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Neu im Kino: „You’ll Never Walk Alone“ Ein Lied für die Ewigkeit

In seinem mitreißenden Film „You’ll Never Walk Alone“ erzählt André Schäfer nicht nur Fußballgeschichte. Er erzählt von der Reise eines Liedes.

Joachim Król
Der Schauspieler Joachim Król (r.) versucht erst gar nicht, sich den Anschein von Objektivität zu geben. Foto: Carsten Behler/Mindjazz Pictures

Mit dieser Aktualität hatte der Filmemacher André Schäfer nicht rechnen können, als er vor einiger Zeit mit den Recherchen zu seiner Dokumentation „You’ll Never Walk Alone“ begann. Es ist gerade einen Monat her, da der Geschichte dieses Liedes ein weiteres Kapitel hinzugefügt wurde, das in dem Film nun gar nicht mehr vorkommen kann. Nach dem Bombenanschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund am 12. April sangen sich die Fans des BVB und des Konkurrenten AS Monaco im Westfalenstadion gemeinsam und gegenseitig Mut zu. „Walk on, walk on“, wie es in dem Song so schlicht und schön heißt, geh weiter, gib nicht auf, eine Durchhalteparole in C-Dur.

Da war es also wieder, in den Nachrichten und in den Herzen, das Fußballlied schlechthin – in dem es in keiner Zeile um Fußball geht. Es wird vielmehr von einem aufziehenden Unwetter gesungen, in dem man lieber den Kopf einziehen möchte, aber dann, „walk on“, gewinnt die Zuversicht über alle Verzagtheit. Als eines der bekanntesten Lieder überhaupt zählt „You’ll Never Walk Alone“ längst zum Kanon der Weltkultur. Jeder, der schon mal ein Fußballspiel gesehen oder gehört hat, kennt dieses Lied, aber wer kennt schon seine Geschichte?

Sie beginnt vor mehr als hundert Jahren in Budapest, wenn man die Spuren ganz zurückverfolgt, wie es André Schäfer in seinem ebenso informativen wie spannenden und oft auch sehr bewegenden Dokumentarfilm tut. Am Anfang war „Liliom“, das Bühnenstück des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár. Die Idee dazu war ihm im Jahr 1909 an einem Tisch des Budapester Kaffeehauses „New York“ gekommen, wo er erste Passagen skizzierte. An eben diesem Tisch trifft sich nun der Schauspieler Joachim Król, der als Erzähler durch Zeiten und Weiten wandelt, mit Molnárs Enkel Martyas Sarkozi, der sozusagen der erste Zeuge in einer Reihe von Menschen ist, deren Leben und Leidenschaften auf die eine oder andere Weise mit diesem Lied verbunden sind.

Als BVB-Fan gehört Król selbst dazu, und wenn er hier mit Schauspielern, Musikern, Trainern, Pfarrern und Fußballern die lange Reise dieses Liedes nachvollzieht, versucht er erst gar nicht, sich den Anschein von Objektivität zu geben. Einmal ist Joachim Król zu sehen, wie er mit schwarz-gelbem BVB-Hütchen den Song im Stadionrund fast ehrfürchtig mitsingt. Alle sind sie hier mehr oder weniger Beteiligte, ob Jürgen Klopp, Mavie Hörbiger oder Campino, ob Lars Ricken, Thomas Hengelbrock oder Gerry Marsden, Sänger der Liverpooler Band Gerry and the Pacemaker.

Obwohl, letzterer ist schon ein bisschen mehr als nur beteiligt an der Erfolgsgeschichte dieses Liedes, denn die Aufnahme der Pacemakers von „You’ll Never Walk Alone“ wurde 1963 Nummer eins in England und zur Inspiration für den Massenchor im Stadion an der Anfield Road. Wie es genau dazu kam, erzählt der Stadionsprecher des FC Liverpool. Damals, anfangs der sechziger Jahre, ging das Gegröle der Fans in jenem unnachahmlichen Gesang auf.

Es geht immer hin und her, von Europa nach Amerika, vom Pop zur Hochkultur, vom Rasen zur Fankurve. André Schäfer schafft es immer wieder, die Chronologie der Geschichte zu unterlaufen und die Schauplätze zu wechseln, ohne dabei den Faden zu verlieren. Er liefert eine kluge Reflexion über jene wundersame Kraft, die ein so einfaches Lied unter bestimmten historischen, kulturellen, sozialen und in keiner Weise vorhersehbaren Bedingungen entfalten kann. Der Film springt virtuos zwischen Budapest, Wien, New York, Los Angeles, Liverpool und Dortmund hin und her und findet jedes Mal eine neue Geschichte in der Geschichte.

Als Jude hatte Ferenc Molnár in den dreißiger Jahren aus Ungarn fliehen müssen. Heute trifft sich Król mit dem Kantor der Gemeinde in der Budapester Synagoge, um mit ihm über jüdischen Humor zu sprechen. Und so weitet sich dieser Film immer wieder zu einer Betrachtung des 20. Jahrhunderts, sorgsam montiert aus selten gezeigten Archivaufnahmen und aktuellen Interviews. Man erfährt, wie Molnárs Drama „Liliom“ 1945 den amerikanischen Musicalautoren Richard Rodgers und Oscar Hammerstein aufgefallen ist, die es unter dem Titel „Carousel“ für den Broadway vertonten. In der Schlussszene erklingt dort zum ersten Mal „You’ll Never Walk Alone“ dessen letzte Worte auf Molnárs Grabstein in New York verewigt sind: „Schlaf nun ruhig, Liliom“.

Es war dann Frank Sinatra, der den Song noch 1945 auf einer Single herausgebracht hat. Interpreten von Elvis bis Nina Simone folgten. Über Hollywood kam die Melodie nach Europa und Liverpool, wo das Lied 1989 nach der Katastrophe im Stadion von Sheffield, bei der 96 Fußballfans ums Leben kamen, als Trauerhymne Trost spendete. Ein Lied für die Ewigkeit – zwei Minuten und 38 Sekunden lang.

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