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Neu im Kino: „The First Avenger – Civil War“ Haben die nichts Besseres zu tun?!

Familienstreit: In dem Actionfilm „The First Avenger – Civil War“ begegnen die Superhelden dem Bösen in einer Schwundstufe und verprügeln sich in erster Linie gegenseitig.

Captain America und seine weltrettende Schlägertruppe sind endlich in Deutschland angekommen. Foto: epd

Der neue Avenger-Film wartet mit einigen schönen Einsichten auf. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass sich in den Kellergewölben des Berliner Regierungsviertels ein Hochsicherheitstrakt für Schwerstkriminelle befindet? Meterdicke und in jedem Fall stahlharte Wände halten hier das Böse gefangen. Dazu stehen deutsche Polizeibeamte mit einem – sollte man sie als solche nicht erkannt haben – „Polizei“-Schriftzug auf der Brust entschlossen Wache. Über dem Verlies befindet sich, inmitten lichter Glas- und Chromkorridore, eine beeindruckend große Befehlszentrale mit flirrenden Überwachungsmonitoren. Und auf den flachen Dächern lassen sich bei Bedarf mit dem Reichstagsgebäude im Hintergrund ausgedehnte Prügelorgien veranstalten.

Captain America und seine weltrettende Schlägertruppe sind endlich in Deutschland angekommen. Dazu gehören auch wunderbar folkloristische Einlagen, etwa als der wieder von Chris Evans gespielte Titelheld zu einem konspirativen Treffen mit einem VW-Käfer anrollt. Captain America in einem VW-Käfer! Noch schöner hätte nur der erste große Prügelshowdown auf einem verlassenen Flughafengelände sein können, bei dem allerhand zu Bruch geht – wäre es doch die als BER republikweit bekannt gewordene Berliner Neubauruine gewesen, von der sich nicht wenige wünschen, sie möge abgerissen werden. Leider erweist sich der Schauplatz dann nur als der Flughafen Halle-Leipzig. Na ja, vielleicht das nächste Mal.

Mit „The First Avenger – Civil War“ gehen wir in die dritte Phase des Marvel Cinematic Universe, also eines filmischen, über zahlreiche Folgen ausgebreiteten Unternehmens, bei dem alle mehr oder weniger bedeutenden Superhelden aus dem amerikanischen Marvel Comicverlag nach und nach auf die Kinoleinwand gebracht und in einer Großerzählung zusammengeführt werden sollen. Das ist mit einigem Aufwand verbunden: Zum einen waren neben Captain America eine Reihe weiterer Haupt- und Nebenhelden – Iron Man, Thor, Hulk, Black Widow, Winter Soldier, Ant-Man etc. – als eigenständige Charaktere einzuführen; zum anderen haben sie sich in dem wachsenden Ensemble der Super-Egos in eine erzählerisch stimmige Einheit zu fügen.

Mit dieser dramaturgisch heiklen Aufgabe müht sich „The First Avenger – Civil War“ sichtlich ab. Selbstverständlich bietet der Film genügend Sehreize: Faustkämpfe, Verfolgungsjagden und Totalschäden aller Art – der Popkornkinogänger darf sich freuen. Auch Marvel-Connaisseure kommen auf ihre Kosten, tauchen hier doch Ant-Man, Black Panther und vor allem ein niedlich-lustiger Spider-Man (Tom Holland) als neue Ensemble-Mitglieder auf. Dennoch stockt die Großerzählung.

Wie schon in „Avengers – Age of Ultron“ (2015) sind die Superhelden vornehmlich mit sich selbst beschäftigt. Sie geraten erneut in Streit, diesmal, weil die Weltregierung ihnen wegen der beträchtlichen Kollateralschäden bei ihren Weltrettungseinsätzen juristische Zügel anlegen will. Captain America auf der einen Seite verweigert sich dem Autonomieverlust, weil er grundsätzlich jeder Regierung misstraut, schließlich bekam er es bereits in „The Return of the First Avenger“ (2014) mit korrupten Politikern zu tun, die alles für ihren Machterhalt tun, aber nichts für die Menschen, die sie wählten. Iron Man (Robert Downey Jr.) auf der anderen Seite befürwortet die Unterwerfung unter ein politisches und rechtliches Regime, insofern er aus eigener Erfahrung weiß, wie fehlbar auch Superhelden sein können. Schließlich riss sein gernegroßer Leichtsinn in „Avengers – Age of Ultron“ die Welt schon einmal beinahe in den Abgrund. Hinter den beiden Kontrahenten versammeln sich die anderen Avengers – um sich alsbald gegenseitig zu vermöbeln.

Auf den ersten Blick nimmt sich dieser Streit wie eine politisch-philosophische Versuchsanordnung aus. Zur Diskussion steht die Frage, wer denn nun souverän über den Ausnahmezustand bestimmen soll: Held oder Staat, kriegerisches Individuum oder demokratisches Kollektiv? Blöderweise deutet der Androide Vision (Paul Bettany) – er ist die menschliche Gestalt des Supercomputerprogramms Ultron – noch eine ganz andere, eine dritte Möglichkeit an: Die weltrettenden Superhelden seien doch eine stete Herausforderung an alle Bösewichter; sie riefen die weltzerstörerischen Superschurken erst auf den Plan und brächten damit die Gefahr hervor, von der sie glauben, sie würden sie ausmerzen. Also, lautet der Ratschlag, sollte man die Superhelden abschaffen.

Ein weiser Androide! Allerdings hört niemand auf ihn, schließlich wollen unsere Superhelden – und darin sind sie sich über alle Parteiungen hinweg einig – nichts dringlicher als ihre tägliche Prügeleinheit. Wenn’s sein muss, auch untereinander. Erzählerisch wird dieser grundlose Streit schnell öde. Nur in dramaturgischer Hinsicht erweist er sich als sinnvoll, denn er dient den Regisseuren Anthony und Joe Russo dazu, die vielen Erzählbögen und Heldenfiguren zusammenzuführen: „The First Avenger – Civil War“ ist ein großer Familienstreit, auf den eine Versöhnung folgt; dem Film ist überdeutlich anzumerken, dass er in der dritten Phase des Marvel Cinematic Universe nur das personalreiche Terrain für die nächsten Folgen bereiten soll.

Dazu passt auch die Figur des Zemo, der von Daniel Brühl ganz ordentlich, aber nicht überragend gespielte Bösewicht des Films: Sein böses Tun besteht einzig darin, die Superhelden gegeneinander aufzuhetzen. Zemo ist eine bloße Schwundstufe des Bösen, aber kein eigenständiger, abgründiger Charakter. Er übt Rache, weil die Avengers einst seine Familie töteten. Er ist also ihr Geschöpf, hervorgegangen aus dem Wechselspiel zwischen Superhelden und Superschurken. Aus einem Kreislauf, der nicht enden kann. Und längst ein Leerlauf geworden ist.

The First Avenger – Civil War. USA 2016, Regie: Anthony und Joe Russo. 147 Min.

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