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Nippon Connection Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Bei dem Filmfest Nippon Connection in Frankfurt erzählen einige Filme vom fragilen Zusammenleben der jüngeren Generation.

Szene aus „Happiness“
Extrem ruhig gefilmtes Schauerstück: „Happiness“ zeigt die Rache eines Vaters am Mörder seiner Familie. Foto: Nippon Connection

Es ist eng bei Rinko und Isamu zuhause. Doch hat jeder seinen Platz für sich. Denn sie sind schon länger getrennt, leben aber noch zusammen, und zu ihrer beider Überraschung geht es recht harmonisch zwischen ihnen zu. Nicht anders halten es Tamaki und Kaori. In ihrer Hutschachtel von Wohnung haben sie mit Linien ihre Bereiche abgegrenzt: Die friedliche Koexistenz hält aber nur solange, bis die Bewohner Verlockungen in Gestalt Anderer entdecken. Bei Asahi und Kaori ist nicht mal Platz für eine richtige Küche, da ist bloß eine Mikrowelle ganz unten im Regal untergebracht. Aber im Gegensatz zu den beiden anderen Pärchen wollen sie bald heiraten.

Zweisamkeit in Tokio scheint eine enge Angelegenheit zu sein, folgt man den Geschichten dieser Filme: „Love and Goodbye and Hawaii“, „Good/Bye“ oder „Going the Distance“. Sie machen das Dilemma von Paaren zum Thema, die zwischen Studium und ersten Job-Erfahrungen Schwierigkeiten haben, sich zu entscheiden. Dabei geht es nie dramatisch zu, atmen die Geschichten eine erstaunliche Gelassenheit. Wir sehen jungen Menschen bei der allmählichen Verfertigung ihrer Gedanken beim Schreiten zu. Denn die Regisseure und Autoren bieten da neue Varianten des road movie: Ihre Protagonisten gehen in den engen Gassen der Vorstädte von einem Ort zum anderen, und der Cutter hat Pause.

Schritt für Schritt folgt die Kamera etwa dem Boxlehrer Asahi, wenn der zwischen seiner Wohnung und dem Treffpunkt mit seinem Freund Hiroto pendelt, geplagt von Sorgen, wie er dem helfen kann, da er ihn einem Restaurantbesitzer empfohlen hat, der sich als Gauner entpuppt. Ein Gang die Treppe hoch, das Aufschließen von Türen, die Bewegung von hier nach da, sie werden oft ausgiebig abgefilmt: eine Wiederentdeckung der Langsamkeit prägt so einige Filme des 17. Festivals Nippon Connection in Frankfurt.

Wieder präsentiert sich die Werkschau eines japanischen Kinojahres als Schwerpunkt der knapp einwöchigen Veranstaltung, die daneben stets zahlreiche andere Angebote macht wie workshops etwa zu japanischer Etikette oder der Herstellung von Sake, Musik- und Kunst-Performances: Gelegenheit, etwas über die uns immer noch recht fremde Kultur des ostasiatischen Volkes zu lernen, deren Frankfurter Community eine der größten in Deutschland ist.

Dabei gelingt es Festivalleiterin Marion Klomfass und ihrem Team von Ehrenamtlichen, japanische Filmprominenz an den Main zu locken wie den Schauspieler Koji Yakusho, heuer mit dem Nippon Honor Award geehrt und auch hiesigen Filmfreunden durch seine Rolle in der Komödie „Tampopo“ (1985) bekannt. Die wurde zu seinen Ehren wieder aufgeführt, und der Film über die erfolgreiche Gründung einer Nudelsuppenküche hat nichts von seiner Sinnlichkeit und dem augenzwinkernden Spiel mit den Genres verloren.

Am Genre-Mix versucht sich auch „I Am a Hero“ von Shinsuke Sato. Manga-Zeichner Hideo muss sich in einer Mischung aus Endzeit-Vision, Boy-Meets-Girl-Romanze und Gore-Elementen gegen Zombies zur Wehr setzen, die er schließlich in einem minutenlangen Splatter-Gemetzel beseitigt. Da siegt zugleich die Lust am Effekt über jeglichen Inhalt.

Die Festival-Sektion „Nippon Visions“ hat einen realen Helden des japanischen Kinos zu bieten. Regisseur Steven Okazaki setzt Toshiro Mifune ein filmisches Denkmal, dem Schauspieler, der durch die lange Zusammenarbeit mit Regie-Meister Akira Kurosawa und seine Rollen in „Rashomon“, „Ein Schloss im Spinnwebwald“ und „Die sieben Samurai“ weltweit Ruhm erntete. Okazaki kann für sein den Schauspieler verherrlichendes Bio-Pic denn auch Zeugen wie Steven Spielberg aufbieten, der sagt, Mifune agiere, als sei er von seismischer Energie geschaffen. Und Martin Scorsese bescheinigt ihm in „Rashomon“ die Bewegungen eines im Käfig gehaltenen Tieres.

Ein stärkerer Kontrast als der zwischen Mifunes von physischer Energie geprägtem Spiel und dem zaudernden Agieren der bebrillten Jungmänner in den aktuellen Filmen ist kaum vorstellbar. So muss bei Hirokazu Kais melancholischer, subtil gefilmter Romanze

„Innocent 15“ der junge Gin mitansehen, wie seine Angebetete Harumi von Mutter und Stiefvater als Prostituierte verkauft wird. Der Film hinterlässt auch wegen des Missbrauch-Themas stärkeren Eindruck als die Twenty-Somethings-Erzählungen, was ebenfalls für einige mit Thriller-Elementen versetzte Melodramen gilt. Regisseur Sabu etwa verrät sein extrem ruhig gefilmtes Schauerstück „Happiness“, die Rache eines Vaters am Mörder seiner Familie, zuletzt doch an die ungeheuer brutale Mordszene, die er wiederholen zu müssen glaubt.

Koji Fukada spart die Gewalt in „Harmonium“ aus, obwohl auch hier ein Mord verhandelt wird, zieht aber seine Kraft aus dem leisen Aufbau der Spannung und seinem hermetischen Familien-Setting.

Während sich aber die Tragödien im trauten Heim weltweit ähneln mögen, hat „Nippon Connection“ auch stets Filme zu bieten, die auf ihrer Eigenheit, die uns als Fremdheit erscheinen mag, bestehen. Da fiel dieses Jahr die Arbeit mit dem wunderbar poetischen Titel „gui aiueo:s a stone from another mountain to polish your own stone“ auf, die verrückte Reise von Musikern in einem verkleideten Lieferwagen: einen Jux wollten sie sich machen, und das ist ihnen wohl gelungen.

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