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Neu im Kino: Neo Rauch Von Rauch sehen lernen

Nicola Graef hat einen tollen Dokumentarfilm über den bekanntesten, aber scheuen Vertreter der Leipziger Schule gedreht.

Neo Rauch
Neo Rauch im Atelier. Foto: Uwe Walter

Das Undenkbare ist geschehen: Der wortkarge, scheue Neo Rauch, der nichts so sehr meidet wie das Exponierte, wie Ablenkungen und Rummel um seine Person, hat ein Filmteam in sein Atelier gelassen. In der ersten Szene schleppt er keuchend eine leere Leinwand ins Atelier, wuchtet sie auf die auf einer Mal-Bühne stehende Staffelei. Kein Assistent, der das erledigen müsste für den weltweit gefeierten jüngsten Altmeister im deutschen Raum.

Die junge Dokumentarfilmerin Nicola Graef, die schon den Film über die letzten Lebensjahre des Düsseldorfer Café-Deutschland-Malers Jörg Immendorf drehte, ist in 105 Minuten dem Universum Rauch recht nahe gekommen. Rauchs Staffeleien und Farbtöpfe stehen im schon in den Neunzigern von der Kunstszene okkupierten Industriedenkmal der alten Baumwollspinnerei in Leipzig. Der Film erzählt in langen, ruhigen Einstellungen von der Beziehung auf Augenhöhe des Leipzigers zu seiner Frau, der Malerin Rosa Loy.

Der Zuschauer erlebt den vertrauten Umgang des Malers mit seinen Galeristen Judy Lybke von Eigen+Art Leipzig/Berlin und David Zwirner, New York. Und Rauchs Sammler in den USA, in Italien und Südkorea öffnen ihre Türen, kommentieren die Malerei des „Genies aus der Neuen Leipziger Schule“: Er sehe in den Bildern „Reinheit, Ernst, einen hohen Grad an Vollkommenheit“, sagt Kim Chang-il aus Seoul. Sammler Rubell aus Miami mag die Rätsel in Rauchs beklemmend romantischen, irritierenden Bildwelten. Und Museums-Kuratoren lesen Rauchs Figuren, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen, als zeitlose Gleichnisse: mystisch, historisch, brutal.

Man sieht Neo Rauch beim Intimsten aller Dinge zu: beim Malen mit Musik-Kulisse: Songs, Tango, Klassik. Seine Mal-Hand steckt in einem derben Arbeitshandschuh, weil der „den direkten Zugriff aufs Material“ verhindere. Er lässt in innerste Ängste blicken. Sein immer wiederkehrendes Bildpersonal verfolge ihn „penetrant“. Und: Der „Wiederholungsekel“ werde zum Feind beim Malen. Er suche sich ständig zu wandeln. Ohne Entdeckerfreude gibt es kein gutes neues Bild. Die Tafeln entstehen – ohne Vorzeichnung – aus raschen, breiten Pinselstrichen, dann mit dem Feinhaarpinsel gesetzten Konturen: Figuren, Stadträume, Landschaften entstehen wie aus dem Nichts. Dauernd befragt, bezweifelt, verändert.

Nicola Graefs Film vermeidet Ballast, Gewese, Hektik. Die Szenen, die Gespräche, die Begegnungen haben etwas Nachdenkliches. Rauchs Sätze sind nie redundant. Sie sitzen, wie Zeichen- oder Pinselstriche. Er überlegt lange, ehe er spricht. Zögerlich dann, wenn er von den toten Eltern redet, von den starken Zeichnungen des Vaters, dem Porträt der Mutter im Atelier. Das Kunststudentenpaar kam 1960 bei einem Zugunglück ums Leben, da war Neo Rauch vier Wochen alt. Er wuchs bei den Großeltern im Harz auf, ehe er nach Leipzig zum Studium ging. In Aschersleben gründete er ein Grafikstudio.

Rauchs wie aus der Vergangenheit gestiegene Figurenbilder kommen ins Bild – vielschichtig, rätselhaft bis zur Beklemmung, wie von einer unausgesprochenen Katastrophe überschattet. Nicola Graef hat diesen Film gedreht, weil diese Malerei berührt, weil dieser Maler Mysterien nachspürt, ohne sie zu zerstören. Bei Rauch lerne man sehen, sagt die Filmemacherin. Man begreife, dass Kunst ein Wagnis ist. Und ein Wahnsinnsakt: Konfrontation – des Malers mit sich selber.

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