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Neu im Kino: „Junges Licht“ Versunkener Kohlenpott-Mythos

Staubiges Comeback: Mit „Junges Licht“ malen Regisseur Adolf Winkelmann und sein Kameramann David Slama noch einmal ein großes Kohlenpott-Gemälde.

Was ist Ambach? Nesquik! Foto: Verleih

Wenn sich ein zwölfjähriger Junge mit angespannten Lippen und sichtbarer Sorgfalt Linien in den Unterarm ritzt, lässt das nicht unbedingt auf eine psychische Störung schließen. Vielleicht möchte er einfach nur etwas zu erzählen haben. Gespannt schaut Julian Collien (Oscar Brose), immer wieder unter seinen Verband, dann zeigt er dem Nachbarmädchen stolz die „Narbe“. Da kann die 15-jährige Maruschka nur noch lachen.

Nach dem Roman von Ralf Rothmann führt Adolf Winkelmanns Coming-of-Age-Film „Junges Licht“ in einen ungenannten Ort des Ruhrgebiets zur Zeit des Wirtschaftswunders. Dieser Begriff bekommt eine neue Bedeutung, wenn man den Wundern der Schwerindustrie Tag und Nacht aus der Loge des eigenen Balkons zusehen kann. Schornsteine tönen den Himmel in ein stetes Farbenspiel aus Rot, Weiß, Gelb, und Grau – jene apokalyptischen Akkorde aus Feuer und Rauch, in die der Industriemaler Heinrich Kley in einem Gemälde einst seine „Krupp’schen Teufel“ hüllte.

„Das Weiß kommt aus den Stahlwerken, das Rot aus den Kokereien“, erklärt es Julians Vater (Charly Hübner) mit fast religiöser Andacht. „Das geht niemals aus.“ Er selbst hat sich dagegen für die Dunkelheit entschieden, verbringt seine Arbeitstage und die vielen Nachtschichten unter Tage. Etwas anderes als diese drei Optionen hat der Herrgott für die Männer im Revier nicht vorgesehen. „Weglaufen gibt’s nicht. So isses nun mal.“

Es braucht nicht viel, um den versunkenen Kohlenpott-Mythos im Kino wieder auferstehen zu lassen, jedenfalls nicht für Adolf Winkelmann und seinen langjährigen Kameramann, David Slama. In den siebziger Jahren haben sie regionale Komödien in einer technisch avancierten, internationalen Ästhetik gedreht, die anfangs sogar jede Menge Kohle einspielten. Winkelmanns Filme waren geerdet in den Dialogen, ehrgeizig dagegen in Ton- und Kameratechnik. „Wenn ich ein Maler wäre, würde ich mich auch für die neuesten Farben interessieren“, sagte er uns in einem früheren Interview, während er mit einer modernen Taschenlampe und einem Mini-Hubschrauber hantierte.

Das Ruhrgebiet gilt als eine Wiege der bundesdeutschen Film-Avantgarde. Werner Nekes, Christoph Schlingensief und den große Dokumentarfilmer Rainer Komers hat es hervorgebracht. Der Dortmunder Winkelmann schuf sich dagegen sein privates Hollywood, indem sich der Realismus in Künstlichkeit hüllte. Wie ökonomisch er zugleich zu erzählen weiß, bewies er zuletzt im Fernsehen, wo sein Zweiteiler „Contergan“ wie ein Gegengift zur Überausstattung historischer Eventfilme wirkte. Statt schicker Antiquitäten erwecken Gürkchen und Kartoffelsalat die sechziger Jahre wieder. Hier ist es in einer schönen Szene mit der Mutter; ihr Salat ist trotz einiger Knochensplitter so köstlich, dass Julian, als er von zu Hause abhauen will, noch die Reste in eine Thermosflasche füllt.

Mitte der sechziger Jahre hat es die Jugendkultur noch nicht in die Arbeitersiedlungen geschafft. Keine Spur von den „Lords“ und „Searchers“, die Maruschka in der bescheidenen Plattensammlung im Bergmannshaushalt vermisst. Auch das ist so ein Winkelmann-Detail: Es sind eben nicht die Beatles, erst recht nicht die Stones, die für das Mädchen die große weite Welt repräsentieren.

„Junges Licht“ lebt von diesem Understatement, sein Rhythmus ist so langsam wie der typische Sprachduktus im Pott. Die knappen Sätze, die „Vater“ Charly Hübner, Lina Beckmann als Mutter oder Peter Lohmeyer als fieser Vermieter über die Lippen bringen, stützen sich auf bewährte Versatzstücke wie „Was nicht passt, wird passend gemacht“. Es sind Sätze wie Kohlebrocken, die sie da zu Tage fördern, und man muss sich schon falsche Narben ritzen, um gewichtig daher zu kommen.

Das junge Licht, die rare Poesie, muss man sich in dieser ruß-trüben Vorstadt schon selber suchen, wenn Maruschka überraschend die Hand des Jungen streichelt. Oder er sich mit seltenem Mut gegenüber den Nachbarjungen durchsetzt, die gerade aus Langeweile einen Hund mit Benzin übergießen.

Winkelmann und Slama kleiden diese kleinen Schönheiten in eine überraschend wechselnde Ästhetik. Dann öffnet sich die Leinwand zur Breite des früheren Cinemascope, dann wechselt Schwarzweiß zu Farbe. Stilmittel, die beide Filmkünstler früh erprobten und nun lässig durcheinander mischen. Slama hat uns das Geheimnis der Zusammenarbeit einmal am Beispiel des frühen Films „Der Kurier“ erklärt: „Wir hatten uns lange vorbereitet – und sahen dann in einem Museum die Parole des Künstlers Joan Miró: „‚Je größer die Freizügigkeit desto großartiger das Kunstwerk‘. So haben wir dann unser strenges Konzept etwas aufgebrochen.“

Junges Licht. D 2016. Regie: Adolf Winkelmann. 122 Min.

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