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Neu im Kino: „Ich, Daniel Blake“ Requiem auf den Sozialstaat

Zum Heulen und auch zum Lachen: Ken Loachs neuer Film „Ich, Daniel Blake“ ist ein Meisterwerk.

David Johns als Blake. Foto: Prokino

Als Charlie Chaplin seinen ersten langen Film, „The Kid“, schuf, stellte er ihm auf dem ersten Schrifttitel eine kleine Warnung voran: „Ein Film mit einem Lächeln – und vielleicht mit einer Träne“. Ken Loachs Sozialdrama „Ich, Daniel Blake“ ist ein Film mit einer Menge Tränen, aber auch mit einem Lächeln. Man muss es dazu sagen, denn selten hat ein Filmemacher ein Anliegen ernsthafter vorgebracht als Loach, der sich schon in den Ruhestand zurückgezogen hatte und doch noch einmal loszog, ein Elend beim Namen zu nennen: Die systematische Demoralisierung von Erwerbslosen durch das britische aber nicht nur das britische Sozialsystem. Dass man dennoch immer wieder schmunzelt in Mitten dieses Trauermarsches von einem Film über das Ausbluten des Sozialstaates, ist ein kleines Wunder. Aber wie sein Landsmann Chaplin vor ihm und davor noch der Künstler William Hogarth oder der Schriftsteller Charles Dickens kann eben auch Ken Loach das Leben nicht nur in einer einzigen Stimmungslage einfangen.

Zunächst schmunzelt man mit Daniel Blake, diesem nach einem Herzinfarkt arbeitsunfähig geschrieben Schreiner, über die kafkaesken Mechanismen einer Bürokratie und die Masken ihrer Selbstgerechtigkeit. Über ihre Warteschleifenmusiken oder die euphemistischen Berufsbezeichnungen anonymer Entscheider, sogenannter „decision maker“. Zum Vorspann lauscht man einem Telefonat mit einer selbst ernannten „medizinischen Sachverständigen“, die sich über das Attest eines Kardiologen hinwegzusetzen kann, indem sie lieber einen Fragenkatalog über mögliche Darmbeschwerden abhakt. „Nein, mein Arsch funktioniert ausgezeichnet“, gibt Daniel Blake zur Antwort, „nur mein Herz macht leider nicht mehr so mit wie es soll“. Die Stimme am Telefon bleibt ungerührt: „Beantworten Sie bitte einfach die Fragen.“ Später, Daniel Blake bleibt nichts anderes übrig, als sich arbeitslos zu melden, um irgendeine Form der Finanzhilfe zu erlagen, ist es mit dem Beantworten von Fragen nicht mehr getan. Wer sich dem Arbeitsmarkt verweigert, obwohl er gar nicht arbeiten kann, für den gibt es nur eine Antwort: Sanktionen.

Vieles von dem, was hier im nordenglischen Newcastle geschieht, ist auch im deutschen Hartz-IV-System möglich, insbesondere eine Sanktionierung unter das im selben Gesetzbuch formulierte Existenzminimum. Diese offensichtliche Menschrechtsverletzung unter der in Deutschland auch zehntausende Kinder bedürftiger Familien leiden, harrt noch immer einer endgültigen Klärung durch das Bundesverfassungsgericht. Die Grünen, die diese Sanktionen unter Kanzler Schröder mitgetragen haben, fordern derzeit ihre Abschaffung. Der Blick auf Großbritannien wirkt lediglich wie ein leichtes Vergrößerungsglas.

Begegnet man dem Filmemacher persönlich, wie zuletzt in Locarno, wo dieser Film nach seinem Palmengewinn in Cannes den Publikumspreis erhielt, scheint er ihm noch nicht deutlich genug formuliert zu sein. „Wir haben entdeckt, dass unsere Regierung die Bedürftigen zur Strafe mit Absicht hungern lässt“, erklärte er dort dem Publikum.

Doch wie viel Schönheit steckt zugleich in diesem herzergreifenden Film, klar und eingängig vorgetragen wie ein Folksong von Woody Guthrie. Es wäre einfach gewesen, diese Geschichte pompös zu orchestrieren, Loach erzählt sie demütig und geradlinig im stumpfen Rhythmus jenes Marsches, der ruhelos zum bitteren Ende führt. Freilich unterbrochen durch ein vielfarbiges Kolorit aus Nebenfiguren und pointierten Situationen.

Der einzige äußere Luxus ist das gute alte 35mm-Filmmaterial, das Loach noch immer benutzt. Seine eigentliche Emotionalität und seine bei aller Tragik aufbauende Stimmung gewinnt der Film aus dem zutiefst lebensbejahenden Charakter des Verlorenen. Und wie um ein Zeichen auf dem Arbeitsmarkt zu setzen, gibt er mit der Besetzung der Hauptrolle dem kaum bekannten Charakterdarsteller Dave Johns die Chance seines Lebens.

Auch wenn er selbst allen Grund zur Verzweiflung hat, engagiert sich dieser Mann spontan für eine allein stehende Mutter, der man ihre Bezüge kürzen will, nur weil sie sich um ein paar Minuten verspätet hat. Die britische Zeitung „The Guardian“ ist voller Geschichten wie der dieser jungen Frau, die hier Katie heißt, gespielt von der Schauspielerin und Dramatikerin Hayley Squires.

Anders als in Deutschland, können Bedürftige auf der Insel zwangsumgesiedelt werden, um für die Behörden Mietaufwendungen zu sparen. Dass dies oft mit einem Verlust des Arbeits- oder in diesem Fall des Studienplatzes verbunden ist, spielt keine Rolle. Wenn man diesem vollkommenen Film irgendeinen Vorwurf machen kann, dann ist es die melodramatische Zuspitzung, dass diese Frau in die Prostitution abgleitet. Aber auch hier muss man sagen: der Ton macht die Musik, und in diesem Fall fast gar keinen: Starkomponist George Fenton, der große Epen wie „Gandhi“ vertonte, hatte wahrscheinlich noch nie so wenig Noten für eine Filmkomposition. Feinfühliger kann man nicht untermalen.

Alle Dynamik geht ohnehin von der Inszenierung aus, und das Fortissimo gehört jener titelgebenden Szene, in der dem tragischen Helden endlich der Kragen platzt. Mit einer Sprühdose schreibt er, zum Beifall der Passanten, auf die Fassade des Arbeitsamtes: „Ich, Daniel Blake, verlange meinen Berufungstermin. Und ändert endlich diese beschissene Musik auf der Warteschleife!“ Nein, es ist kein Film mit nur einem Lächeln. Es ist ein Meisterwerk zum Lachen und zum Heulen, das man sich noch in Jahrzehnten ansehen wird. Auch wenn dann vielleicht die Populisten regieren werden und man sagen wird: „Ach, das gab es damals noch? Sozialhilfe? Sind die Arbeitslosen nicht selber Schuld an ihrem Elend?“

Ich, Daniel Blake, GB 2016. Regie: Ken Loach. Mit Dave Johns, Hayley Squires, Sharon Percy. 100 Min.

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