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Neu im Kino: „Der junge Karl Marx“ Schönheit der Sprache von Marx und Engels

Raoul Pecks kluger Biografiefilm „Der junge Karl Marx“ läuft in den deutschen Kinos an. Dem Regisseur gelingt es, dass selbst komplexe theoretische Zusammenhänge nicht verloren gehen.

The Young Karl Marx
Vicky Krieps und Stefan Konarske. Foto: Kris Dewitte

Mit seinem Film „Die andere Heimat“ führte Edgar Reitz 2013 dem Kino einen dunklen Fleck vor Augen. Wie viel mehr lehrt uns die Filmgeschichte über das Amerika des mittleren 19. Jahrhunderts als über den Vormärz in Deutschland? Nicht einmal eine große Filmbiografie über Karl Marx hat es bislang gegeben – abgesehen von zwei Fernsehserien, die 1980 in der DDR und der Sowjetunion entstanden.

Schon in der ersten Szene malt Raoul Peck, der aus Haiti stammende Regisseur, der an der Berlin DFFB Film studierte, diese Lücke in breiten Pinselstrichen aus. Sie spielt in einem malerischen Wald, doch nicht die Brüder Grimm sind hier auf Märchensuche, sondern eine Schar verarmter Bauern sammelt lose Äste. Während aus dem Off ein Karl-Marx-Text die Ungerechtigkeit anprangert, dass auf den Diebstahl toten Holzes die gleiche Strafe stehe wie auf das Abtrennen von Ästen, ist es auch schon um die Waldbesucher geschehen. Mit äußerster Brutalität prügeln reitende Gesetzeshüter auf sie ein.

„Das Volk spürt die Strafe, aber es sieht nicht das Verbrechen“, warnt der „junge Karl Marx“, dem wir bald darauf 1843 in den Kölner Redaktionsräumen der „Rheinischen Zeitung“ begegnen. „Und da es kein Verbrechen sieht, wo es bestraft wird, solltet ihr es fürchten. Denn es wird sich rächen.“

Stolz verteidigt der von August Diehl mit Mut zur Unleidlichkeit gespielte Autor seine Debattenbeiträge, auch wenn die Zeitung bereits den Kampf gegen die Zensur verloren hat und vor der Schließung steht. Und bereits hier, fünf Minuten nach Filmbeginn, ist man eigentlich schon mitten in der Gegenwart: Auch 160 Jahre später lässt sich wieder jeden Tag erleben, dass die Pressefreiheit selbst in Europa so schnell Feuer fangen kann wie trockenes Zeitungspapier.

Man erwartet eine gewisse Emphase von Biografiefilmen, gleich ob sie nun lebenslange Karrieren nachzeichnen oder – wie in diesem Fall – prägende Momente in der Jugend.

Der von Pascal Bonitzer und Raoul Peck geschriebene Film hält diese Emphase nicht nur über zwei Stunden aufrecht, sondern findet einen Weg, gerechten Zorn mit emotionaler Wärme zu orchestrieren. Dass dabei selbst komplexe theoretische Zusammenhänge nicht verloren gehen, macht ihn zu einer Seltenheit.

Raoul Peck, der gerade erst für seinen neuen Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ für einen Oscar nominiert war, gehört zu den wenigen Regisseuren, die ein politisch und sozial engagiertes Ausstattungskino beherrschen. Die Kompromisslosigkeit, mit der er sich weigert, Historisches durch Genre-Elemente zu verwässern, machte seinen bekanntesten Film „Lumumba“ manchmal etwas kantig. Hier jedoch kommt – wie in einer glänzenden Rede – Diskursives durchaus schwelgerisch daher. Es ist ein schwungvolles historisches Abenteuerstück über die Freundschaft eines Trios junger Intellektueller.

Neben dem von Stefan Konarske mit gewinnendem Charme ausgestatteten Friedrich Engels wird Marx’ Frau, die spätere Sozialistin Jenny (Vicky Krieps), zur dritten Protagonistin. Leichthändig werden die turbulenten historischen Ereignisse einer rasanten ökonomischen und politischen Umwälzung mit den theoretischen Leistungen von Marx und Engels verbunden. Trotz der vielen Schauplätze wirkt die Ausstattung nie billig, doch die eigentlichen Schauwerte stecken im Dialog, wie schon ein Blick ins Drehbuch zeigt: „Marx: ‚Revolutionen sind wie Vulkane, sagt Hugo, sie speien einen Tag lang Feuer und dann mehrere Jahre lang Rauch. Sobald es heißt: Feuer, denkt niemand mehr nach.‘ – Engels: ‚Wenn es Feuer heißt, Karl, muss man hingehen. Ich schließe mich der Miliz von Wilhelm an und kämpfe…Die Revolution ist hier auf dem Kontinent.‘ – Karl: ‚Du irrst dich…. Sie zeigt sich nicht in Blut und Flammen, sie findet in der Tiefe statt… Sie ist die Zukunft…’“

Dass so viel klassenkämpferische Rhetorik der Seriosität nicht im Wege steht, hat auch mit der Entscheidung zu tun, die Originalversion jeweils in der Sprache der Spielorte zu drehen. So feiert dieser Film auch die Schönheit der Sprache von Marx und Engels bis zur Krönung ihrer prägenden Jahre, mit der der Film endet – dem „Kommunistischen Manifest“.

Der junge Karl Marx. D 2017. Regie: Raoul Peck. 118 Min.

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