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Neu im Kino: „Mr. Holmes“ Sherlock Holmes ist unaufgeregt

Was wäre, wenn es Arthur Conan Doyles Detektiv Sherlock Holmes doch in Wirklichkeit gegeben hätte? Der Veteran des britischen Films Ian McKellen lässt daran in „Mr. Holmes“ nicht zweifeln.

Dieses Foto ist der Beweis, dass Mütze und Pfeife von Holmes pure Erfindungen waren. Foto: epd

Es ist nicht einfach so, dass ich diese Geschichte schreibe, ich versuche mich an sie zu erinnern“, erklärt ein greiser Sherlock Holmes des Jahres 1947 dem kleinen Roger, dem Sohn seiner Haushälterin. Die literarische Figur, die uns hier wie in einem Biopic vermittelt wird, ist längst eine lebende Legende, berühmt geworden durch Romane, die uns wie Tatsachenberichte vermittelt werden, als hätte es nie eines Sir Arthur Conan Doyles bedurft, sie zu erfinden. Hier hat Dr. Watson diese Ehre, der aus der gemeinsamen Detektivarbeit Bestseller generierte, und dabei einen Mythos konstruierte: Mütze und Pfeife, so erfahren wir, sind ebenso erfunden wie die Adresse 221B Baker Street, die man wegen des Touristenansturms bald habe aufgeben müssen.

Das allein ist Idee genug für einen neuen Holmes-Film, der sie der Romanvorlage des Amerikaners Mitch Cullin verdankt, im Original heißt sie „A Slight Trick of the Mind“. Das Gedächtnis des Detektivs muss sich mancher zusätzlicher Tricks bedienen, um sich über Erinnerungslücken zu manövrieren; denn der alte Mann kämpft mit der Demenz. Das ist zweite tragende Idee der Romanvorlage und zugleich die größte Klippe, die Bill Condons Verfilmung zu meistern hat. Nun könnten Lücken in der Erzählung ja durchaus experimentelle Filmformen inspirieren, wie sie seit Tarantinos „Pulp Fiction“ und Christopher Nolans „Memento“ gerade das Thriller-Genre enorm beeinflusst haben.

Doch „Mr. Holmes“ ist in seiner Form alles andere als ein Thriller, denn zu Sherlock Holmes passt nun einmal die lineare Erzählform der klassischen Detektivgeschichte weit besser, auch wenn sie Alfred Hitchcock schon in den Dreißiger Jahren für tot erklärte. Überlebt haben die Ordnungsutopien einer von Kriminologen geordneten Gesellschaft im so genannten „Whodunnit“ weniger im Kino als im deutschen Fernsehkrimi. „Mr. Holmes“ wäre am liebsten beides, ein klassischer und ein postmoderner, geistreich verschachtelter Kriminalfilm – und ist doch auf durchaus liebenswerte Art an beidem gescheitert.

Klassisch ist, was Ian McKellen aus der Titelrolle macht. Der 76-jährige Veteran des britischen Films füllt die Leinwand mit einem Überschuss an Aura, was wie auf Knopfdruck in den Bann schlägt. Schon ist alles andere zweitrangig. Der Handlungsstrang der Rückblende um den dreißig Jahre zurückliegenden Fall, der Holmes zur Aufgabe seines Detektivlebens verleitete ebenso wie der zweite um eine Japan-Reise des Detektivs auf der Suche nach einer Heilpflanze, die ihn mit den Folgen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima konfrontiert.

Nur sehr langsam setzt sich zusammen, was dann zwar weniger zur Spannung eines Thrillers führt als zum angenehm diffusen Tappen im Dunkeln, wie man es aus manchen Filmen der Schwarzen Serie in Erinnerung hat.

Nur dafür hätte man gerne noch eine visuelle Ebene in diesem Film, doch dafür ist Condon ein viel zu konventioneller Regisseur. Und um aus den vielen Merkwürdigkeiten der Erzählung eine echte Mystery-Story zu generieren, bedürfte es vielleicht doch eines Autors, der Sir Arthur Conan Doyle ebenbürtig wäre.

Doch würde ein Sherlock Holmes je verschütteter Milch nachtrauern? Auch so ist „Mr. Holmes“ eine angenehm-unaufgeregte Wahl für einen gemütlichen Kinobesuch, wenn es einmal nicht „Star Wars“ sein muss.

Mr. Holmes. Regie: Bill Condon. GB 2015, 104 Min.

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