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Neu im Kino: „T2 Trainspotting“ Der Zug ist abgefahren

„T2 Trainspotting“: Danny Boyles späte Fortsetzung ist nur ein Abglanz des Kultfilms von 1996. Auf einen neuen Einfall wartet man auch vergeblich.

Da sind sie wieder: Ewan McGregor als Mark Renton und Ewen Bremner als Spud. Foto: Sony/dpa

Das Filmjahr 1996 hatte viele Facetten. In Cannes prämierte man den sozialen Realismus von Mike Leighs „Secrets and Lies“ und den surrealen Pessimismus der Coen-Brüder und ihrem „Fargo“. Besonders erfolgreich aber war ein Film aus Schottland, der beides zusammenbrachte, „Trainspotting“. Im Mittelpunkt standen die Irrwege von vier jungen Männern, die auf tragische Weise einte, was sie zugleich entzweien musste – ihre Heroinsucht, eine Beschaffungskriminalität, die in ihnen den Ehrgeiz von Möchtegernganoven entfachte.

Sowohl Hauptdarsteller Ewan McGregor als auch Regisseur Danny Boyle machte der Film zu Stars, auch wenn der Erfolg die Freunde bald ein gutes Stück entzweien sollte: Als Boyle für seinen ersten Hollywoodfilm „The Beach“ den Weltstar Leonardo DiCaprio besetzte, fühlte sich McGregor übergangen. Beide bestätigten diese Anekdote, vielleicht auch weil sie ein wenig an das Katz-und-Maus-Verhältnis der „Trainspotting“-Jungs erinnert: Am Ende des ersten Films, nach einem erfolgreichen Deal, bringt McGregor als Mark Renton zwei der vier Freunde um ihren Anteil, nur dem verträumten Spud (Ewan Bremner) ist er gnädig.

Es sind wohl nicht allein Boyles sprühende Regieeinfälle, die „Trainspotting“ zum Kultfilm machten – wie jene Tauchfahrt McGregors in der Rolle des Strippenziehers Renton: Sie führt ins Innere der „dreckigsten Toilette Schottlands“, wo ein paar ausgeschiedene Opiumzäpfchen zu retten sind – mit Wassern klar und frisch wie eine reinigende Quelle.

Ebenso entscheidend für den Erfolg des Originals aber war wohl der Verzicht auf den moralisierenden Zeigefinger vieler Jugendfilme über Heroinkonsum. Als „Neue Helden“ bezeichnete gar der Titel der deutschen Fassung das Quartett – was bei allen Missetaten schon recht euphemistisch klang.

Jede Anspielung zündet

Zwei Jahrzehnte später haben sich nun der Regisseur und alle Hauptdarsteller zu einer Fortsetzung zusammengefunden, die in entsprechendem zeitlichen Abstand ansetzt. Die Beerdigung seiner Mutter führt den abstinent gebliebenen Renton aus seinem neuen Lebensmittelpunkt Amsterdam, wo er sich als Softwareentwickler verdingt, zurück nach Edinburgh. Von Kumpel Sick Boy (Johnny Lee Miller), nun Kneipier, gibt’s zur Begrüßung erst mal eins aufs Maul. Während der noch immer Heroin-abhängige Spud damit begonnen hat, seine Erinnerungen aufzuschreiben, bereitet der Vierte im Bunde, Begbie (Robert Carlyle), gerade seine Flucht aus dem Kittchen vor. Natürlich wird auch für den neuen Film der Plot eines „Caper-Movie“ gewählt: Diesmal sind es eine geplante Bordellgründung mit öffentlichen Fördermitteln und erpresserische Raubzüge mit Hilfe einer Prostituierten.

Die internationale Premiere bei der Berlinale ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wie vertraut der Originalfilm dem Publikum noch immer ist: Jede Anspielung zündete. Wie das Reunionkonzert einer Rockband feiert Boyles Inszenierung den eigenen Kult, blendet immer wieder zurück in die ikonische Jugend der nunmehr alten Helden.

Nur die bodenständige Ebene des Originalfilms, der Gegenpol zu allem Rausch, wirkt unterentwickelt. Die späte Abrechnung mit dem Erbe Margaret Thatchers scheint verklungen. Als böten die Auswirkungen des britischen Neoliberalismus auf die verarmte Unterschicht nicht genug Vorlagen. Immerhin versteht man jetzt, warum Boyle es ablehnte, die Geschichte zu einem früheren Zeitpunkt weiterzuerzählen: Erst ein sichtbares Altern bringt eine neue Tristesse in diese Figuren. Falls sie noch einen alles verzeihenden Jungs-Bonus in die Waagschale werfen wollten, wäre auch dieser Zug inzwischen abgefahren und – um im Bild des Filmtitels zu bleiben – auch nicht mehr mit dem Auge auszumachen. Leider macht er fast nichts aus dieser tragischen Dimension, eine wirkliche emotionale Anteilnahme kommt bei den vielen Prügeleien ebenso wenig auf wie eine glaubhafte Verortung der Geschichte in einem vom Populismus umworbenen Lumpenproletariat.

Und schließlich war es ja nicht nur das damalige Alter der Helden, das den originalen „Trainspotting“ so jung wirken ließ – es war die Verwegenheit eines Stils, der die ehrwürdigen Traditionen des britischen Sozialdramas gewissermaßen mit der Graffiti-Spraydose anging. Und es war natürlich die Wucht der damaligen Musikkultur, von Indie- und Britpop-Bands wie Primal Scream, Pulp und Blur.

Nun wirkt der ganze Film ein wenig so, als bekäme man die Hits der eigenen Jugend von gealterten Musikern vorgespielt: Es ist alles noch da, vielleicht sogar ein wenig aufwendiger produziert und klingt fast so wie früher. Aber der Charme ist weg. Und auf einen neuen Einfall wartet man dabei vergeblich.

T2 Trainspotting. Regie: Danny Boyle. GB 2017. 117 Min.

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