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Neu im Kino: „Gleißendes Glück“ Glaube, Sex & andere Katastrophen

Martina Gedeck und Ulrich Tukur brillieren in Sven Taddickens Film „Gleißendes Glück“. Nicht zuletzt wegen ihnen ist der Film unglaublich sexy.

19.10.2016 16:06
Anke Westphal
Dominanzen und Machtverhältnisse: Ulrich Tukur und Martina Gedeck. Foto: dpa

Wenn man die Geschichte knapp zusammenfasst, klingt sie reichlich krude: Eine unglückliche Hausfrau hört in einer ihrer vielen schlaflosen Nächte einen sehr bekannten Psychologen im Radio und kauft sich daraufhin dessen neues Buch. Seine These über das Glück besagt, dass man die Wirklichkeit mit seinen Gedanken steuern und sich selbst umprogrammieren könne wie einen Computer – das fasziniert sie.

Ja, die Frau fährt sogar in die Stadt, in der sich der Mann gerade aufhält, besucht einen seiner Vorträge und nimmt persönlich Kontakt auf. Die beiden fühlen sich zunehmend zueinander hingezogen, ohne dass sich zunächst eine Affäre entspinnen würde. Die Frau fährt wieder nach Hause, zu ihrem Ehemann, der sie indes immer mehr misshandelt – wohl in ohnmächtiger Wut darüber, dass er ihr nicht wirklich nahekommen kann. „Immer dieses kleine Lächeln“, schreit er einmal – und sie lächelt dieses kleine Lächeln.

Man muss dieses Lächeln in der Kinoadaption von A. L. Kennedys Roman „Gleißendes Glück“ gesehen haben, um einmal mehr zu begreifen, was für eine großartige Schauspielerin Martina Gedeck sein kann, zumal wenn ihr ein fähiger Regisseur zur Seite steht. Sven Taddicken (unter anderem „Emmas Glück“) hat es unternommen, Bilder und Kameraperspektiven zu finden für all das Ungesagte, im Raum Schwebende, Subkutane, das die britische Autorin Kennedy so kunstvoll mit Sprache umschrieben hat. Die Handlung ihres Romans wurde aus Filmfinanzierungsgründen von England nach Deutschland verlegt; aus Helen Brindle wurde Helene Brindel. Ulrich Tukur verkörpert den Psychologen Eduard E. Gluck und Johannes Krisch Helenes gewalttätigen Ehemann Christoph.

Er ist der armseligste von drei Menschen, die mit jeweils eigenen Dämonen kämpfen – ein Mann, der seine Frau verloren hat, lange bevor sie auch nur daran denken würde, ihn zu verlassen. Helenes freundliche Distanziertheit treibt Christoph immer mehr zur Raserei, wobei er nicht begreifen will, dass dies ihre Waffe ist gegen die verbalen Verletzungen, die der physischen Gewalt vorausgehen. Helene war früher sehr religiös; ihr Mann hat das nicht respektiert. Ja, er hat sie lächerlich gemacht, herabgesetzt durch primitive Sexualisierung. Nun ist Helene in ihrem Unglück „ein Mensch ohne Glauben“, wie sie Herrn Gluck gesteht, und sie leidet sehr daran, Gott verloren zu haben. Gleichzeitig agiert Helene übergriffig, wenn sie Gluck gleich bei der ersten Begegnung kritisiert: „Ihre Haare sind zu lang!“ Er lässt sie sich sofort schneiden. Auf ihre Gottlosigkeitsklage erwidert er pseudolässig: „Wir sind, wie wir sind.“

Ein neutralfarbenes Leben

Das ist ein machtvoller, tröstlicher Satz, zutiefst wahr für alle drei Beteiligten in ihrem spezifischen Unglück; Eduard Gluck beispielsweise ist pornosüchtig. Und doch wird hier die Geschichte einer Heilung erzählt.

Sieht man etwa Helene anfangs in deprimierend neutralfarbener Kleidung in ihrem deprimierend neutralfarbenen Haus agieren, Lampen putzen und Polster glätten, zieht sie bald aus in die Welt, steigt in einem kleinen Hamburger Hotel ab, in dem auch Eduard bald ein Zimmer bucht. Sex wird indes erst einmal nur verbal verhandelt, wenn am Zimmertelefon die pornografischen Fantasien vollkommen unerwartet herausbrechen aus Eduard – auch ein Übergriff. Helene beendet den Kontakt zunächst, nimmt ihn dann aber wieder auf.

„Gleißendes Glück“ erzählt die Geschichte dreier Menschen, die sich verloren haben. „Sie beginnt als eine komische Geschichte über ein ungleiches Paar und wird dann dunkler und dunkler … Je tiefer die Geschichte in die Verwicklungen der Figuren vordringt, desto schwerer fällt es, sich eine (Er-)Lösung für die beiden vorzustellen“, sagt Taddicken. Sein Film fasst das eigene Universum, das jeder Mensch verkörpert, in Bilder voller behutsamer Empathie für die Figuren, denen indes nie zu nahe getreten wird. Es ist ein Film über Dominanzen und Machtverhältnisse, die sich immer wieder verschieben, über Fantasien und deren vielleicht mögliche Realisierung, Voyeurismus und Exhibitionismus, über das Begehren und den Aufschub der Erfüllung. Und über Seinsfragen, die im Wortsinn existenzielle Bedeutung gewinnen, wenn Helene bei Lebensgefahr noch ein letztes Mal zu Christoph zurückkehrt.

Nicht zuletzt ist der Film unglaublich sexy, obwohl sich das meiste im Gesicht von Ulrich Tukur und Martina Gedeck abspielt. Gedeck legt irgendwann den eigenwilligsten Striptease der deutschen Kinogeschichte hin. „Ich bin kein guter Mensch. Ich tue nur nicht immer, was ich will“, sagt ihre Helene. „Gleißendes Glück“ ist Kinoglück.

Gleißendes Glück. D 2016. Regie: Sven Taddicken. 102 Min.

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