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Oberhausener Kurzfilmtage Gefilmte Beute

Die Oberhausener Kurzfilmtage verlieren den klassischen Experimentalfilm zusehends aus den Augen.

„Die Pferde des Rittmeisters Harald von Vietinghoff-Riesch, 1939–1941“. Foto: Oberhausener Kurzfilmtage

Die Liebe zum Film bringt nicht nur Schönheit hervor. Auf einem Dachboden entdeckte der Göttinger Filmkünstler Clemens von Wedemeyer den Nachlass seines filmenden Großvaters. Rittmeister Harald von Vietinghoff-Riesch nahm seine 16mm-Kamera mit, als er im Zweiten Weltkrieg Polen, Belgien und die Ukraine zu besetzen half. Das primäre Interesse des Offiziers galt dabei – wie auch daheim – den geliebten Pferden.

Durch den Sucher der Kamera ließ er sich in Polen die besten Exemplare vorführen, die ein Gestüt zu bieten und vermutlich sogleich abzuführen hatte. Je weiter man in das Material hineinschaut, das von Wedemeyer zu dem „Found Footage“-Film „Die Pferde des Rittmeisters Harald von Vietinghoff-Riesch“ montierte, überwiegen Bilder verendeter Tiere vor Kriegslandschaften. Offensichtlich hatte der Offizier und Hobbyfilmer die Konventionen der offiziellen Filmsprache seiner Zeit verinnerlicht: Das makellos erhaltene, sorgsam umkopierte Material zeugt von kompositorischem Ehrgeiz.

Staffage auf Schlachtengemälde

Ein Flüchtlingstreck kommt dem Filmenden entgegen, während der Weg der Eroberer in die ferne Bildflucht führt. Von Wedemeyers unaufdringliche Kommentierung erinnert an Harun Farockis Umgang mit gefundenem Material. Er identifiziert ein polnisches Dorf, dessen jüdische Bewohner von den Deutschen ermordet wurden. Das Besondere dieses Fundes ist das Verhältnis von Ästhetik und Verdrängung. Alles, woran sich die Empathie des Offiziers und Hobbyfilmers entzündet, sind die Pferde. Noch als Kadaver sind sie treu zu Diensten. Sie dienen als Staffage von Schlachtengemälden – der Kamerabeute des Rittmeisters von Vietinghoff-Riesch.

Die Oberhausener Kurzfilmtage, die diesen Film sowohl im internationalen als auch im deutschen Wettbewerb zeigten, präsentierten damit die Preview einer Kunstausstellung. Von Wedemeyers herausragende Arbeit wurde im Rahmen seiner kommenden Schau im Neuen Berliner Kunstverein realisiert, wo man ab 28. Mai auch noch die Porträtaufnahmen des filmenden Großvaters besichtigen können wird.

In den letzten Jahren hat sich Oberhausen an der Schnittstelle zur bildenden Kunst positioniert und ist dabei immer weiter in den Kunstkontext hineingewandert. Vielleicht kann man inzwischen sagen, wenn die Kurzfilmtage zuletzt ein Fenster aus der Filmwelt in die Kunstwelt waren, sind sie nun selbst eine Art Außenposten dieser Kunstwelt, die den Blick zurück ins Kino wirft. Und dabei so gut es geht in die anderen Kontexte herüberschaut, in die Vergangenheit des Künstlerfilms etwa, wenn das Centre Pompidou wiederentdeckte Filmaufnahmen des Bildhauers Constantin Brancusi zeigte, die aber ohne filmästhetischen Eigenwert blieben.

Oder in die kulturelle, politische oder ethnographische Funktion etwa, die der Film in den letzten Jahrzehnten in Lateinamerika spielte. „El Pueblo“ hieß in diesem Jahr die Themenreihe, die parallel zu den Wettbewerben mit einer denkbar breit gefächerten Auswahl dem Einfluss es Films bei der Suche nach einem „neuen Lateinamerika“ nachspürte.

In der Jury der Kurzfilmtage saßen sich diesmal zwei Künstler und drei Kuratorinnen gegenüber, klassische Filmemacher waren nicht vertreten. Werkstattgespräche kreisten um die Frage, wie man im Kunstkontext seine Filme finanziert. Aber darf man den künstlerischen Kurzfilm, der nichts mit bildender Kunst zu tun hat, weiter marginalisieren? Im Langfilm sieht es ja schon düster aus: Jede Lola-Verleihung ist ja für junge deutsche Filmemacher eine Lektion darin, dass es außerhalb des biederen Mainstreams in Deutschland kaum Anerkennung zu gewinnen gibt.

Aber zum Glück gibt es noch Filme, die in beiden Kontexten überzeugen, als Experimentalfilm wie als Werk der bildenden Kunst. Die in Berlin lebende Filmemacherin Vika Kirchenbauer gewann mit einem solchen Meisterwerk den deutschen Wettbewerb. Ihr Dreieinhalbminutenfilm „She whose Blood is Clotting in my Underwear“ ist eine erotische Miniatur, zärtlich und doch von elementarer Wucht. Ausgerechnet die Beschäftigung mit Kriegstechnologie ließ sie für die Interaktion eines Paares zur idealen Ästhetik finden: Eine moderne Infrarotkamera schaut den Liebenden, die sich auf mitunter brutale Art begehren, förmlich unter die Haut.

Studentin in Mondnähe

Auch ein zweiter Wettbewerbsbeitrag einer jungen Filmemacherin geht in diesem Sinne förmlich physisch unter die Haut, auch wenn sich seine Intimität Zeichnungen auf geschundenem Papier verdankt: In ihrem tief persönlichen Essayfilm „Exomoon“ erzählt die Österreicherin Gudrun Krebitz von einer College-Studentin, die sich dem Mond näher fühlt als der Sonne, sich mit einer Statue im Park identifiziert und die Gabe besitzt, Sichtbares und Unsichtbares zugleich zu sehen.

Die wenigen Animationsfilme im Oberhausener Programm gehören kurioserweise zu den letzten Boten in eine Filmwelt, die man dort allmählich abschreibt. Dabei hat dieser unprämierte Film alles, was dem Gewinner des großen Preises an ästhetischer Originalität fehlte. Der 34-Minutenfilm „Venusia“ der Schweizerin Louise Carrin dokumentiert die Gespräche einer Schweizer Bordellbetreiberin und ihrer angeblich einzigen Freundin, so die offizielle Filmbeschreibung, einer „untalentierten Prostituierten“.

In dieser Beschreibung liegt bereits etwas Herablassend-Voyeuristisches, das diesem im realen Genfer Venusia-Bordell angesiedelte Film bei aller Nüchternheit eine unschöne Färbung gibt. Das statische Videobild sieht sich gleichsam von selber satt. Gewiss, es liegt eine Faszination in dieser Leere und der Banalität der Unterhaltung. Doch in seiner langen Geschichte hat das Kino diese Grenze schon öfter passiert.

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