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Nippon Connection Die Innenwelt der Außenwelt

Japanische Filme in Frankfurt: Beim 16. Festival „Nippon Connection“ dominiert der Blick ins Private. Vielleicht gerade eine Folge der Atomkatastrophe von Fukushima?

Vom Death-Metal-Musiker zum Sohn: "The Mohican comes home", zu sehen beim Festival Nippon Connection in Frankfurt. Foto: Nippon Connection

Der große Filmkünstler Chris Marker berichtet in seinem Meisterwerk „Ohne Sonne“, in Japan gebe es einen Tag, an dem der Seelen zerbrochener Puppen gedacht werde. Ein passenderes Bild für die kulturelle Distanz zwischen dem ostasiatischen Land und Europa lässt sich schwerlich finden. Und so ist es ein großes Verdienst des Festivals Nippon Connection, Kultur und Kunst des Inselreichs dem Westen näher zu bringen. Jetzt ist in Frankfurt die 16. Ausgabe des Filmfests zu besichtigen, das inzwischen als bedeutendste Darbietung japanischer Filmkunst außerhalb des Landes gilt.

Nach wie vor sorgen unter Leitung von Marion Klomfaß meist ehrenamtliche Kinoliebhaber für ein Programm, das auch Vorträge, Kostproben aus Kunst und Küche, Tanz, Theater, Karaoke und Kampfsport anbietet. Das Filmprogramm umfasst mehr als 100 Arbeiten in vier Sektionen. Festivalmacher müssen sich auf diese Weise nicht dem Diktat von Genre-Kategorien unterwerfen.

Der Jahrgang bei „Nippon Cinema“ scheint stärker als sein Vorgänger von einem Hang zur Nabelschau geprägt. Die Besinnung auf Familie, die individuelle Perspektive auf das Dasein durchziehen eine bemerkenswerte Anzahl von Werken. Vielleicht ist es zu kühn zu behaupten, dass es eine Reaktion auf die Katastrophe von Fukushima sein könnte, aber eine direkte filmische Auseinandersetzung mit den Folgen der Verseuchung fehlt bei „Nippon Cinema“ diesmal. Dafür gab es eine von leisem Witz getragene Parabel auf den Fortschrittsglauben von Sion Sono: „Whispering Star“ ist eine Reflexion auf menschliche Unzulänglichkeit und eine in Schwarz-Weiß gefilmte Weltraum-Odyssee im Zen-Rhythmus.

Ein Raumschiff wie ein japanisches Teehaus

Replikantin Yoko soll Pakete zu diversen Planeten bringen. Ihr Raumschiff sieht aus wie ein japanisches Teehaus, und mit der Zubereitung von Heißgetränken verbringt die Postbotin ihre Zeit – im Takt des tropfenden Wasserhahns. Mit Jahren Verspätung (weil der Steuer-Computer die Falter in der Deckenlampe mit Meteoriten verwechselte) erreicht Yoko ihr Ziel, wo eine bedrohte Spezies wohnt: Menschen, die ihr zunächst als Schattenwesen an der Wand erscheinen – Stanley Kubrick lässt grüßen. Die Landschaften sind desolat, kaum belebt: Sono hat in der Region um Fukushima gedreht, und seine Darsteller sind Laien, Bewohner der Gegend, die bisweilen an Tarkowskis „Zone“ aus „Stalker“ erinnert.

Sono ist mit einer weiteren Arbeit im Wettbewerb vertreten, und die ist ebenso originell wie zugleich radikal anders. „Love & Peace“ erzählt von Ryoichi, einem Büroangestellten, der gemobbt wird und in seiner Wohnhöhle davon träumt, Popstar zu werden. Die Fantasie wird wahr, als er eine Schildkröte findet. Die spült er zwar in der Toilette runter, aber sie kommt zu einem in der Kanalisation hausenden Zauberer, der einen ganzen Zoo weggeworfener Spielzeuge (samt zerbrochener Puppe) und verlassener Haustiere beherbergt. Auf der Suche nach seinem Tier wird Ryoichi als Sänger entdeckt und macht mit magischer Hilfe Karriere – bis die Schildkröte, zur Größe des Marshmellow-Man aus „Ghostbusters“ gewachsen, halb Tokio kaputttrampelt, um ihn bei seinem Auftritt im Nippon Stadion zu sehen. Sono nimmt das Pop-Geschäft lustvoll auf die Hörner und entlarvt es als Märchen für Kinder jeden Alters.

Magie ganz anderer Art ist das Sujet von Kiyoshi Kurosawa, ebenfalls mit mehr als einem Film vertreten. Sein „Journey to the Shore“ hatte schon in Cannes Erfolg, und der Film steht stellvertretend für die Fokussierung vieler Arbeiten hier auf das Seelenleben der Protagonisten. In elegischen Bildern erzählt Kurosawa vom Wiedersehen eines Ehepaares. Yusuke taucht nach drei Jahren wieder auf und will mit seiner Gattin eine Reise unternehmen. Statt des von ihr erhofften Neuanfangs wird es ein Abschied auf immer. Kurosawas Arbeiten eignet ein Sinn für filmisches Inszenieren, das anderen Filmen des Wettbewerbs abgeht. Auch sein Horror-Stück „Creepy“ nutzt geschickt Räume und Perspektiven, um das Abdriften eines Ehepaares in einen Alptraum zu bebildern. Doch kommt der Film nur dank ungewöhnlicher Sprünge in der Handlung zum Ziel, das dann doch absehbar ist.

Ein Death-Metal-Sänger in der Provinz

Den Unwägbarkeiten des Zusammenlebens widmet sich humorvoll Shuichi Okitas Familienbild „The Mohican comes home“. Death-Metal-Sänger Eikichi kommt nach Hause in die Provinz, weil seine Freundin schwanger ist. Doch hat er bald noch andere Sorgen: Sein Vater leidet an Lungenkrebs. Wie Okita von Generationen-Konflikt und Fürsorge erzählt, ist bisweilen bei aller Konventionalität herzerwärmend.

Dass das Leben ein langer, bisweilen unruhiger Fluss ist, davon können „Lowlife Love“ von Eiji Uchida und Satoko Yokohamas „The Actor“ ein melancholisches Lied singen. Während Uchida eine bissige, aber bisweilen arg platte Kritik am Filmgeschäft ins Bild setzt, muss Ken Yasuda als „The Actor“ seine Wandlungsfähigkeit als vielbeschäftigter Nebendarsteller Takuji unter Beweis stellen, wobei er den Kompass über sein Leben verliert. Yokohama gelingt ein unaufgeregtes Drama über die Wechselfälle der Existenz, das zugleich hoffnungsvoll und resigniert endet, wenn der Schauspieler sich seines Kostüms entledigt und in die Unendlichkeit der Wüste abgeht.

Nippon Connection, Frankfurt: bis 29. Mai. www.nipponconnection.com

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