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Neu im Kino: „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ Die USA in ihrer tristen Gegenwart

Ang Lees Regiearbeit „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ zeigt die Vereinigten Staaten als tief zerrissenes und verlogenes Land.

Kinostart - "Die irre Heldentour des Billy Lynn "
Garrett Hedlund als Dime, Ismael Cruz Cordova als Holiday, Joe Alwyn als Billy und Vin Diesel als Shroom (v.l.n.r.) im Film „Die irre Heldentour des Billy Lynn“. Foto: dpa

Ich liebe dich. Das sagt Sergeant Shroom jedem seiner Soldaten. Jedem von ihnen schaut er dabei ins Gesicht. Ein kurzer, inniger Augenblick. Die Truppe kämpft irgendwo im Irak. Der Feind ist ganz nah, gleich geht es ins Gefecht. Der fürsorgliche, väterlich strenge Shroom verliert noch ein paar mahnende Worte an seine Männer – sie sollen ja aufpassen, aber auch die Zivilbevölkerung achten.

Dann stirbt der vom Actionstar Vin Diesel („Triple X“, „The Fast and the Furious“) ausdrucksstark gespielte Sergeant den Heldentod. So endet die zentrale Szene in Ang Lees Regiearbeit „Die irre Heldentour des Billy Lynn“, ein Film über Krieg und Religion, Fernsehen und Football, mithin ur-amerikanische Themen, ein Film aber auch über Heimat, Familie und Kameradschaft.

Der taiwanesisch-amerikanische Regisseur liefert ein beeindruckendes Panorama der USA in ihrer ganzen tristen Gegenwart. Dabei will Ang Lee nicht weniger als den großen Selbstbetrug einer Nation beschreiben. Weil das letzte Gefecht des Sergeant Shroom auf Video festgehalten wurde, ist auch der heldenhafte Einsatz des erst 19-jährigen Soldaten Billy Lynn überliefert: Mit gezogener Pistole verteidigt er Shroom ganz allein gegen den anstürmenden Gegner – und wird daraufhin mitsamt seinen überlebenden Kameraden auf eine zweiwöchige Heldentour an die Heimatfront geschickt. Sie treten überall auf, in Shopping-Centern und Skateboard-Parks, und werden gefeiert. Drahtige, saubere Kerle in schmucken Uniformen: So liebt das Publikum seine Soldaten.

Der Krieg sieht doch gar nicht so schlecht aus. Vor allem dem einfachen Soldaten Billy Lynn, diesem selbstlosen, zurückhaltenden, bescheidenen und freundlichen, kindlich und unschuldig wirkenden Kriegshelden, der eigentlich zu gut ist, um wahr zu sein – ihm jubeln die Menschen zu. Doch obwohl er all die Anerkennung auch genießt, behagt ihm der Trubel nicht: „Es ist irgendwie seltsam, für den schlimmsten Tag seines Lebens geehrt zu werden.“

Dem jungen, bislang unbekannten britischen Schauspieler Joe Alwyn ist dieser hin- und hergerissene Billy Lynn förmlich ins Gesicht geschrieben. Wo immer Ang Lee diesen erstaunlichen Schauspieler gefunden hat – eine bessere Besetzung ist kaum denkbar. Denn Joe Alwyn trägt die ganze Handlung, den ganzen Film.

Zum Showdown kommt es in Billy Lynns Heimatstadt. Es ist Thanksgiving, und die Propaganda-Truppe soll im Stadion der Dallas Cowboys auftreten. Billy sieht endlich seine Familie wieder, vor allem seine Schwester (Kristen Stewart) hat ihn sehr vermisst. Sie, die engagierte Kriegsgegnerin, versucht sogleich, ihn von der Rückkehr in den Irak abzuhalten – er soll desertieren – und hat dafür schon einen Rechtsanwalt in petto, der allerdings damit auch sein eigenes politisches Geschäft verbinden möchte. Im Football-Stadion begegnen den Soldaten noch andere Geschäftemacher, auch solche, die mit dem Krieg und dem Tod ihr Geld verdienen und das als ihre patriotische Pflichterfüllung ausgeben. Überall feistes Grinsen, überall reich gedeckte Tische mit Truthahn.

Der Besitzer des Football-Clubs Norm Oglesby (großartig zynisch: Steve Martin) klärt die Soldaten schließlich auf, dass sie jedwedes Recht an ihrer Geschichte verloren hätten, und will sie dann mit einem Filmprojekt über den Tisch ziehen. Im Stadion läuft unterdessen das Showprogramm ab, Billy und seine Kameraden sollen hier als Pausenfüller dienen und ihre Gesichter in die Kameras halten. Höhepunkt ist der gemeinsame Auftritt der acht Soldaten mit Destiny’s Child und ein großes Feuerwerk. Bei Ang Lee steht der Unterhaltungszirkus dem militärischen Drill in nichts nach, minutiös geplant läuft die Maschine, und die Soldaten tun, was sie gelernt haben: gehorchen. Dass sie auch hier Kanonenfutter sind, wird ihnen spätestens klar, als sie von den Bühnenarbeitern verprügelt werden.

Eine entscheidende Szene, die Prügel hat nämlich ihren besonderen Grund: Billy und seine Kameraden kamen nicht rechtzeitig von der Bühne und gefährdeten deswegen den reibungslosen Fortgang der Show – das ohrenbetäubende und augenblendende Feuerwerk hatte ihre Kriegstraumata aufbrechen lassen, benommen, orientierungslos standen sie da und störten nur noch. Davon will an der Heimatfront niemand etwas wissen, die Roadies verteidigen nur ihr Terrain. Immer greller beleuchtet Ang Lee den Irrsinn des militärisch-industriellen Unterhaltungskomplexes.

Dazu gehört auch die Begegnung zwischen Billy und der engelsgleichen Cheerleaderin Faison (Makenzie Leigh), eine Romanze bahnt sich an, aber als er ihr vorschlägt, gemeinsam zu fliehen und glücklich zu werden, ermahnt sie ihn, ja bloß Kriegsheld zu bleiben, das sei schließlich, was sie an ihm liebe. Zum Abschied verspricht sie treuherzig, für ihn zu beten.

Ang Lees „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ zeigt eine von unvereinbaren Partikularinteressen zerrissene Gesellschaft, die in zwar entleerten, aber möglicherweise deshalb umso besser funktionierenden und hochprofitablen Ritualen zusammenfindet. Dass hier Menschen wie Billy keine Heimat mehr finden, dass Menschen wie er, die ihr Leben für dieses Land zu geben bereit sind, in eben diesem Land nicht mehr gehört werden, und dass für sie Liebe und Gemeinschaft nur noch in weit entfernten Kriegen zu erfahren ist – das ist das eigentliche Thema Ang Lees. Er lässt uns die USA als einen unwirtlichen Ort sehen, als eine an ihrer Frivolität und Bigotterie zugrunde gehende Nation. Er schlägt damit einen Ton an, der dem eines Clint Eastwood nicht unähnlich ist.

Die irre Heldentour des Billy Lynn. USA 2016. Regie: Ang Lee. 113 Min.

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