Lade Inhalte...

Neu im Kino: „Ein letzter Tango“ Aber wer gehört wem?

Liebe, Hass und Leid: Ein Dokumentarfilm zeigt das berühmte Tango-Paar María Nieves und Juan Carlos Copes.

Tanz im Regen: Szene aus "Ein letzter Tango". Foto: dpa

Ist das ein Tango-Film? Was für eine Frage. Die Hauptpersonen sind das wichtigste Paar in der jüngeren Geschichte dieses Tanzes: María Nieves und Juan Carlos Copes. Dauernd ist Tango zu hören, Tango zu sehen. Und dennoch ist der Tanz nicht die Hauptsache in diesem Film. Er handelt von zwei Menschen. Ihrer Beziehung. Ihrer Trennung. Und von der Erkenntnis, dass sie selbst in der Trennung nicht voneinander loskommen. Die beiden könnten auch Schauspieler sein oder Schriftsteller. Oder ein Metzger-Ehepaar aus Berlin-Spandau – wenn das denn so schöne Bilder hergäbe.

„Ein letzter Tango“ erzählt die ewige Geschichte von Mann und Frau und davon, was sie in der Lage sind, einander anzutun. An Liebe. An Leid. An Hass. Insofern ist es ein Film wie ein Tango. Denn um Liebesleid geht es in den meisten seiner Texte. In aller Regel sind sie aus der Perspektive des Mannes geschrieben, der die Geliebte anbetet. Oder ihr nachweint. Der wahre Star dieses Films von German Kral aber heißt María Nieves. Sie drückt der Geschichte des Paares ihren Stempel auf. Stellvertretend gibt sie damit der Frau im Tango eine Stimme. Der leidenden, vor allem: der kämpfenden Frau.

Das Wichtigste in diesem Film sind die Gesichter: Um Stolz und Beherrschung bemüht und doch so müde die Miene von Juan Carlos Copes; alle Regungen von Trauer und Resignation, Freude und Begeisterung nach außen tragend das Gesicht von María Nieves. German Kral zeigt sie ausgiebig. Aber bis ins Letzte mag er doch nicht auf sie vertrauen. Immer wieder müssen seine Protagonisten von A nach B gehen oder fahren – dabei ist doch alle Bewegung der Gemüter den lebensgegerbten Zügen dieser über 80 Jahre alten Menschen abzulesen.

Von der Kaschemme auf die Bühne

Ihre größten Erfolge als Tanzpaar feierten sie in den 70er und 80er Jahren. Aber Copes hatte schon früher eine Vision. Er wollte den Tango aus den Kaschemmen auf die Bühne bringen. German Kral lässt ihre jugendlichen Lookalikes einmal nachts im Regen auf einer Brücke tanzen. „Dancing in the Rain“. Die Filmstars Gene Kelly und Cyd Charisse waren ihre Vorbilder.

1983 dann der internationale Durchbruch: 1983 choreographierte Copes die Show „Tango Argentino“ mit ihnen beiden als Hauptdarsteller. Von Paris aus ging sie an den Broadway – und von dort um die Welt. In Buenos Aires war die Szene tot. Wie schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Tango auch in seiner Heimat erst als Reimport aus dem Ausland zum Hit. Das Revival nahm seinen Lauf.

Über Jahrzehnte prägte die Show das Image des Tanzes – das Rollenbild auf der Bühne kam direkt aus der Realität einer durchweg patriarchalen Gesellschaft. In einer der Spielszenen, die das Leben der beiden Hauptfiguren rekonstruieren, erfindet Kral dafür einen magischen Moment. Traditionell fordert ein Tanguero die für einen Tanz Erwählte mit einem wortlosen Augenkontakt auf. Als der 17-jährige Film-Juan seiner 14-jährigen María zum ersten Mal auf dem Tanzboden begegnet, wird aus diesem „Cabeceo“ eine herrische Kopfbewegung.

Wenn es später um ihre Trennung, erst als Paar, dann als Tanzpaar geht, behauptet er: „Sie dachte, ich gehöre ihr. Aber sie gehörte mir.“ Sie spricht von den Emotionen, die notwendig zum Tango gehörten. Erst habe sie aus Liebe mit ihm getanzt. Dann aus Hass. Nicht von ihm hat sie erfahren, dass er mit einer anderen Frau eine Beziehung hatte. Davon gab es viele. Aber in dieser gab es auch ein Kind. Sie hatte sich so sehr eins gewünscht, den Traum aber für die gemeinsame Karriere aufgegeben. „Ich konnte Kinder kriegen“, beharrt sie in einer der bewegendsten Szenen des Films. „Mehr will ich dazu nicht sagen.“

Auch die letzte ihrer beruflichen Trennungen wird er ihr nicht selbst mitteilen. Doch als Juan María zu ihrem gefeierten Bühnen-Comeback ohne ihn gratuliert, berühren sie einander in einer fast zärtlichen Umarmung.

Auch German Kral schafft es nicht, sie ihre Erinnerungen teilen zu lassen. Selbst Filmausschnitte aus gemeinsamer Zeit kommentieren sie jeder für sich. Er bleibt stets der stolze unbewegte Bilderbuch-Macho. Sie lässt die Zuschauer an ihrem Schmerz teilhaben. Dennoch bleibt am Ende kein Zweifel, wer von beiden heute glücklicher ist.

Ein letzter Tango. D/Argentinien 2015. Regie: German Kral. 85 Minuten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen