Lade Inhalte...

Neu im Kino: „Mr. Long“ Das Zeug zum Kultfilm

„Mr. Long“: Dem japanischen Kino-Rebellen Sabu gelingt eine zärtlich-virtuose Tragikomödie.

"Mr. Long"
Vom Killer zum Suppenkoch, eine tröstliche Karriere. Foto: dpa

Hinter den strahlenden Einkaufstempeln einer taiwanesischen Metropole liegen die billigen, neonbeschienenen Imbissbuden. Dahinter noch, in einem düsteren Lagerkeller, trifft sich eine recht armselige Gangsterbande: Man flachst über dieses und jenes, bis man sich plötzlich uneins ist über die Beute. Einer zieht die Waffe, doch er kommt nicht weit. Von hinten trifft ihn das Klappmesser von Mr. Long. Wenige Sekunden später liegen alle außer dem Killer in ihrem Blut.

Das asiatische Kino liebt es, Gewaltszenen kunstvoll zu choreografieren. So wie Hongkongs Schwertkämpfer-Kino direkt aus der Peking-Oper schöpfte, ist in vielen japanischen Yakuza-Filmen noch immer die streng formalisierte Flächigkeit des Kabuki-Theaters lebendig. Wie eine Versicherung gegen jeden Realismus wirken die Rituale der Inszenierung. Es ist eine Improvisation über bekannte Themen. Wie der Jazz, den der Filmemacher Sabu als spärliche Filmmusik einsetzt. Tatsächlich sind die anfänglichen Gewaltszenen von „Mr. Long“ das, was Alfred Hitchcock einen McGuffin nannte: Eine falsche Fährte. In der zartfühlenden Geschichte, die ihr folgt, hallt sie nach wie ein tiefer Bassakkord. Besser ein Anfang mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Versicherung gegen jeden Realismus

Die folgenden neunzig Minuten spielen in einer japanischen Vorstadt, in die es den flüchtigen, verletzten Killer verschlagen hat. In einer Barackensiedlung findet er Zuflucht bei einem kleinen Jungen und seiner drogenkranken Mutter. Nachdem sich das Kind um den Verletzten gekümmert hat, revanchiert sich dieser, indem er der Mutter einen strengen Entzug verordnet. Das Kind ist erst schockiert, dann begreift es, welcher Segen der Unbekannte für die kleine Familie ist. Und es gibt sogar noch etwas, das der Mann, dessen Sprache niemand versteht und dessen Vorleben niemand ahnt, noch besser kann als töten. Er macht eine herrliche Knödelsuppe.

Bei einem gemeinsamen Essen haben die Nachbarn im Armenviertel eine tolle Idee. Sie bauen für Mr. Long eine Suppenbude, die sich sogleich größter Beliebtheit erfreut. Es ist so, als wolle Sabus Film alle Wunden heilen, die sein dunkel-furioser Auftakt hinterlassen hat.

Natürlich bleibt diese leichte Komödie, die aus ihm nun geworden ist, nicht immer so unbeschwert. Konsistent aber ist der Film in seiner strengen Form, seiner erlesenen Fotografie. Hauptdarsteller Chang Chen, einer der größten taiwanesischen Kassenstars – man sah ihn zuletzt in Wong Kar-wais „The Grandmaster“ – schlägt dabei eine Brücke zwischen zwei Filmkulturen.

Über weite Strecken wirkt Sabus Film wie eine jener warmherzigen Filmkomödien, die in Hongkong und Taiwan unter der Regie von Peter Chan oder Ang Lee in den 90er Jahren blühten. Die formale Strenge ist dafür ein Erbe des japanischen Kinos, dessen Junger Welle Sabu damals angehörte. Doch wer das eine liebt, liebt meistens auch das andere. Weshalb „Mr. Long“, dieser herausragende Wettbewerbsbeitrag der letzten Berlinale, alles Zeug zum Kultfilm hat.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum