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Neu im Kino: „Meine schöne innere Sonne“ Katalog glückloser Verführungskünste

Die große Filmkünstlerin Claire Denis überrascht mit einer hinreißenden romantischen Komödie: „Meine schöne innere Sonne“.

Der Film "Meine schoene innere Sonne" kommt in die Kinos
Isabelle mit einem ihrer zahlreichen Liebhaber – dem, der Schauspieler ist. Foto: epd

Manchmal vergehen Wochen ohne einen Film, der keinem gleicht, den es schon gibt. Dabei ist es eigentlich ganz leicht, etwas Einzigartiges zu schaffen, jedenfalls für Claire Denis. Das zentrale Thema ihres Werks ist das Fremdsein, ob mit Blick auf die Wunden des Kolonialismus, die Rituale der Männlichkeit oder die Widersprüche zwischen Identität und Körper. Und wer sich im Fremdsein heimisch fühlt, der wird kaum in vertrauten Kinomustern glücklich werden.

Mit Anfang 70 befindet sich diese glückliche Außenseiterin des französischen Kinos auf einem kreativen Höhepunkt. Der neueste Planet, den sie mit der Neugier der Außerirdischen entdeckt, ist ausgerechnet das Genre. Während sie in Deutschland gerade ihren ersten Science-Fiction-Film beendet, kommt diese romantische Komödie heraus, die im vergangenen Mai in Cannes leider ein wenig unterging. Und natürlich gleicht sie keiner, die es schon gibt.

Affären mit mehreren Männern

Im Vordergrund ist es die Selbstfindungsgeschichte einer Künstlerin, die mit mehreren Männern Affären hat. Doch jede einzelne davon kratzt an der großen Leerstelle in ihrem Leben, der Frage nach ihrer Liebesfähigkeit. Und ob sie sich selbst denn überhaupt noch mal verlieben will? Immerhin ist diese lebensgierige, wunderschöne und selbstbestimmte Frau, und das unterscheidet Claire Denis’ romantische Komödie von den meisten ihrer möglichen Vorbilder, bereits über fünfzig. Spielt das irgendeine Rolle, insbesondere wenn eine so attraktive Schauspielerin wie Juliette Binoche sie spielt? Man möchte sagen: Nein, aber dann wären wir bereits jener Hollywood-Sicht auf das Alter aufgesessen, mit der man dort das sogenannte „Best Ager“-Publikum bedient. Denn wer einmal mit dem Altwerden begonnen hat, kennt keinen dümmeren Satz als die Weisheit, dass man so alt sei, wie man sich fühle. Was hilft denn diese Gewissheit, wenn die Außenwahrnehmung auf eine andere Rollenerwartung trifft? Von „Berufsjugendlichen“ ist dann die Rede. Wer nicht mitaltert, wird von seinen Generationsgenossen ausgegrenzt.

Tatsächlich ist die Gesellschaft gegenüber Männern, die nicht altern wollen, wesentlich toleranter eingestellt als gegenüber Frauen, was diese Filmfigur besonders ungewöhnlich macht. Doch die äußeren Aspekte des Altwerdens spielen hier eine untergeordnete Rolle. Gravierender ist die innere, nur selbst spürbare Differenz. Denn die eigene Lebenserfahrung stellt sich der jugendlichen Unbekümmertheit nun einmal gerne in den Weg.

„Meine schöne innere Sonne“ heißt Claire Denis’ Film, was vielleicht die schönste Beschreibung ist für die vom Alter unkorrumpierbare Jugendlichkeit. Bette Davis hat es pessimistischer formuliert, als sie sagte: „Altwerden ist nichts für Feiglinge.“ Das wäre vielleicht der Hintergrund dieses Films, doch er wäre nicht die warmherzige Komödie, die er ist, wenn er ihn direkt zur Sprache brächte.

Denis zeigt Körper als das, was sie sind

Schon der Anfang ist eine Einzigartigkeit. Das erste Bild gehört der nackten Binoche, wir sehen sie in einer Sexszene. Es ist die so oft im Kino gezeigte Situation, in der nur der Mann Befriedigung empfindet. Doch so sehr die weibliche Frustration den Blick bestimmt, fehlt doch die sonst übliche Herablassung gegenüber dem männlichen Part. „Nun komm schon endlich“, entfährt es der Frau, doch es ist ohne Vorwurf.

Fraglos erschüttert es das Männlichkeitsbild des auf Ausdauer geeichten Liebhabers. Erst als er fragt: „Bist du bei deinen früheren Männern eher gekommen“, verdient er sich eine Ohrfeige.

Claire Denis ist berühmt für ihre besondere Fähigkeit, Körper zu inszenieren. Meist scheitern Sexszenen im Kino daran, dass das Exponieren von Nacktheit dem natürlichen Empfinden von Intimität grundsätzlich entgegensteht. Gleichzeitig ist kaum eine andere Kunstform so besessen von der Darstellung körperlicher Attraktivität wie das Kino.

Denis zeigt Körper als das, was sie sind, Verpackungen von Seele, die nur selten gleich den Blick auf das Innere erlauben. Die meisten Filmemacher machen es sich leicht, indem sie vorsichtshalber erst einmal auf schöne Darsteller setzen. Denis setzt in der Besetzung der Liebhaber auf eine fast schon irritierende Vielfalt. Vom in jeder Hinsicht abstoßenden Banker (Xavier Beauvois) über einen attraktiven, aber krisengeschüttelten Schauspieler (Nicolas Duvauchelle) bis zu dem hübschen Proletarier (Paul Blain).

Gérard Depardieu neben Juliette Binoche

Geeicht auf romantische Filmenden können wir nicht anders, als uns für die Protagonisten das perfekte „Match“ zu wünschen. Der einfühlsame Künstler (Alex Descas) sollte es doch wohl gewesen sein? Aber die Einzigartigkeit dieses Films liegt eben auch in seiner Verweigerung gegenüber jener besseren Vernunft, von der wir doch wissen sollten, dass sie in der Liebe oft keine Rolle spielt.

Wie die erste Szene gehört auch die letzte einem objektiv wenig attraktiven Mann, der neben Juliette Binoche eigentlich nur verlieren kann. Kein geringerer als Gérard Depardieu darf ihn verkörpern, aber nicht als weiteren Liebhaber. Als letzten Akt ihrer Odyssee hat es Isabelle, die Protagonistin, zu einem Hellseher geführt. Mit seinen samtenen Metaphern ist er auf eine asexuelle Art vielleicht der größte Verführer in diesem Film.

Es ist eine großartige Performance, die man wie einen Kurzfilm allein schauen könnte und die buchstäblich kein Ende findet. Nach mehr als zehn Minuten hat er noch immer nicht genug gesagt, so dass seine Worte bis über den Abspann weiterlaufen. Das passt gut zum Casanova des Anfangs, der einfach nicht kommen wollte.

Was für einen Katalog glückloser männlicher Verführungskunst hat uns Claire Denis hier präsentiert und dabei ihre weibliche Protagonistin immer souveräner wirken lassen. Was gibt es am Ende Schöneres als wirkliche Unabhängigkeit?

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