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Neuer Scorsese-Film: „Silence“ Von der Mafia zu den Märtyrern

Diesmal wird für den Glauben gestorben: Martin Scorseses neuer Film „Silence“ führt in eine Welt brutaler Christenverfolgung.

„Silence“
Andrew Garfield als zarter, kluger Fanatiker, der schon durch seine Haartracht deutlich an heutige Hipster erinnert. Foto: Concorde Filmverleih

Am Anfang sieht man zwei Köpfe, aufgespießt auf Pfählen am Meer. Im Hintergrund die erhabene Landschaft der japanischen Küste. Im Zoom zurück in die Totale sind die Köpfe mit ihren heraushängenden Zungen nur ein kleines, grausames Detail in einem überwältigenden Naturpanorama. So, in Schmerz und Schönheit, wird es nun über zwei Stunden weitergehen. Peinigende Folter auf der einen Seite, barocke Inszenierung in schwelgenden Bildern auf der anderen.

Das verblüffende Leidensbarock der Bilder, für die Kameramann Rodrigo Prieto prompt die einzige Oscar-Nominierung des Films erhielt, passt: Martin Scorseses neues Werk spielt im Jahr 1632. In Japan herrscht brutale Christenverfolgung. Nach einem Aufstand getaufter Bauern ziehen buddhistische Inquisitoren durchs Land und zwingen alle Fremdgläubigen, die sie aufspüren können, zur Abschwur.

Im Zentrum stehen zwei junge Jesuiten, die von Portugal aus nach Japan aufbrechen, um ihren einstigen Lehrer Christovao Ferreira (Liam Neeson) zu finden. Die beiden Patres, Rodrigues und Garupe (Andrew Garfield und Adam Driver), wollen nicht glauben, dass ihr großes Vorbild Ferreira, wie Gerüchte behaupten, sich unter der Folter dem Buddhismus zugewandt habe.

Sie landen zunächst unter verängstigten Fischern ihres Glaubens. Es nebelt und nieselt, graue Schwaden ziehen durch die ärmlichen Hütten. Geflochtene Kreuze, gerade mal daumengroß, gehen als Zeichen des Glaubens verstohlen von Hand zu Hand. Die Fischer dürsten nach den Sakramenten, wie die Patres nicht ohne Stolz feststellen. Nachdem sie mehrfach Zeugen des brutalen Buddhistenregimes werden, geraten sie selbst in die Hände des Inquisitors Inoue.

Der japanische Schauspieler, Comedian und Comiczeichner Issey Ogata spielt diesen gepflegten Herrn der Oberschicht grandios: eine meistenteils charmante, absurd elegante Erscheinung, die das Stereotyp der „teuflischen Intelligenz“ auf neue Weise verkörpert. Inoue will Rodrigues zur Abkehr bewegen, indem nicht ihn selbst, sondern seine Glaubensbrüder foltert und deren Schicksal in seine Hände legt. Einer nach dem anderen wird umgebracht, darunter Freund Garupe. Doch weder deren Qualen noch die intellektuellen Duelle mit dem Inquisitor bringen Rodrigues ins Wanken. Als letztes Aufgebot kommt endlich Mentor Ferreira ins Spiel: Liam Neeson, mit dem Gesicht eines Schmerzensmanns, wie es das Kino seit langem nicht gesehen hat.

Scorsese hat den zugrundeliegenden Roman „Schweigen“ von Shusaku Endo, erschienen 1966, nach eigenen Angaben schon vor Jahrzehnten verfilmen wollen. Heute aber passt er angesichts der noch immer grassierenden Hybris, mit der Religion als Waffen verwendet wird, nicht minder gut ins Bild. Die beiden jungen Glaubensmänner aus Portugal bilden schon optisch eine gelungene Brücke in die Gegenwart, sehen sie doch mit ihren bärtigen Gesichtern und den üppigen zu einem kurzen Zopf zusammengebundenen Haaren wie abgemagerte Hipster aus. Es sind zarte, kluge Fanatiker, die für ihre Glaubenstreue Tod und Teufel in Kauf nehmen. Dabei müsste Rodrigues nur kurz auf eine in den Sand gelegte Abbildung des Gekreuzigten treten und schon könnte er den Mitgefangenen alles Leiden ersparen. So wird das Opfer zum Mittäter; der Inquisitor drängt den Verfolgten in die Position des Schuldigen.

Erschütternd und traurig

Und hat er nicht recht? Ist nicht der Traum von einem christlichen Japan ein selbstsüchtiges und eitles Missionarsphantasma? Deine Religion passt nicht nach Japan, erklärt der Inquisitor, worauf der Pater antwortet, eine Wahrheit, die nicht überall gelte, sei keine. So geht es hin und her, Universalismus gegen kulturelle Identität, Glaubenstreue gegen lebensbejahende Gelassenheit. Und Gott schweigt zu allem.

„Silence“ ist ein Film über Glaubensstärke, Opfermut und Verrat, der nicht nur Christen faszinieren kann. Scorsese hatte schon immer ein Faible für klandestine Gemeinschaften. In der Logik seiner Filme ist es nur ein kurzer Weg von der Mafia zur Kirche im Untergrund – von den Clans der „Mean Streets“, über die „Gangs of New York“ und die illegalen Brokerzirkel des „Wolf of Wall Street“ bis zu den verschworenen Christen im Untergrund. Der Weg führt über die logischen Brücken von Treue und Verrat in der Illegalität. Ob Kirche oder Mafia, immer ist es die Struktur des Geheimbunds, die Scorsese fasziniert, samt ihrer inneren, fragilen Elitenbildung auf den Schultern eines wankelmütigen Fußvolks. Nicht zufällig steht an der Spitze der Mafia ein „Godfather“.

In Scorseses Japan wuseln übrigens die Niedrigen genauso krummbeinig und panisch herum, wie es die Untertanen schon bei Kurosawa taten, während die Samurai der Inquisition sich wie eh und je so aufrecht bewegen, als hätten sie einen Stock im Rücken. Die japanischen Schauspieler brillieren allesamt, nicht nur in der körpersprachlichen Darstellung der Ständegesellschaft. Neben Ogata beeindruckt vor allem Yosuke Kubozuka als unglücklicher Fischer Kichijiro, eine Art Mega-Judas, der so süchtig nach der Beichte ist, dass es den Anschein hat, als wäre es dieser Lohn, der ihn von einem Verrat zum nächsten treibt.

„Silence“ ist erschütternd, traurig und hinterlässt einen etwas ratlos. In Zeiten, in denen sich Christen vor allem zur Toleranz bekennen, liegt „Silence“ seltsam quer zum Zeitgeist. Der Film wurde zwar im Vatikan uraufgeführt und Scorsese zur Premiere vom Papst empfangen. Aber auch dort war man von der Glaubenstreue der beiden Patres eher irritiert als begeistert. So fragte der Filmkritiker von Radio Vatikan, ob Pater Rodrigues nicht gleich zu Beginn der Quälerei hätte ein Ende machen und pro forma vom Glauben abfallen sollen. Sieht ja nur Gott, wie es im Inneren aussieht. Für Märtyrer hat die Kirche derzeit weniger Sinn als das Kino.

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