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Neu im Kino: Die Insel der besonderen Kinder Zuviel Burton im neuen Tim Burton

So zauberhaft und doch nicht genug: Tim Burton legt seine Handschrift über jede Szene seines neuen Fantasy-Dramas „Die Insel der besonderen Kinder“.

Ella Purnell, das junge Dornröschen aus „Maleficent“, spielt diese Nixe mit den bleischweren Füßen. Foto: epd

Da geht man ins Kino, um einen Tim-Burton-Film anzuschauen, und alles, was man zu sehen bekommt, ist ein Tim-Burton-Film. Ist es nicht ungerecht, einem der wenigen Hollywoodregisseure, die überhaupt noch eine unverkennbare Handschrift haben, genau deren Allgegenwart plötzlich vorzuhalten?

Es dauert nur einen Bruchteil der gut zwei Stunden Laufzeit, bis sich aus dem erfüllten Glücksversprechen die leiseste und doch vielleicht traurigste aller Enttäuschungen ihren Weg bahnt – die der eingelösten Erwartung. Man kennt dieses Gefühl aus Konzerten der Lieblingsband: Alles kommt vor, was man hören will. Nur irgendwie klingt es glatt und rund und ohne Zauber.

Jedes einzelne dieser „besonderen Kinder“, die da auf einer walisischen Insel in einer Zeitschleife leben, glaubt man bereits aus einem Burton-Film zu kennen: Das Mädchen mit dem Alice-im-Wunderland-Gesicht, das leichter als Luft ist und deshalb bleierne Schuhe tragen muss. Den Jungen mit dem angestrengten Blick, der tote Körper für einige Zeit wie ein Marionettenspieler in Aktion versetzen kann. Oder jenes puppenhafte Wesen, das aussieht wie eine Prinzessin, aber sein Essen durch ein Haifischmaul am Hinterkopf aufnehmen muss. Man sieht förmlich Burtons genialischen Tuschstift beim Skizzieren dieser herrlichen Figur; sie hätte das Zeug zu einer tragischen Heldin, wenn er sich doch nur etwas eingehender mit ihr beschäftigt hätte. Isoliert von der Zeit erleben die Kinder stets den gleichen Tag des Kriegsjahrs 1943, auch wenn sie gewisse Freiheiten in der Gestaltung dieser 24 Stunden erleben bis zum immergleichen Ritual: Da wehrt die von Eva Green gespielte Internatsmutter mit Zauberhand den Einschlag einer deutschen Bombe ab. In Ransom Riggs’ Beststeller-Vorlage „Miss Peregrine’s Home for Pecualiar Children“ ist dies die Titelfigur.

Nicht anders als das Leben in dieser Zeitschleife ist es derzeit auch um das Kino des Tim Burton bestellt: Gefangen in einem zum Markenzeichen geronnenen Personalstil sind den Wundern enge Grenzen gesetzt. Selbst das verwunschene Herrenhaus, in dem die Kinder leben, vor allem aber die zu Figuren geschnittenen Parkfiguren bergen ein Déjà-vu: Offensichtlich gehörte schon Edward mit den Scherenhänden zu den früheren Bewohnern. Damals, als Burton und sein Lieblingsschauspieler Johnny Depp mit jedem Film gewachsen sind, erfanden sich Burton stets aufs Neue, von „Ed Wood“ bis „Sweeney Todd“. Genau diese Verwegenheit ist nun verloren. Spätestens seit „Alice im Wunderland“ legt sich immer wieder eine Art Spielberg’scher Feenstaub auf die Visionen dieses dunklen Prinzen von Hollywood.

Ein Junge aus der Gegenwart (Asa Butterfield) hat sich vom fernen Florida auf den Weg zu dieser Insel gemacht, wo die besonderen Kinder leben wie Peter Pans „verlorene Jungen“. Die Geschichten seines verstorbenen Großvaters haben Jake nicht losgelassen, denen er als einziger Glauben schenkt. Tim Burton wäre nicht Tim Burton, wenn er mit der Rolle des Opas keinen verehrten Veteranen bedacht hätte, den großen Terence Stamp. Die Exposition gehört zum Besten an diesem Film: Als der alte Mann Opfer eines vermeintlichen Wildtiers wird, glaubt der Junge schemenhaft ein Ungeheuer zu erkennen. Tatsächlich vermag er Geister zu sehen, die anderen verborgen bleiben. Eine Gabe, die ihn ebenfalls zu einem jener „besonderen Kinder“ macht, denen er seinen Besuch abstattet.

Noch immer ist Burton die erste Wahl, wenn es darum geht, das Märchenhafte mit dem Makabren zu verbinden. Wie sich herausstellt, stehen den begnadeten Kindern sehr ungnädige Feinde gegenüber, Schattenwesen, die eigentlich zur Unsichtbarkeit verdammt sind, jedoch durch eine spezielle Nahrung zu Wesen aus Fleisch und Blut werden können: Menschliche Augen sind das Lebenselixier ihrer vampirischen Existenz, und der Graf Dracula unter ihnen ist ein Finsterling namens Barron, mit leuchtend animierten Augen gespielt von Samuel L. Jackson.

Im Universum der Burton-Schurken hat er wohl des geringste Charisma. Aber jetzt tappen wir schon in die Falle des Fans, der sich genau das wünscht, was er aus anderen Burton-Filmen liebt: Jene Tragik im Monströsen, wie sie ein Danny DeVito so unvergesslich als Pinguin in „Batmans Rückkehr“ verkörperte.

Nein, wir sollten ja eigentlich dankbar sein: Auch ein zweitklassiger „Tim Burton“ ist immer noch besser als fast alles, was sonst in Hollywood als Fantasy firmiert. Das Schönste ist eine zarte Liebesgeschichte, die zu Augenblicken surrealer Romantik führt, wenn sich Jake auf einem Schiffswrack unter Wasser in das schwerelose Mädchen verliebt. Nun endlich stört uns auch der 3D-Effekt nicht mehr, der den ganzen Film wie durch Aquarienscheiben betrachtet hatte erscheinen lassen.

Ella Purnell, das junge Dornröschen aus „Maleficent“, spielt diese Nixe mit den bleischweren Füßen. Der Effekt dieser großartigen Szenen ist freilich ein digitaler: Einmal tief Luft geholt, pustet sie alles Wasser aus dem Schiffsbauch und teilt ihr Refugium mit dem betörten Jake. Kein Wunder, dass er nun selbst atemlos erscheint angesichts dieses jungen Talents: A star is born.

Leider wirken solch großartige Szenen nur noch als Nummern innerhalb einer Kette von höchst unterschiedlichen Attraktionen – das ist ein Manko, das nach „Alice“ auch bei Burtons „Dark Shadows“ zu beklagen war. Es fehlt jener emotionale Bogen, der Burtons frühe Outsidergeschichten stets bei allen Schauwerten geerdet hat.

In Hollywood spricht man von einem „signature style“, wenn ein Filmemacher eine klare Handschrift hat. Doch Persönlichkeit ist mehr als eine Unterschrift und Stil allein noch keine Kunst. Burton mag es noch nicht bemerkt haben, aber auch in der bildenden Kunst ist die Zeit mächtiger Signaturen auf der Bildfläche lange vorbei.

Die Insel der besonderen Kinder. USA 2016. Regie: Tim Burton. 127 Minuten.

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