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Neu im Kino: „The Jungle Book“ Düsternis im Dschungel

Disney hat sein gutes altes „Dschungelbuch“ in eine dunkle Geisterbahn verwandelt. Ein Kinderpublikum dürften die Macher der Neuverfilmung nicht im Blick gehabt haben.

Der einzige Mensch in einer virtuellen Welt: Mogli-Darsteller Neel Sethi am Ast. Foto: dpa

Wahrscheinlich ist das gute alte „Dschungelbuch“ der Deutschen liebster Film. 27,4 Millionen Kinokarten wurden seit 1968 verkauft, das soll „Fack ju, Göhte“ erst mal nachmachen. DVDs, Blu-rays und digitale Downloads sorgen weiterhin dafür, dass wohl kein Kind in diesem Lande ohne Mogli, Balu und Baghira aufwächst.

Auch international war der Film erfolgreich, doch nicht annähernd so sehr wie bei uns, wo er die künstlerisch überlegenen, frühen Disneyfilme in der Publikumsgunst weit in den Schatten stellt. Als vor Jahren von deutschen Filmvermittlern und Archivaren ein „Filmkanon“ der wichtigsten Klassiker erstellt wurde, fehlten folglich „Schneewittchen“ und „Fantasia“, aber „Das Dschungelbuch“ war dabei. Allerdings muss man immer auch dazusagen: Es ist die meisterliche Synchronfassung Heinrich Riethmüllers, in der Walt Disneys letztes Meisterwerk Teil der deutschen Filmgeschichte wurde. Ohne die warme Bärenstimme Edgar Otts und die frei erfundene Liedzeile „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ wäre unser „Dschungelbuch“ nicht, was es ist.

Auch in der Synchronisation von Disneys Neuverfilmung ersetzen diese Worte nun den etwas ungelenken Kalauer „The Bare Necessities“, und das ist gut so: Aus den „simplen Notwendigkeiten“ wird, Riethmüller sei posthum gedankt, nicht weniger als ein wunderbarer Gemütszustand, eine Idee von deutscher Gemütlichkeit, die ohne Pantoffeln und Gartenzwerg daherkommt. Der Unterschied ist nur: Diese Worte, die einst den ganzen Film beschrieben, das zarte Grün seiner Urwaldvegetation, die unnütze Hysterie des Affenkönigs und das zarte Lächeln des Menschenmädchens, sie passen nicht mehr zu dem, was man sieht.

Im Gegenteil. Hätten sich die Macher doch wenigstens den englischen Text in Ruhe angehört, diese Feier der Einfachheit. Schnell hätten sie bemerkt: Kaum etwas an diesem Film ist wirklich nötig. Der zu riesenhafter Gestalt auferstandene Affenkönig, im Original gesprochen von Christopher Walken, ist ein „King-Kong-Louie“, die einst von Hintergrundmaler Claude Coats zart hingetupfte Palast-Kulisse wirkt wie die 3D-Kulisse eines Jump-and-Run-Spiels. Dies ist kein Äffchen mehr, das gern das Tanzbein schwingt und seinen Wohlstand in Bananen misst, sondern ein gieriger Urwald-Despot von Joseph-Conrad’schen Dimensionen.

Der alte King Louie war für Mogli durchaus lästig und musste durch ein wenig Party-Chaos übertölpelt werden, aber er war doch gleichwohl liebenswert. Disneys Zeichner hatten ihn ursprünglich als Louis-Armstrong-Hommage entworfen, dann auf den Trompeter Louie Prima zugeschnitten, weil man keinen Afroamerikaner als Affen darstellen wollte. Nun ist ein Unmenschen-Affe daraus geworden.

Wieder hat die deutsche Synchronfassung das Original stark verändert; in der Besetzung von Christian Berkel hat man Christopher Walkens schräge Gangster-Dekadenz ein gutes Stück vertrieben. Die Figur wirkt nun weit weniger bedrohlich. Schließlich wurde eine FSK-Freigabe „Ab 6“ erreicht, aber es ist dringend davon abzuraten, mit so kleinen Kindern diesen Film zu besuchen (etwa zehn Jahre sollten sie schon sein).

