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Nippon Connection Frankfurt Kumiko sucht den Geldkoffer aus „Fargo“

Wie geht es dem japanischen Film? Ein ideenreiches Meisterwerk und manch ein Manga-Imitat beim 15. Festival Nippon Connection in Frankfurt.

„Kumiko“ in Minnesota auf den Spuren der Brüder Coen. Foto: Nippon Connection

Rotkäppchen am Strand: Schon das erste Bild des Films „Kumiko, the Treasure Hunter“ spricht von der Lust am Schauwert. Da wird von weit oben, einem Berg vielleicht, auf eine Küstenlinie geblickt, und plötzlich erscheint eine winzige in Rot gekleidete Gestalt und läuft im Sand an den Wellen entlang.

Hier ist in der ersten Einstellung schon alles enthalten, was diesen Film bestimmt, was das Kino überhaupt ausmacht: Der filmische Blick, die Bewegung, die Fähigkeit, das Publikum staunen zu lassen auch.

Kumiko, so heißt die Frau in Rot, findet in einer Höhle am Strand eine alte Videokassette. Inhalt: der Film „Fargo“ der Brüder Joel und Ethan Coen. Als Kumiko die Stelle anschaut, wo Steve Buscemi einen Geldkoffer an einem Zaun im Schnee vergräbt, wird sie von einer fixen Idee gepackt: Das Geld muss noch da sein.

Die selbstgestickte Schatzkarte

Einsam, unglücklich, von Mutter und Chef drangsaliert, flieht sie aus Tokio und macht sich auf die Suche, den Film und eine selbstgestickte Schatzkarte mit den – vom Bildschirm abgemessenen – Koordinaten des Verstecks im Gepäck.

Nun wird der Film zum Road Movie eigenwilliger Art: Eine Gestalt in rotem Umhang wandert durch die eisige Weite von Minnesota. Eindrucksvolle Bilder, untermalt von einer ausgefeilten Tonspur, gelingen der Kamera von Sean Porter, und die Regie von David Zellner lässt Kumikos Reise mit leiser Komik zu einem vergnüglichen Kinoerlebnis werden.

Die Namen verraten: Dieser Film ist kein japanischer, sondern eine amerikanische Produktion. Warum ihn das Frankfurter Nippon Connection Festival in seiner 15. Ausgabe dennoch zeigt, erklärt sich aus dem Spielort Tokio und seiner Hauptdarstellerin – und aus der Qualität: Keine der vom Rezensenten gesehenen Arbeiten weiß derart filmisch zu erzählen wie Zellners Märchen.

Am nächsten in der Fähigkeit, die Mittel des Kinos souverän einzusetzen, kommt ihm ein Altmeister: Der 76-jährige Nobuhiko Obayashi legt „Seven Weeks“ vor, ein Werk von epischem Atem. Das wunderbare erste Bild zeigt eine Gruppe von Musikern in einem nebelverhangenen Wald, die wie ein Chor der antiken Tragödie fungieren – mit getragener Musik als Kommentar. Denn es geht um nicht weniger als den Tod. Und damit, natürlich: das Leben.

Jeder Tod verbinde Zukunft und Vergangenheit und sei deshalb eine Geschichte, so heißt es zu Beginn. Der Arzt Mitsuo ist 92-jährig gestorben. Und nun entfaltet der Film am Umgang der Hinterbliebenen mit dem Geschehen ein Panorama der japanischen Gesellschaft, vom Mikrokosmos der Familie bis zu globalen Erschütterungen wie den Kriegen gegen Korea, Russland und die USA.

Obayashi nutzt die Gespräche der Trauernden zur Charakterzeichnung der Beteiligten und verknüpft deren Ansichten und Biografien kunstvoll mit Landschaften, Jahreszeiten und Episoden der japanischen Geschichte, etwa zum Tabuthema Korea: Ort der Handlung ist das ehemalige Bergbaustädtchen Ashibetsu, wo einst koreanische Kumpel unter Tage schufteten. Die Souveränität des Regisseurs zeigt sich auch bei der formalen Gestaltung, etwa wenn seine Protagonisten vom Winter in den Frühling radeln – dem Realismus dieses fast dreistündigen Meisterwerks tut das keinen Abbruch.

Dagegen fallen Arbeiten jüngerer Regisseure wie Takashi Miike bei allem Anspruch doch ab. Miike erzählt von einem Samurai, der seine Frau wegen einer anderen tötet, dabei kleidet er die simple Geschichte in ein doppeltes Spiel im Spiel: Er verlegt die Handlung in ein Bühnenstück, und die Darsteller der Hauptrollen sind auch im wirklichen (Film-)Leben ein Paar. Die extrem aufwendigen Bühnenbilder und die darin gefilmten Sequenzen (die das Theaterstück doch wieder zu einem Film verwandeln) können über die leere Handlung aber nicht hinwegtäuschen, und das blutige Ende wirkt in seiner Monstrosität nur noch aufgesetzt.

Blutig geht es bisweilen auch in „The World Of Kanako“ zu, in er sich ein Vater auf die Suche nach seiner Tochter macht, und die Unschulds-Aura des Mädchens mit den Gewaltszenen ihres Erzeugers konfrontiert wird.

Hier wie bei „Chasuke's Journey“ hat ein westlicher Beobachter das Gefühl, als sei der Einfluss der Mangas auf die Filmemacher größer als vermutet. Chasuke wird als Engel auf die Erde geschickt, um das Mädchen Yuri zu retten, was Regisseur Sabu Gelegenheit bietet, seine Lust zum Fabulieren und zur Dramatik auszuleben.

Spannender ist da der Versuch des Regisseurs Masashi Yamamoto, das Geschäft mit der Religion zu demaskieren. In seinem Film „Voice of Water“ spielt eine junge Frau das Medium, das die unglücklichen Seelen heilen soll, aber ihren Beruf zu ernst nimmt und zudem ihren von Yakuza bedrohten Vater am Hals hat. Am Ende flieht sie nach Korea, wo ihre Großmutter einem religiösen Kult anhing.

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