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Neu im Kino: „In Between“ Nicht gerade für eine WG geschaffen

Der Film „In Between“, der an kulturelle, religiöse und sexuellen Tabus rührt, macht in Israel Furore. Auf dem Filmfestival in Haifa wurde er als bester Debütfilm ausgezeichnet.

Die fidele WG, hier unterwegs in mobilen vier Wänden. Foto: InBetween

Vieles ist im Arabischen Frühling fehlgeschlagen, aber dieser Film ist eine seiner späten, gelungenen Blüten. Die Idee dazu kam der Regisseurin Maysaloun Hamoud vor sechs Jahren, als die Menschen in Kairo auf die Straßen gingen, um die Machtverhältnisse und die alten Denksysteme ins Wanken zu bringen. „Das war für mich der Startpunkt“, sagt die 35-Jährige, eine Palästinenserin mit israelischem Pass. „Ich spürte, jetzt ist die Zeit gekommen, über uns zu reden, über meine Generation und unsere Alltagserfahrung. Ich wollte etwas aussprechen, was wir so noch nie gesagt haben.“

Nicht der Nahostkonflikt, nicht die Besatzung sind ihr Thema, sondern der Ausbruch aus tradierten Rollenvorstellungen, die persönliche Emanzipation, die Widersprüche des Lebens, in denen sich ihre drei Protagonistinnen bewegen. Eigentlich gehören sie nirgends ganz dazu, diese drei Frauen, die sich der Enge und sozialen Kontrolle ihrer arabischen Dörfer entziehen, aber in Tel Aviv immer wieder Vorurteilen der jüdischen Mehrheitsgesellschaft begegnen.

„In Between“ (dazwischen) heißt denn auch der Film, der in Israel seit Wochen für Furore sorgt. Der arabische Titel lautet „Bar Bahar“ – Land Meer. Maysaloun Hamoud hat sich den Schriftzug auf ihren Unterarm tätowieren lassen. Weil das Gegensatzpaar ihr Lebensgefühl trifft.

Die Geschichte handelt von einer Frauen-WG in Tel Aviv. Dort wohnen Laila, eine attraktive junge Anwältin, und die flippige Salma, die einen Nasenring trägt und sich mit Jobs als Musiklehrerin und Barfrau durchschlägt. Als ein Zimmer frei wird, zieht Nour zu ihnen, eine IT-Studentin mit Kopftuch. Sie sind nicht gerade fürs Zusammenleben geschaffen: Laila und Salma, die keinen Joint und keinen Drink auslassen, und die fromme Nour, die lieber büffelt statt feiert. Aber das Bedürfnis einer jeden, sie selbst zu sein, die Sehnsucht nach Liebe und die Konflikte darum verbinden.

Als Nours strenggläubiger Verlobter, ein islamischer Aktivist, von ihr verlangt, aus diesem „Sündenpfuhl“ auszuziehen und schnell zu heiraten, weigert sie sich. Woraufhin er Nour vergewaltigt. Gemeinsam hecken die drei Frauen einen Plan aus, es ihm recht trickreich heimzuzahlen, was nicht ohne Komik geschieht. Aber auch der so progressiv auftretende arabische Geliebte der emanzipierten Laila entpuppt sich als Enttäuschung mit seinen patriarchalischen Frauenbildern im Hinterkopf. Und die lesbische Salma bekommt den Zorn ihrer christlich-arabischen Familie zu spüren, als sie ihre Freundin übers Wochenende ins Elternhaus mitbringt.

Damit hat Hamoud an zahlreiche Tabus gerührt, über die man sich sonst unter arabischen Israelis lieber ausschweigt. Die islamische Bewegung jedenfalls schäumte vor Wut. Ihre Anhänger scheuten selbst vor üblen Drohungen gegen die Filmemacherin nicht zurück, die arabische Frauen als Huren hinstelle und ausgerechnet den Vergewaltiger als religiösen Mann. Dabei sei es ihr gar nicht um die Provokation gegangen, erzählt Hamoud beim Treffen in ihrem Lieblingscafé in Jaffa, der arabischen Zwillingsstadt von Tel Aviv. „Ich wollte meiner Gesellschaft nur einen Spiegel vorhalten, sie mit der Realität konfrontieren.“

Dass ausgerechnet der liberale Autor Sayed Kashua, bevor er den Film sah, eingewendet hatte, man müsse sich hüten, israelische Klischees von Arabern zu erfüllen, hat sie getroffen. Sie habe doch Stereotypen im Film benutzt, um sie gleich darauf kollabieren zu lassen, sagt Hamoud. Inzwischen hat auch der berühmte, derzeit in USA lebende Kashua sich für seinen Vorwurf in einer Kolumne der Zeitung „Haaretz“ entschuldigt: Diesen Film anzuschauen sei „nicht weniger wichtig, als gegen Häuserabriss zu demonstrieren“.

Tatsächlich macht das Authentische der Figuren die Stärke des Films aus. Einige Rollen wie die beiden lesbischen Frauen und eine witzige, schwule Nebenfigur, zuständig für die Partydrogen, wurden mit Laien besetzt. Die anderen sind Theaterschauspieler, die zuvor nie vor der Kamera standen. „Ich wollte Frische in den Film bringen, eine naturalistische Darstellung“, sagt Hamoud. Ein Konzept, das nicht zuletzt dank Schlomi Elkabetz als Produzent aufging. Er ist ein „alter Hase“ im israelischen Filmgeschäft und zugleich Dozent an der Tel Aviver Kunsthochschule Minshar, wo Maysanoun Hamoud in einem Zweitstudium ihr Handwerk gelernt hat.

Auf dem Filmfestival in Haifa wurde „In Between“ als bester Debütfilm ausgezeichnet, Preise und großes Lob seitens Kritik und Publikum gab es ebenso auf den Festivals von Toronto und San Sebastian. In spanischen Kinos erwies sich „In Between“ bereits als Renner, ein deutscher Kinostart soll demnächst folgen.

Berlin hat es der Regisseurin auch so schon angetan. Dorthin macht sich im Film am Ende die unkonventionelle Salma ab und folgt damit dem Beispiel tausender Israelis. In Berlin soll auch der letzte Teil der von Hamoud geplanten Trilogie spielen. „Nur die Großstädte geben uns die Freiräume für eine alternative Art zu leben“, sagt die 35-Jährige. „Und wir jungen modernen Palästinenser wollen nichts Anderes als die junge Generation überall, ob in Tel Aviv, Beirut, Amman oder Berlin.“

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