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Neu im Kino: „Mathilde“ Der Zar in schöner Zuckerbäckerkulisse

Der in Russland mit Protest begleitete Film „Mathilde“ über eine Affäre Nikolaus II. kann nun auch in deutschen Kinos in Augenschein genommen werden.

"Mathilde"
Der Zar und die Tänzerin: Lars Eidinger und Michalina Olszanska. Foto: V. Sevastynov/Kinostar Filmverleih/dpa

Dieser Film des Russen Alexei Utschitel ist bereits in die Schlagzeilen geraten, noch bevor er überhaupt in die Kinos gelangte. Schuld sind religiöse Fanatiker der nationalistisch-orthodoxen Kirche, denen allein die Werbetrailer genügten, um in „Mathilde“ eine Gotteslästerung zu erblicken. Lars Eidinger spielt darin den letzten Zaren Russlands, Nikolaus II., der mitsamt seiner Familie von den Bolschewisten hingerichtet und aufgrund dieses Märtyrertodes im Jahr 2000 heilig gesprochen wurde.

Lars Eidinger spielt den letzten Zaren Russlands

Auf das Büro des Regisseurs flogen Brandsätze, er und seine Schauspieler sind Beschimpfungen und Morddrohungen ausgesetzt, die Filmpremiere in Moskau fand zwar statt, allerdings unter größten Sicherheitsvorkehrungen – und das alles, so stellt man kopfschüttelnd fest, als Reaktion auf einen Film, der seine Hauptfigur Nikolaus differenziert und mit Respekt behandelt. Um das beurteilen zu können, hätten ihn die Molotowcocktails schleudernden Eiferer freilich vorher erst einmal sehen müssen.

Zar Nikolaus teilt das Schicksal von so manchen gekrönten Häuptern, denen die Last des Amtes zu schwer ist: Er fügt sich in die Rolle, die ihm zugedacht ist, aber innerlich lehnt er sie ab. Nicht zuletzt aus dieser Spannung heraus beginnt er eine leidenschaftliche und auch etwas pathetisch überhöhte Affäre mit Mathilde, einer ehrgeizigen Balletttänzerin, die schon fast so viele Pirouetten drehen kann wie die Primaballerina. Viel russische Seele, oder was man dafür halten mag, legt Utschitel in diese Liebesgeschichte – mit einem glühenden Zaren, der die Angebetete auf der Bühne mit den Augen verschlingt, und einer Künstlerin, die selbst dann vor ausverkauftem Haus weitertanzt, als ihr das Leibchen über die Brust rutscht.

Dass Nikolaus II. aber ein Lüstling wäre, der sich und seine Aufgabe über seiner Leidenschaft vergäße, kann man wohl keinesfalls ernsthaft behaupten. Das ist nicht allein der Darstellung Lars Eidingers zu verdanken, der den jungen Aristokraten skrupulös, innerlich zerrissen und verletzlich spielt – auch zeigt Utschitel die Verhältnisse angemessen vertrackt, als Alix von Hessen ins Spiel kommt. Mit ihr soll Nikolaus zwar eine Vernunftehe schließen, indem er Machtpolitik den Usancen gemäß als Hochzeitspolitik betreibt. Doch auch an diesem heiklen Punkt verleihen Eidinger, die polnische Schauspielerin Michalina Olszanska als Mathilde und Luise Wolfram als Prinzessin von Hessen den Charakteren so viel Tiefe und Nuancenreichtum, dass sie sich in schöner Widersprüchlichkeit entfalten.

Tiefe und Nuancenreichtum der Charaktere

Was man Regisseur Alexei Utschitel allenfalls vorwerfen kann, ist die ungebremste Hingabe, mit der er sein Epos „Mathilde“ zum Historienschinken ausmalt. Hier ersteht das zaristische Russland in voller Pracht, mit Zuckerbäckerkulissen, schmucken Theatern – und selbst ein Volksfest zu Ehren von Nikolaus und Alix, das in einer Katastrophe endet, sieht aus wie ein Traum. Anstatt also den letzten adligen Herrscher des Landes vom Sockel zu stürzen, diesen zu diskreditieren oder gar zu demontieren, baut er ihm eher ein Denkmal. Dagegen mit Gewalt zu demonstrieren, entlarvt die ideologische Verblendung der religiös entflammten Zensoren, die auch im Wortsinn blind zu machen scheint.

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