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Neu im Kino: „Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“ Von Herzen kommende Feindschaften

In der Komödie „Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“ werden Bedürftige in einem herrschaftlichen Altbau auf turbulente Weise einquartiert.

Nachbarn beim Protest. Foto: epd

Das 16. Arrondissement gehört zu den beaux quartiers von Paris. Erbaut wurde es vor hundert Jahren für ein wohlhabendes Bürgertum, und bis zum heutigen Tag leben in den prächtigen Altbauten reiche Leute. Zu ihnen gehören auch Pierre Dubreuil und seine Frau Christine, die zusammen mit ihrer Klarinette spielenden Tochter 300 mit Eichenparkett ausgelegte Quadratmeter bewohnen. In welcher Welt sie leben, zeigt eine Szene, in der die Familie abends zusammen Nachrichten schaut. Von Geringverdienern ist da die Rede. „Was ist das?“, fragt der Familienvater. „Das sind Leute, die von ihrer Arbeit nicht leben können“, klärt ihn seine erwachsene Tochter auf. „Dann sollen sie mehr arbeiten“, erwidert ihr Vater höchst ungnädig. Kein Wunder, dass ihn mit dem politisch links stehenden Ehepaar einen Stock tiefer eine von Herzen kommende Feindschaft verbindet.

Als Pierre, von Beruf Bauunternehmer, sich tags darauf mit Kollegen zum Mittagessen trifft, platzt die Bombe: Die Regierung hat wegen des harten Winters per Dekret verfügt, dass eben diese Geringverdiener in Wohnungen untergebracht werden sollen, die „nicht ausreichend“ bewohnt sind, um sie vor dem Kältetod zu retten. Amüsiert lehnt man sich im Kinosessel zurück. Wenn das nicht allerbeste Voraussetzungen für eine Komödie sind!

Und wirklich – es kommt Bewegung in den herrschaftlichen Altbau. Der einsame, ältere Herr im ersten Stock nimmt gern Bedürftige auf, die linke Professorin im Zweiten dagegen möchte ganz gegen ihre vom Katheder vorgetragenen Überzeugungen überhaupt nicht teilen. Im Dritten holt Pierre seine Mutter aus dem Altersheim, um zu verhindern, dass jemand bei ihm einquartiert wird. Und das alte, jüdische Ehepaar im Vierten zieht in eine Kammer im Haus gegenüber und beobachtet mit dem Fernglas, was fortan geschieht. Sie haben ganz schön was zu gucken.

Jetzt müsste der Film die nächste Ebene erklimmen und grundlegende Fragen stellen. Fragen mit moralischer Dimension, die nicht nur in Paris relevant sind, sondern auch in Deutschland. Hat der Mensch ein Recht auf ein menschenwürdiges Dach über dem Kopf? Wie sieht es mit unserer ganz persönlichen Verantwortung für unseren Nächsten aus? Solche Fragen kann auch eine Komödie stellen. Stattdessen enttäuscht die Regisseurin Alexandra Leclère dadurch, dass sie die Grundidee nicht weiterentwickelt, sondern einfach überdreht.

Sicher ist schon die Ausgangslage irreal, aber innerhalb dieser Irrealität könnte man Glaubwürdigkeit herstellen. Das Gegenteil geschieht. Überhaupt nicht nachvollziehbar ist etwa die Wandlung Pierres vom neoliberalen Saulus zum mitleidigen Paulus. Plötzlich rührt ihn der Anblick eines Bettlers, er findet Gefallen an der nicht mehr jungen und nicht sonderlich attraktiven Madeleine, die bei ihnen einquartiert worden ist, begleitet sie nachts zu deren obdachlosen Freunden unter der Brücke. Bald stehen die vier Zelte dieser Clochards im Wohnzimmer.

Realistischer ist da die Figur der Concierge, die ganz klar etwas gegen bestimmte Hautfarben hat. Sie organisiert eine Tauschbörse, mit deren Hilfe man unliebsame Mitbewohner loswerden kann. Die Linke aus der zweiten Etage lässt sich tatsächlich auf den zwielichtigen Handel ein, um die bei ihr lebende Frau aus Mali und ihr kleines Kind gegen einen ruhigeren Mitbewohner einzutauschen. Als herauskommt, dass die Concierge die Frau auf der Straße ausgesetzt hat, regt sich bei ihr doch das schlechte Gewissen. Die Hausmeisterin reagiert darauf mit dem einzigen Satz, der das Zeug hat, einen zum Nachdenken zu bringen: „Es gibt Leute wie mich nur, weil es Leute wie sie gibt.“

Für einen ganzen Film ist das zu wenig.

Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste. F 2015. Regie: Alexandra Leclère. 106 Min.

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