly Reichardts "Old Joy" ist wahrlich nicht der Film, der das Rad neu erfindet, aber gerade in seiner Einfachheit ist er imponierend. Es gibt nicht viele Zweipersonenstücke, die im Kino tragfähig sind, aber hier kann man einmal lernen, wie so was geht. Todd Haynes hat den Film produziert, bevor er sich mit dem Bob-Dylan-Porträt "I'm not there" auf eine Exkursion zu den Wurzeln dieser amerikanischen Erzählkunst machte.

Old Joy, USA 2006. Regie: Kelly Reichardt. 70 Minuten.

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