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Neu im Kino: „Happy End“ Der Tragödie folgt die Farce

Michael Hanekes „Happy End“ mit Isabelle Huppert ist eine sarkastische Farce, die allerdings allzu schlicht gedacht ist.

„Happy End“
Gestresste Geschäftsfrau: Isabelle Huppert als Tochter von Louis Trintignant. Foto: dpa

Ein Loch definiert sich durch seine Ränder, ansonsten ist es: nichts, ein Loch eben. Doch bricht der Rand weg, dann kann sich dieses Nichts zur Katastrophe auswachsen.

Diese Erfahrung müssen die Laurents machen, eine Familie von Bauunternehmern in Calais, die Michael Haneke in den Mittelpunkt seines neuen bürgerlichen Trauerlustspiels rückt. Gleich zu Anfang des Films rutscht der Rand einer großen Baugrube weg, das Loch implodiert geradezu, aber mit einer erstaunlichen Ruhe, fast diszipliniert. Einige Dixie-Klos verschwinden dabei in der Tiefe. Bei Thomas Manns Buddenbrooks war es eine verhagelte Ernte, die den wirtschaftlichen Niedergang einläutet. Bei den Laurents pinkelt jemand zur falschen Zeit ins Dixie-Klo. In beiden Fällen aber kommt zum ökonomischen der moralische Verfall, kommt also Schuld hinzu.

In seiner weitreichenden und etwas penetranten Symbolik sagt das erste Bild in Hanekes „Happy End“ eigentlich schon alles, ebenso wie der Titel, der natürlich streng ironisch gemeint ist. Nach seinen letzten, in Cannes und anderswo zu Recht gefeierten Filmen wie „Liebe“ und vor allem „Das weiße Band“ waren die Erwartungen an dieses neue Haneke-Werk hoch, und womöglich entlastete sich der Regisseur selbst von diesem Druck, indem er einen Haken schlug und das Genre wechselte. Den Tragödien folgt mit „Happy End“ nun die Farce.

Der Ton ist verbiestert

Rein äußerlich knüpft er lose an den Vorgänger „Liebe“ an, dieses anrührende Kammerspiel zwischen Emmanuelle Riva und Louis Trintignant, in dem Krankheit und Tod einem langen, erfüllten gemeinsamen Leben ein grausames Ende bereiten. Isabelle Huppert spielt auch nun wieder die Tochter, doch ist sie kein mitfühlender guter Geist mehr, sondern eine gestresste Geschäftsfrau, die das Familienunternehmen managt. Louis Trintignant als Großvater Georges verschreckt kleine Kinder mit seiner Geschichte, wie er die eigene, todkranke Frau mit einem Kissen erstickte – ansonsten wünscht er selbst sich nichts sehnlicher als den Tod, bleibt aber auf halbem Weg in den Atlantik mit dem Rollstuhl stecken.

Der Ton ist also ganz schön verbiestert in „Happy End“, und sollte Haneke seine Szenen komisch meinen, gleicht sein Humor grobem Schmirgelpapier. So rau jedenfalls geht es zu, dass man darüber gar nicht lachen mag, und herzlich schon gar nicht. Eine Komödie aber, die überhaupt nicht witzig ist, hat ein Problem. Sie ist allenfalls böse.

Und das kennt man von Haneke zur Genüge: dieses kulturkritische Herumhauen auf Medien und Konsum („Bennys Video“, „Funny Games“), oder die Kritik der bürgerlichen Vernunft („Caché“). Manchmal kommen seine Filme als beunruhigende Geistergeschichten daher; manchmal sind sie aber auch einfach nur allzu schlicht gedacht – in letztere Kategorie fällt „Happy End“, wobei sich der Österreicher nun vorgenommen hat, das obligatorische Stirnrunzeln durch Sarkasmus zu ersetzen. Dem altbekannten Themenkreis bleibt er verhaftet und zieht über Youtube, Smartphones, SMS-Romanzen und Tierquälerei vor laufender Kamera her. Welch immense Qualitäten in diesem Regisseur stecken, zeigt er auch diesmal, doch er konzentriert sie fast ausschließlich auf eine einzige Figur. Fantine Harduin spielt die zwölfjährige Eve, die als Pflegekind zur unsympathischen Laurent-Sippe stößt. Mit wachem, prüfendem Blick forscht Eve ihre neue Umgebung förmlich aus, ein ernstes, fast stoisches Kind, das sich die Tränen über die eigene, verlorene Mutter verbietet, eine, die sich an die anderen anpasst, indem sie diese verunsichert – selbst die grausamen Laurents.

Die auratische Fantine Harduin ist eine beglückende Entdeckung und ein Glück für „Happy End“, denn sie schaut so unerbittlich in die Welt und auf diese Familie, dass sie den Film fast an sich zieht.

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