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Neu im Kino: „Rückkehr nach Montauk“ Bloß eine Affäre mit einem Gespenst

Volker Schlöndorff inszeniert Max Frischs Roman mit „Rückkehr nach Montauk“. Stellan Skarsgård und Nina Hoss spielen die Hauptrollen.

„Rueckkehr nach Montauk“
Schön anzusehen, blauschwarz der eine, cremeweiß die andere: Stellan Skarsgård als Max Zorn und Nina Hoss als Rebecca. Foto: epd

Die Erzeugung von Nähe ist ein Privileg der Kunst und der Liebe. Zu Beginn des Films „Rückkehr nach Montauk“ beginnt der Schauspieler Stellan Skarsgård mit dem Zuschauer eine Art Zweierbeziehung. In Großaufnahme schaut er ihn an, als spräche er nur zu ihm. Er redet in einer sanften Intensität über die letzten Worte seines Vaters. Dieser habe gesagt, es gebe nur zwei Dinge, die wirklich wichtig seien im Leben, die, die man bereue, getan zu haben, und die, die man bereue, nicht getan zu haben.

Während man gern noch etwas länger diesen melancholischen Weisheiten lauschen und ins erfahrungssatte Gesicht von Skarsgård schauen würde, fährt die Kamera aus der Nahaufnahme zurück. Welche Enttäuschung! Der Mann hat gar nicht zu einem allein gesprochen; er sitzt an einem Tisch in einer Buchhandlung. Man schaut einer öffentlichen Lesung aus einem Buch zu. Alles bloß Literatur!

Stellan Skarsgård spielt den Schriftsteller Max Zorn, einen ziemlich mürrischen Mann im schon durch erste Nachtfröste lädierten Spätherbst seines Lebens. Er ist mit einer jüngeren, leidenschaftlichen Frau gesegnet, der Lektorin Clara (Susanne Wolff), die für einen amerikanischen Verlag arbeitet. Seit Monaten hat er sie nicht gesehen; in die Freude des Wiedersehens in New York mischen sich allerdings Gedanken an Rebecca (Nina Hoss), mit der er einst in der Stadt eine Affäre hatte. Für Max’ Schriftstellerhirn ist aber keine Affäre so beendet, dass er sie im Kopf nicht jederzeit weiterführen könnte.

Im Roman, aus dem er später noch einmal liest, deutet er schon an, wie es weitergehen dürfte, entschuldigt sich bei der einen, der er Leid zugefügt habe, wie bei der anderen, mit der er noch immer zusammen wäre, wenn er sie nicht enttäuscht hätte. Diese Liebe von einst ist inzwischen eine vermögende Anwältin, elegant, kerzengerade, schlagfertig und sehr blond; eine Überdosis Kitschodent mag Colm Tóibín, der das Drehbuch schrieb, zu dem Einfall verleitet haben, sie komme ursprünglich aus Ostdeutschland.

Glaubhaft jedenfalls ist, dass Rebecca Epstein nach so vielen Jahren eigentlich keine Lust hat, Max Zorn wiederzusehen. Aber schließlich ist sie doch dazu bereit und nimmt ihn mit in den kleinen Badeort Montauk auf Long Island. Für diesen Ausflug mit der Geliebten von damals schleicht sich Max von der jetzigen, Clara, unter Vorwänden weg; der Freund schonungsloser Worte ist in Wahrheit ziemlich verlogen. Nachdem Rebecca ihren Luxuswagen mehr oder weniger absichtlich im Dünensand festgefahren hat, ergibt sich ein ganzes, wortreiches Wochenende lang die Gelegenheit, Max zärtlich und traurig zu zeigen, wie das Leben wirklich spielt.

Die Bilder sind herrlich, der Atlantik stürmisch, Hoss und Skarsgård schön anzusehen, wie sie in ihren Klamotten im Marco-Polo-Stil, cremeweiß die eine, blauschwarz der andere, durch den Wellensaum stapfen, während sämige Piano-Arpeggien das Gemüt liebkosen. Das könnte man alles genauso missbilligen, wie es viele Kritiker bei der Uraufführung des Films zur Berlinale getan haben, wenn da nicht zwei Aspekte wären, die den Film doch zu einer sehr positiven Überraschung werden lassen. Zum einen sind fast alle Rollen grandios besetzt. „Montauk“ ist sprachlich, gestisch und mimisch altmodische Schauspielkunst von packender Intensität. Zum anderen ist es Schlöndorff gelungen, in dieser sehr freien Adaption von Max Frisch Roman „Montauk“ den philosophischen Kern zu erhalten und in Bilder umzusetzen.

Max Frisch hat den Roman 1975 veröffentlicht. Er erzählt darin autobiographisch sehr offen von einem Liebesabenteuer mit seiner New Yorker Lektorin in Montauk und zugleich in Rückblicken von seinen früheren Frauen und Geliebten – zu deren gemeinsamer Empörung, Ingeborg Bachmann eingeschlossen. Und er denkt darin über seine Bücher und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit nach, über Projektionen und Überblendungen. Auch „Rückkehr nach Montauk“ ist ein Film über die Kunst und die Liebe – über das Vermögen beider, Nähe herzustellen und vorzutäuschen.

Wie in der Eingangsszene des Films, in der sich das scheinbar intime Sprechen zum einzelnen Zuschauer als öffentliche Lesung enttarnt, spielt der Filme immer wieder mit der Illusion von Präsenz. Der Autor Max Zorn nämlich ist auch ein Autor seiner Gefühle. Von den Menschen, die er zu lieben glaubt, bekommt er dabei erstaunlich wenig mit.

Dieses Ineinander von Nähe und Blindheit, das vielen Verliebten eigen ist, kennzeichnet Künstler in besonderem Maße: Alles, was Max Zorn dem Leben derart nah bringt, dass er wunderbar darüber schreiben kann, hält ihn auch unerbittlich davon fern. Mit wem hast du dich getroffen?, fragt ihn am Ende Clara. Mit einem Gespenst, antwortet Max und hat auf schale Weise recht damit. Gut, sagt sie, mit einem Gespenst kann man nicht ficken.

Rückkehr nach Montauk. D/F/IRL 2017. Regie: Volker Schlöndorff. 106 Min.

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