Eine beklemmende Düsternis durchzieht Jon Favreaus Inszenierung, die nur durch ein paar lichte Momente aufgebrochen wird: Dazu zählt die Szene mit Balu, auch wenn ein naturalistisch dargestellter Bär nie so eine kuschelige Erscheinung sein wird wie ein gezeichneter (diese Erfahrung machte schon Leonardo DiCaprio in „The Revenant“). Doch auch diese Figur ist gründlich missverstanden, wenn sie Mogli in einer unpassenden Honig-Gier erst einmal auf die gefährliche Mission schickt, ein Bienennest zu knacken.

Das tricktechnisch überzeugend dargestellte Spiel der jungen Wölfchen mit Mogli (Neuentdeckung Neel Sethi ist der einzige menschliche Darsteller in diesem komplett digital animierten Film) ist ein Lichtblick, und Baghira, der Panther eine würdige Erscheinung, zumal mit seiner Originalstimme Ben Kingsley (deutsch: Joachim Król). Doch sobald er sich mit Mogli auf die bekannte Odyssee in Richtung Menschensiedlung begibt, überwiegen die falschen Vorbilder.

Schon der erste Trailer machte deutlich, dass Disney diesmal kein Kinderpublikum vor Augen hatte: Bedrohlich kommentiert von Scarlett Johansson, der Stimme der Schlange Kaa, kündigte sich da ein Film an vom „Studio des Fluchs der Karibik“ und des „Regisseurs von Iron Man“. Dabei hat man sich vom klassischen Disneyfilm weit entfernt, ist jedoch auch der Vorlage von Rudyard Kipling nicht näher gekommen. Für Fans des alten Films ist dies ein Schummelbuch.

Verloren ist vor allem der Humor. Die Elefanten – einst Karikaturen der britischen Kolonialmacht – werden zu Halbgottheiten ernannt, leiden aber wie alle Figuren unter dem phantasielosen Naturalismus ihrer Darstellung. Der vom Feuer traumatisierte Tiger Shir Khan ist eine bedauernswerte Kreatur ohne Charisma. Und was hatte sich Disney für Mühe gegeben, der Schlange Kaa durch die männliche Falsett-Stimme einen Hauch von Travestie zu verleihen. Nun ist sie – in einem Film, dem die Zwischentöne fehlen – nur noch eine deplatzierte Femme fatale (Jessica Schwarz nimmt ihr in der deutschen Fassung sehr bewusst einen Teil der Unheimlichkeit). Man wollte wohl eine neue Disney-Schurkin aus ihr machen, doch ihr knapper Auftritt macht sie zu einer zu vergessenden Erscheinung.

Das originale „Dschungelbuch“ war eine schwere Geburt. Disney, der lange das Animationsfilm-Geschäft gegenüber seinen Freizeitparks vernachlässigt hatte, feuerte darüber seinen besten Autor Bill Peet ebenso wie den aufstrebenden Designer Walt Peregoy, der einen moderneren Stil einbringen wollte. Doch das Ergebnis, das er nicht mehr erleben konnte, gab ihm recht.

Natürlich hätte man auch schon damals ein ganz anderes, dunkleres „Dschungelbuch“ machen können, so wie es jetzt das wirklich schöne Filmplakat bewirbt. Doch man wollte einen leichten Film, und der Zeitgeschmack der späten 60er Jahre entsprach dem auch. Sollte das neue „Dschungelbuch“ dem heutigen Zeitgeist näher kommen? Man muss es bezweifeln. Es ist eine Art Düsternis ohne Poesie. Seien wir gespannt, wie die Serie der Neuverfilmungen weitergeht. Für „Dumbo“ engagierte man bereits den Meister der Düsternis – Tim Burton.

The Jungle Book. USA 2016. Regie: Jon Favreau. 105 Min.

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