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Neu im Kino: „Im Spinnwebhaus“ Wiedererwachtes deutsches Kino

Worauf alle warten – eine Debütantin hat es geschafft: Mara Eibl-Eibesfeldts „Im Spinnwebhaus“ erweckt das fantastische deutsche Kino neu.

Die Kinder balancieren im Schlosspark. Foto: MissingFILMs

In Deutschland blühte früh das Genrekino. Mit einer prächtigen Restaurierung des Stummfilms „Der müde Tod“ erinnerte die vergangene Berlinale noch einmal daran, dass der schaurig-romantische Kinotod ein Meister aus Deutschland war. Auch wenn später eine Hollywoodrezeptur daraus gefertigt wurde – in den Berliner Stummfilmateliers begann mit „Caligari“ oder „Nosferatu“ als Kunst, was später als Exploitation endete. Immerhin diese kommerziellen Überreste waren noch in den 60er und 70er Jahren eine Stütze der deutschen Filmwirtschaft, als Edgar Wallace & Co in Serie gingen.

Heute scheint es dagegen nur noch ein erfolgreiches Genre zu geben, die Filmkomödie. Dagegen führen fantastische Genres wie Mystery, Thriller, Science Fiction, Horror oder Dark Drama im deutschen Film ein Nischendasein. Allein Märchen und Fantasy sind noch in den engen Nischen des Kinderfilms lebendig.

„Im Spinnwebhaus“, dem ersten Langfilm der Regisseurin Mara Eibl-Eibesfeldt, ist die Ausnahme der Ausnahmen. Man muss das fantastische Kino schon sehr lieben, um es da abzuholen, wo es einmal war, bei der Kunst.

Die wunderbar-fragile Sylvie Testud spielt als psychisch kranke Mutter nur eine Nebenrolle in dieser märchenhaft-unheimlichen Überlebensgeschichte dreier Kinder. Als es ihr nicht gelingt, diese bei ihrem Vater unterzubringen, überträgt sie ihrem 12-jährigen Sohn Jonas die Obhut für die zwei jüngeren Geschwister. Was nun beginnt, erinnert zunächst inhaltlich an „Nobody Knows“, das epische Kammerspiel des großen Japaners Hirokazu Koreeda. Wie in diesem meisterhaften Überlebensdrama kippt das Abenteuer ins Drama, als das jüngste Kind erkrankt und die Situation den Bruder überfordert.

Echtes Schwarzweiß

Doch stilistisch geht die Regisseurin, die ein Drehbuch von Johanna Struttmann verfilmte, einen ganz anderen Weg. Wo Koreeda ein urbanes Drama in klare Bilder setzte, wählt Eibl-Eibesfeldt für eine am Rand der Realität angesiedelte Fantasie die reich-nuancierte Schwarzweißfotografie des Altmeisters Jürgen Jürges. Erst vor wenigen Wochen wurde der große Bildgestalter („Angst essen Seele auf“) mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichnet. Man hat viel unechtes Schwarzweiß gesehen in den letzten Jahren, flache Digitalbilder, denen lediglich die Schärfe fehlte. Dies hier ist echtes Schwarzweiß, sind durch feinste Lichtzeichnung modellierte Bildräume. Zugleich werden alle üblichen „Neo-Noir“-Klischees vermieden, diese Kameraarbeit ist keine leere Expression, sondern bei aller Schönheit eine funktionale Bilderzählung. Dieser Stil ruft ein zweites großes Vorbild auf den Plan, Charles Laughtons Märchen-Melodram „Die Nacht des Jägers“. Kann man sich ein wirkungsmächtigeres Vorbild aussuchen für ein Kinodebüt als diesen zeitlosen Klassiker, der sich zwischen allen Stühlen einrichtete.

Wenn sich das Haus der Kinder in ein geheimnisvolles Biotop verwandelt, sich in Kinderaugen zusehends von selbst verschönert durch barocke Spinnweben, ist der Film bei sich. Jürges’ Kamera lässt den Mikrokosmos der Ameisen auf dem Küchenherd in schillernden Detailaufnahmen strahlen. Es ist die kindliche Lust am Unheimlichen und Verbotenen, von der dieser Film erzählt.

Die einnehmende Unheimlichkeit spitzt sich zu, als der Junge in einem jungen Mann einen zwielichtigen Helfer findet. Der schiebt ihn mit dem Fahrrad durch einen nächtlichen Wald in seine kerzenbeleuchtete Hütte. Dort gibt es noch mehr Spinnweben zu bewundern und wenig mehr zu fürchten als dezenten Gothic-Rock, zu dem er den Jungen das Tanzen lehrt. Etwas verstörend allerdings sind die merkwürdigen Ansichten dieses versponnenen Zeitgenossen. Spinnen erklärt er zu Heiligen. Und das Erwachsenwerden, in einem kleinen Gedicht, zum Verderben: „Es nimmt dir die Luft und lässt dich sterben.“ Schwer für den kleinen Jonas, sich da noch zurechtzufinden. Dass man es ihm dennoch zutraut, liegt nicht zuletzt an der Präsenz seines Darstellers: Ben Litwinschuh hat die Ausstrahlung des jungen Tommi Ohrner, was uns abermals an eine deutsche Genre-Tradition erinnert – Kinderkrimis wie „Das Haus der Krokodile“ und „Timm Thaler“.

Ebenso sicher bewegt sich die Filmemacherin im dunklen Genre-Wald. Im Drehort Heidelberg findet sie die Kulisse für ihr Märchen am Rande des Möglichen. Unglaublich ist allein, dass es überhaupt produziert werden konnte, in Koproduktion mit dem SWR (Redaktion: Stefanie Groß). In einer Zeit, in der Filme wie „Die Nacht des Jägers“ nicht einmal mehr im Fernsehen laufen, seit jemand herausgefunden hat, dass keine Farbe darin vorkommt, ist es das eigentliche Wunder.

Im Spinnwebhaus. Dtl. 2015. Regie: Mara Eibl-Eibesfeldt. 89 Min.

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