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Neu im Kino: „The Birth of a Nation“ Filmischer Denkmalsturz

Der afroamerikanische Regisseur Nate Parker zeichnet mit seinem Sklavendrama „The Birth of a Nation“ einen Gegenentwurf zum Griffith-Klassiker. Er will damit nichts weniger, als eine quälende Lücke zu füllen.

Filmszene
Bürgerliches Idyll unter Sklaven: Nate Parker und Aja Naomi King. Foto: Twentieth Century Fox

Wer im 20. Jahrhundert irgendwo auf der Welt Film studierte, kam um „The Birth of a Nation“ nicht herum. Mit seinem frühen Monumentalfilm hatte David Wark Griffith nicht nur den Blockbuster erfunden und die Montagetechnik zum Standard der modernen Filmsprache erhoben. Er hatte auch – wie er später beteuerte: zum eigenen Schrecken – die agitative Wirkungsmacht des Massenmediums in ihrer unseligsten Form bewiesen: Die mit rassistischer Perfidie zum Heldenlied erhobenen Taten des Ku Klux Klan verschafften den Kapuzenmördern ein Comeback auch in der Wirklichkeit.

Heute sind öffentliche Aufführungen des Filmklassikers von 1915 in den USA ein Politikum, und in der Tat kann man das Thema Film auch so ganz gut vermitteln: Wer sich an einer Universität mit Film auskennt, der kennt auch ästhetisch Besseres von Griffith als „Die Geburt einer Nation“, insbesondere aus früherer Zeit. Oder er wird ihm den frühen philanthropischen Gegenentwurf des Afroamerikaners Oscar Micheaux entgegenstellen: In einer gerechten Welt wäre sein Stummfilm „Within Our Gates“ (1920) ebenso bekannt wie Griffith’ in Passagen beschämend hetzerischer Klassiker.

Nach 101 Jahren gibt es nun wieder einen Film, der „The Birth of a Nation“ heißt. Die Wahl des Titels bezeichnet hier kein Remake, sondern eine konzeptuelle Geste, so wuchtig wie ein künstlerischer Denkmalsturz: Auf dass es künftig in jeder gut sortierten Videothek, in jeder filmgeschichtlichen Datenbank noch eine Alternative gäbe. Der Inhalt unter dieser Überschrift kreist um einen Sklavenaufstand des Jahres 1831 und seinen Anführer, den Sklaven Nat Turner. Sein Darsteller, Nate Parker, der auch der Regisseur des Films ist, lässt an seiner Verehrung für diese Figur keinen Zweifel. „Schon lange bevor ich Künstler wurde“, erklärte er im amerikanischen „Filmmaker Magazine“, „war Nat Turner mein Held. Das Wissen um seine Heldentaten hat mir den Mut gegeben, meine künstlerischen Ziele zu verfolgen.“

Mit einer Traumsequenz aus der Jugend des Protagonisten beginnt der Film: In einem Wald begegnet er Afrikanern, die dem Jungen vermitteln, für etwas Bedeutendes auserkoren zu sein. Wenn wir ihm als Erwachsenen wieder begegnen, erscheint für einen Sklaven in privilegierter Situation: Sein Besitzer, Samuel Turner (Armie Hammer), hat ihm erlaubt, das Lesen zu erlernen, wenn auch nur eines einzigen Buches, der Bibel. Bei einer Sklavenauktion erwirbt er auf Nats Wunsch eine junge Frau, die so aus äußerst schlechter Behandlung gerettet wird.

Man fühlt sich in diesen Szenen an populäre Sklavenfilme der siebziger Jahre erinnert, insbesondere an den Fernseh-Straßenfeger „Roots“ oder Richard Fleischers „Mandingo“, bald jedoch bricht Regisseur Parker in einem entscheidenden Punkt mit deren Konventionen: Während dort immer wieder auch freundlichere Weiße als Identifikationsfiguren auftauchten, zeigt die Figur des Sklavenhalters Samuel bald ihr wahres Gesicht. In der Erziehung seines Vorzeige-Sklaven steckt die perfide Absicht, ihn als Wanderprediger zu vermieten; auf anderen Plantagen soll er den Sklaven mit biblischen Worten Unterwürfigkeit predigen. Als sich Nats Predigten von diesem Dogma entfernen, wird er auf brutalste Weise ausgepeitscht. Als er sich von seinen Qualen erholt hat, hält er eine andere Predigt: In Berufung auf den „Gott des Zorns“ stiftet er eine Gruppe von Sklaven an, sich mit Äxten zu bewaffnen und ihre weißen Peiniger zu töten. Nun ist der Film tatsächlich bei Griffith angekommen: Wie in einem Kriegsdrama ist die ungleiche Schlacht inszeniert, an deren Ende die militärische Übermacht steht. Und wie Griffith, der in seinem Stummfilm einst Richard Wagners Walkürenritt zu den Untaten der „Clansmen“ ertönen ließ, überhöht Parker die zentrale Szene seines Films musikalisch. Welcher Song wäre geeigneter für das gespenstische Bild erhängter Schwarzer vor der Kulisse einer Trauerweiden-Landschaft als der Jazz-Klassiker „Strange Fruit“, hier gesungen von Nina Simone?

Wie der unselige Klassiker von 1915 ist auch dieser Film ein Heldengedicht in breiten Pinselstrichen. Was Griffith freilich seinerzeit dagegen hielt, die Ruhe einfühlsam ausgespielter Kammerspielszenen, findet bei Nate Parker keinen Platz. Und doch muss man auch das Plakative dieses Films als Teil seines kulturpolitischen Konzeptes anerkennen. Denn nicht nur einen Titel gilt es zu überschreiben, auch die Konventionen des Sklavenfilms mit ihren Konzessionen an ein möglichst breites Publikum.

Parker verwendet sehr bewusst ähnliche Schauwerte, die vergiftete Erhabenheit der Landschaften von Virginia und die dem Exploitation-Kino entlehnten Gewaltszenen. Man mag die Zwischentöne vermissen; ein Kunstwerk vom Rang des überragenden Dramas „Twelve Years a Slave“ von Steve McQueen ist hier nicht gelungen. Doch auch der unterschwellige Sexismus und Sadismus der Vorläufer aus den siebziger Jahre werden nicht bedient. Was sich dieser Film vorgenommen hat, das hat er auch geschafft: Er füllt als Denkmalfilm eine quälende Lücke.

The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit. USA 2016. Regie: Nate Parker. 120 Min.

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