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Neu im Kino: „Nocturnal Animals“ Kunst als Thriller

„Nocturnal Animals“: Der Designer Tom Ford führt in die Labyrinthe eines eitel-korrupten Museumsbetriebs. Sein zynischer Film ist so perfekt gebaut wie die Fassade der Welt, in der er spielt.

Amy Adams als Susan in „Nocturnal Animals“. Merrick Morton/Focus Features/Universal/dpa

Wer sind die Nachttiere, die Tom Fords schillerndem Thriller ihren Titel geben? Sind es die greisen Stripperinnen im Vorspann, die der ehemalige Gucci-Designer mit der Klarheit der Benetton-Werbungen Oliviero Toscanis in Szene setzt? Oder sind es die abendlichen Autoströme auf den Stadtautobahnen von Los Angeles? So oft wir diese faszinierende Luftaufnahme gezeigt bekommen, dürfte ihr wohl ein gewisser Symbolwert zukommen.

Eine erfolgreiche Galeristin, verkörpert von Amy Adams, fühlt sich als „Nocturnal Animal“ gleich angesprochen, als sie den Titel auf dem Romanmanuskript liest, das ihr Exmann ihr geschickt hat. So hatte er die schlaflose Frau während ihrer Beziehung gerne tituliert. Sie liest es von der ersten bis zur letzten Seite und der Zuschauer dieses kunstvoll verschachtelten Dramas mit ihr. Eine Mischung aus Eitelkeit und Schuldgefühlen macht sie zur elektrisierten Leserin dieses in grausige Irrealität übersteigerten Schlüsselromans.

Sie habe ihm etwas Grauenhaftes angetan, gesteht sie einer Freundin. Und ist sie die erste, der er sein Debüt schickt: Ist es Rache? Oder, im Gegenteil, die Gabe einer auch in der Kränkung nicht verstummten Liebe?

In der Art der Montage zweier Erzählebenen und der konstanten Ungewissheit über die Glaubwürdigkeit der Fiktion innerhalb der Fiktion hat Fords Film große Vorbilder. Klinisch präzise, messerscharf und bitterböse ist er in seinem Ton eine echte Hitchcockiade. Der Spanier Pedro Almodóvar versucht seit Jahren mit Ähnlichem dem Meister aller Spannung die Ehre zu erweisen, doch Tom Ford bringt auch noch den nötigen Zynismus mit. Der blutige Thriller innerhalb des Thrillers könnte dafür von den verlorenen Autobahnen David Lynchs stammen, alles in allem keine schlechten Referenzen.

Flankiert wird dieses Drama eines Mannes, der Frau und Tochter an eine Mörderbande verliert, von Rückblenden der Beziehung zwischen dem jungen Autor und seiner untreuen Freundin, die sich gegen die Kunst und für einen reichen Fiesling entscheidet. Dass sie gleichwohl Karriere im Kunstbetrieb macht, bestimmt wiederum die Gegenwartsebene, und sie allein ist diesen hochstilisierten Film wert: Sie führt in einen durch und durch korrupten Museumsbetrieb, bei dem nicht mehr zu unterscheiden ist, wer Kurator, Galerist oder nur Geldsack ist.

Ehrlich ist Amy Adams’ Filmfigur zumindest in ihrer Verachtung der Damien-Hirst-artigen Kunst, die sie vertritt. Tatsächlich muss man nur in das im letzten Jahr eröffnete Privatmuseum „The Broad“ in Downtown Los Angeles spazieren, um den realen Spielort der Satire auszumachen: Benannt nach dem Milliardär Eli Broad, der es finanzierte, verwischt das prächtige Haus auch die letzten Schamgrenzen zwischen privater Wertsteigerung und öffentlicher Wertschätzung.

„Nocturnal Animals“ führt geradewegs in die leere Mitte dieser verqueren Welt, in der Erhabenheit das gleiche meint wie teuer. Und in der man sich mit einer pseudoakademischen Sprache verständigt, die Werner Herzog verächtlich „art speak“ getauft hat.

Auch die kühle Drahtzieherin dieses korrupten Getriebes ist nicht wirklich zu beneiden. Als sie Selbstzweifel über ihre Rolle im Kunstbetrieb beschleichen, redet ihr ein Kollege freundlich zu: „Versuch doch wenigstens die Absurdität zu genießen. Die wirkliche Welt ist viel schmerzvoller.“ Aber wäre man überhaupt noch in der Lage, diese wirkliche Welt wahr zu nehmen?

„Nocturnal Animals“ ist so perfekt gebaut wie die Fassaden der Kunstwelt, die er karikiert. Und wenn er aus den Labyrinthen, zu denen er das Erzählte arrangiert, keinen Ausweg weist, ist sich diese schillernde Welt eben selbst genug.

Nocturnal Animals. USA 2016. Regie: Tom Ford. 117 Min.

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